Review

Deutschland im Sommer 2003: Die ganze Bevölkerung schwimmt auf der „Ostalgie“-Welle, Oliver Geissens Gesicht wird durch die unzähligen DDR-Shows unerträglich. Auslöser für diesen Trend war u.a. Wolfgang Beckers „Goodbye, Lenin!“, im Nachhinein einer der erfolgreichsten deutschen Filme überhaupt.

Verdientermaßen, muss man sagen, denn Becker gelang hier das Kunststück, einen Teil deutscher Geschichte weder zu glorifizieren, noch zu verdammen, sondern dem Zuschauer einen nostalgisch-verklärten Blick in die jüngere Vergangenheit zu ermöglichen. Die Stimmungslagen reichen von leicht melancholisch hin zu völlig verbittert, etwa wenn das sozialistische Regime mit äußerster Brutalität gegen friedliche Demonstranten vorgeht und so jegliche Gefahr eines Aufstandes niederschlägt. Inmitten dieser Zeit lebt der junge Alex Kerner zusammen mit seiner Schwester und seiner Mutter in einer DDR-typischen Plattenbausiedlung. Weil Alex Mutter einen Herzinfarkt erleidet, infolgedessen sie für 8 Monate im Koma liegt, verpasst sie die komplette Wiedervereinigung, was bei ihrem Aufwachen sehr ungünstig ist, da sie jede Aufregung zugunsten ihrer Gesundheit tunlichst vermeiden sollte. Also entschließt sich Alex kurzerhand dazu, die DDR auf den 79 Quadratmetern ihrer Wohnung weiterleben zu lassen und arrangiert allerhand, um der Mutter ihren Traum einer antikapitalistischen Gesellschaft weiterträumen zu lassen.

Wie Wolfgang Becker das umgesetzt hat, verdient in höchstem Maße Anerkennung. Alleine die zahlreichen Nebenplots wären interessant genug, um mehrere Filme damit zu füllen (Suche nach dem Vater, Alex' Liebe zur Krankenschwester Lara, Lebenswandel nach dem Mauerfall, etc.), dazu kommt eine visuelle Umsetzung, bei der man auch auf die Feinheiten geachtet hat, sodass ehemaligen DDR-Bürgern beim Ansehen stellenweise die Tränen kommen dürfte. Die Plattenbausiedlungen, die Zimmertapeten, die Jugendchöre oder auch die Spreewaldgurken lassen den Staat vor unseren Augen wieder auferstehen und geben davon ein ganz objektives Bild. Becker verzichtet auf eine Wertung, ob das Regime nun gut oder schlecht war, sondern zeichnet ein realistisches Bild nach, dass weder die positiven noch die negativen Seiten vernachlässigt.

So entsteht aus „Goodbye, Lenin!“ ein warmherziger Film zum Eintauchen, wozu auch eine exzellente Besetzung sowie der eingängige Score von Yann Tiersen („Die fabelhafte Welt der Amélie) beiträgt. Wer die DDR selbst miterlebt hat, könnte sich möglicherweise in irgendeiner Figur wiedererkennen, alle anderen werden verstehen, warum der ein oder andere Ost-Bürger sich nach alten Zeiten zurücksehnt, obwohl mit dem Anschluss an Westdeutschland doch alles besser werden sollte. Weil damit ein breites Publikum angesprochen wird und der Film darüber hinaus qualitativ unbestreitbar hochwertig ist, ist der unglaubliche Erfolg von „Goodby, Lenin!“ nachvollziehbar und auch verdient. Wünschenswert, dass man so etwas öfters von deutschen Regisseuren sieht.

Details
Ähnliche Filme