Review

Tatort: Das Nest

„Wir sind, wer wir sind.“

Im sechsten Dresdner „Tatort: Wer jetzt allein ist“ sagte Alware Höfels leider Lebwohl, an Oberkommissarin Karin Gorniaks (Karin Hanczewski) Seite wurde somit ein Platz frei. Dieser wurde in „Das Nest“ mit Cornelia Gröschel als Kommissarin Leonie Winkler neu besetzt. Zwar durfte mit Alexander Eslam („Bissige Hunde“) ein noch relativ unerfahrener Regisseur auf dem Regiestuhl platznehmen, fürs Drehbuch ging man aber auf Nummer sicher und verpflichtete mit Erol Yesilkaya einen Mann als Autor, der bereits diverse herausragende Beiträge zur Krimireihe für sich verbuchen konnte.

Ein nächtlicher Autounfall lässt die verletzte Maja Peters (Judith Neumann, „Liebesfilm“) ein abgelegenes Hotel aufsuchen, das jedoch leersteht – bis auf einen maskierten Mörder, der gerade eines seiner Opfer bearbeitet. Peters alarmiert die Polizei, woraufhin das SEK zusammen mit Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach), der Ermittlerin Gorniak und der neuen Kollegin Winkler das Gebäude durchsucht. Man findet weitere Leichen, mit denen der Mörder offenbar Alltagssituationen menschlichen Zusammenlebens wie in einem Puppenhaus nachgestellt hat. Doch es gelingt ihm, Gorniak ein Messer in den Bauch zu rammen und zu entkommen. Zwei Monate lang ist sie außer Gefecht gesetzt und tritt zunächst ihren Dienst in der Asservatenkammer wieder an. Winkler aber ist auf sich allein gestellt mit dem Fall überfordert. Gorniak ist von der Zusammenarbeit mit ihrer neuen Kollegin zunächst wenig begeistert, hat diese doch durch ihr zögerliches Verhalten es dem Täter erst ermöglicht, zuzustechen. Die Chance, den Mörder dingfest zu machen, verleiht Gorniak jedoch neue Kraft. Der Kreis der Verdächtigen reduziert sich schließlich auf zwei Personen, Mitarbeiter derselben Klinik: Chirurg Christian Mertens (Benjamin Sadler, „Ein Atem“) und Krankenpfleger Bernd Haimann (Wolfgang Menardi, „Bergblut“). Einer von ihnen ist der Mörder und bringt kurzerhand den anderen um, um den Verdacht auf ihn zu lenken…

Die durch den Rückzug von Autor Ralf Husmann immer ernster gewordene Dresdner „Tatort“-Reihe um ein weibliches Ermittlungsduo muss nun also eine neue Ko-Hauptrolle einführen, die es im Drehbuch alles andere als leicht hat, womit man die Tradition erschwerter Neuanfänge für neue Kollegen oder Kolleginnen fortsetzt. Eigentlicher Star dieses Falls ist jedoch der Mörder, denn nach anfänglichem Whodunit? avanciert „Das Nest“ schnell zum Thriller, der viel vom Täter zeigt und dem Publikum einen Informationsvorsprung gegenüber den Ermittlerinnen gewährt. Und dies alles wohlgemerkt nach einem herrlich gruseligen Auftakt, der an die Finals manch Slasher erinnert, in denen das Leichenversteck des Mörders entdeckt wird.

Der Mörder ist ein unauffälliger netter Familienvater von nebenan, der seiner eigentlichen Passion exakt durchkalkuliert und eiskalt nachgeht und Gorniak dadurch einmal mehr in akute Lebensgefahr bringt. Das ist hochspannend inszeniert und mündet in ein Finale, dessen Ausgang den Zuschauerinnen und Zuschauern aus Sicht der Ermittlerinnen präsentiert wird, dessen tatsächlicher Verlauf jedoch schwammig bleibt – wahrscheinlich ist jedoch, dass hier im Prinzip ein Fall von Selbstjustiz vorliegt, der von der Polizei vertuscht wird und um das Verständnis des Publikums buhlt. Das mag problematisch und diskussionswürdig sein, macht diesen Fall jedoch keinesfalls schlechter. Seine Ermittlungsarbeit lebt vom Kontrast zwischen Gorniak und Winkler, der zum Gegensatz von praktischer, intuitiv geleiteter, manch Grenzüberschreitung hinnehmender Polizeiarbeit und auf der einen und eher verunsicherter, theorie- und faktengestützter Vorgehensweise auf der anderen Seite avanciert, womit beide Charaktere, die sich in den folgenden Episoden weiter zusammenraufen werden müssen, grob umschrieben wäre. Winklers „Ladehemmung“ zu Beginn erinnert an den Fall „Waffenschwestern“ mit Andrea Sawatzki, nimmt jedoch einen anderen Verlauf. Gorniak scheint sich an der Seite Winklers ein Stück weit neu zu erfinden bzw. stärker in Alwara Höfels ehemalige Rolle einzufinden.

Schade, dass der Fall trotz aller Qualitäten etwas unrund wirkt, da man aus dem starken Motiv aus der Exposition, den drapierten Leichen, nichts machte: Die Beweggründe des Mörders bleiben höchst diffus, eine tiefere Auseinandersetzung mit seinen psychischen Defekten wäre wünschenswert gewesen und hätte das Potential gehabt, „Das Nest“ auf den Dresden-„Tatort“-Olymp zu heben. So bleibt ein starker Fall, der verdammt gute Thriller-Unterhaltung mit Gänsehaut-Momenten bietet, jedoch nicht alle losen Enden befriedigend zusammenführt. Auf die weitere Entwicklung im „Tatort“-Dresden darf man nichtsdestotrotz gespannt sein!

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