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Wieder einmal ein Independent-Film mit Tim Roth, der sehr unter die Haut geht. Mit "Die Legende vom Ozeanpianisten" oder auch "Unter Brüdern" bewies Roth, dass er zu den ganz großen, trotz seines recht jungen Alters, der Schauspieler gehört. Er verfügt über eine Mimik, die sehr mitreißend sein kann, sei es Freude oder auch Trauer. "Little Odessa" ist wieder einer dieser kleinen Filme, die trotz ihrer Unbekanntkeit wahrscheinlich mehr bewegen als millionenschwere Hollywood-Produktionen. Denn Regisseur James Gray schafft es, mit fast schon qualvoll langen Kameraeinstellungen, die mit solch einer Ruhe getätigt werden, beim Zuschauer Gefühle zu erregen, die ganz und gar deprimierend sind. Wie so oft wendet sich ein kleines Filmchen völlig dem Mainstream ab und wartet mit einem Unhappy-End auf, das wohl in der Filmgeschichte in dieser Kategorie in Sachen Dramatik ziemlich weit vorn stehen könnte. Wer nach "Little Odessa" gutgelaunt und lustig ist, hat den Film entweder schlecht gefunden oder einfach nicht verstanden.
Tim Roth spielt im Film Joshua, der als Killer für die russische Mafia arbeitet. Seit Jahren hat er seine Familie, die in Little Odessa, einer kleinen Stadt in den USA, lebt, nicht mehr gesehen, da er eines Tages nach einem Mord von dort geflohen ist. Ein Auftrag jedoch führt ihn zurück in seinen Heimatort. Bei seinem jüngeren Bruder (Edward Furlong) ist er sehr willkommen, vergöttert diesen ihn sozusagen fast, doch bei seinen Eltern stößt er nicht gerade auf große Freude. Als dann auch noch ein paar Angehörige desjenigen, den Joshua vor Jahren einmal getötet hat, in Erfahrung bringen, dass sich dieser zur Zeit in Little Odessa aufhält, eskaliert die Situation.
Der Film beginnt wie eine Kurzgeschichte, er beginnt mitten im Geschehen, indem man Joshua sieht, wie er gerade einen seiner Aufträge erledigt. Danach wird einem kurz Joshuas kleiner Bruder vorgestellt, der im Kino sitzt und sich einen alten Western ansieht. Im Anschluss folgt die Titelsequenz, in der im Hintergrund eine fahrende U-Bahn gezeigt wird und im Vordergrund die Namen der Beteiligten stehen. Schon da merkt der Zuschauer, dass es sich um einen Independent-Film handelt, der hauptsächlich von seinen intensiven Bildern und deren Ruhe bestimmt wird. Und so ist es auch dann. Oft wird mit der Kamera einfach nur auf eine Person gezoomt, richtig langsam, teilweise sagt die Person auch gar Nichts. Unterlegt werden solch Szenen mit grandioser, gänsehauterzeugender Musik, die abwechselnd an einen Frauen- und Männerchor in einer Kirche erinnert.
Die Protagonisten werden sehr genau beschrieben im Verlauf des Films. Im Vordergrund steht vor allem die unglaubliche Bruderliebe, die Tim Roth und Edward Furlong an den Tag legen. Beide brillieren übrigens in ihren Rollen. "Little Odessa" lebt vor allem von seiner Realitätstreue. Es gibt keine Hollywood-üblichen Klischees, die nur irgendwelchen Helden widerfahren, er wird das gezeigt, was wirklich realistisch erscheint und auch so erscheinen könnte. Das ist die größte Stärke des Films. Es ist alles einfach so verdammt realistisch, an manchen Stellen wird es extrem spannend, ohne dass nur ein kleines Bisschen spannungsfördernde Musik zu hören ist. In Hollywood-Filmen wäre so was unmachbar.
Jeder, der kleine Independent-Produktionen mag und liebt, ist mit "Little Odessa" bestens bedient. Für mich ein Stück Filmgeschichte, weil es derartige Werke viel zu selten gibt und auch viel zu wenig Regisseure den Mut haben, solche zu drehen. Daher ein Riesenlob an James Gray und alle anderen Beteiligten, selten habe ich einen mitreißenderen Film gesehen, der dazu noch so unter die Haut geht. 10/10 Punkte

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