Verläuft im Sand
Natürlich braucht es den Großteil der Live-Action-Neuauflagen von Disneys animierten Klassikern nicht, natürlich geht’s da fast nur um leicht verdiente Kohle und natürlich kann sich selbst ein Will Smith nahe Topform nicht mit dem einzigartigen Robin Williams messen. Doch all das macht aus dem neuen „Aladdin“ noch lang keinen Flop, weder qualitativ geschweige denn monetär. Das sind zwei paar Schuhe und der Aufschrei nach den Trailern über Will Smith, Genie-Hautfarben und miese Effekte war mal komplett hysterisch, voreilig, überzogen. Typisch Internet. Das Endprodukt? Fast schon zu hübsch, durch den Big Willie-Style mehr oder weniger gerettet und sehr nahe am Original. Sieh an, sieh an. Die Story ist bekannt wie ein sprechender Papagei - Dieb, Prinzessin, Wunderlampe, Genie, Wünsche, Bösewicht. Fliegender Teppich, großer Tiger, Zauber, Farben, arabische Nächte. Keine allzu neue Welt würde ich mal behaupten... Es wird sich wirklich ganz auf Altbewährtes verlassen und in Nostalgie gebadet. Mut ist anders, falsch macht man so aber natürlich auch nichts. Man verlässt sich auf die Stärken eines noch immer grandiosen Originals. Und bläst diese etwas zu sehr auf.
Guy Ritchie mag Ganoven und Gangster, also dachte er sich wohl, wenn ein Film für die Maus, dann dieser. Leider ist von seinem Stil wenig bis gar nichts zu sehen und „Aladdin“ wirkt oft wie ein Film, gemacht von einer Firma statt eines Künstlers, Regisseurs, Individuums. Außer einem (auch noch ziemlich unschönen) Vorspuleffekt erinnert hier nichts an „Snatch“ und Co. Was schade ist. Etwas mehr Kante und Charakter hätten dem 2019er Aladdin sicher gut getan. Außerdem wirkt die arabische Welt hier viel zu steril, viele Effekte scheinen unfertig, der Bösewicht ist lächerlich fehlbesetzt und es funktioniert mit echten Darstellern nicht alles, was nahezu 1:1 aus dem Zeichentrickfilm herüberkopiert wird. Die fast 40 Minuten mehr werden außerdem kaum sinnvoll ausgefüllt und vor allem das Finale ist, gerade im Gegensatz zum Original, mehr als nur enttäuschend. Ist „Aladdin“ also ein Reinfall, unnötig, hässlich und kein guter Film? Nein, zum Glück nicht. Und hier kann sich Disney beim Fresh Prince bedanken. Will Smith als Genie ist das Herz und der Rhythmus des Films. Laaange hat man ihn nicht mehr derart aufdrehen sehen. Toll! Außerdem haben es die Songs noch immer drauf Gänsehaut zu verleihen, das Grundgerüst bleibt zeitlos, die Chemie zwischen Aladdin + Jasmine funkt schüchtern und die Prinzessin bekommt sogar etwas mehr Power und einen klasse neuen Song, der zur aktuellen Zeit und der positiven Entwicklung in dieser Richtung passt. Außerdem sind die Sidekicks wie Aboo oder der fliegende Teppich auch dieses Mal Szenenstehler und der Film verbreitet einfach eine gute, unschuldige, hyperaktive Laune. Safe, nie zu düster, nie zu weit weg von der Vorlage. Das kann Grund genug für Enttäuschung sein. Das kann in Kombi mit den genannten positiven Aspekten aber auch reichen für einen farbenfrohen und magischen Kinoabend.
Fazit: ich kann die viele Kritik verstehen - vom blassen Jaffar bis zur viel zu sauberen Stadt Agrabahr, von der fragwürdigen Daseinsberechtigung bis zu schwächelnden Computereffekten, der fehlenden DNA Ritchies oder den eher bemühten als talentierten Jungdarstellern - und im Endeffekt hat mir das Ding trotz allem eine Menge Spaß gebracht. Und sei es nur dank Smith und einer gesunden Prise Nostalgie. Ein buntes, herzliches, flaches Spektakel für die ganze Familie. Kein großer Wurf, aber fast schon routiniert zauberhaft.