Das Ende von „John Wick 2“ hatte bereits angedeutet, dass die Saga um den aus dem Ruhestand zurückgekehrten Profikiller weitergehen würde. „John Wick 3“ schließt dann auch tatsächlich direkt an die Fortsetzung an, quasi nahtlos an dessen letzte Szene.
Wir erinnern uns: John Wick (Keanu Reeves) tötete seinen Kontrahenten Santino D’Angelo auf dem Grund und Boden des Continental-Hotels, nachdem dieser gerade in die Hohe Kammer der Unterwelt aufgenommen wurde und dort Schutz suchte. Für diesen Regelbruch wurde er von ebenjenem Rat exkommuniziert, während sein alter Freund, der Continental-Chef Winston (Ian McShane), ihm immerhin eine Stunde Vorsprung verschaffen konnte. Während John also durchs nächtliche New York hetzt, ehe ein 14 Millionen Dollar schweres Kopfgeld in Kraft tritt, trifft er Vorbereitungen fürs Untertauchen, holt wichtige Utensilien aus Verstecken und darf sich direkt nach Ablauf der Gnadenfrist mit Ex-Kollegen schlagen, was zu einer mehrteiligen, bereits wahrhaft kreativen Auftaktactionsequenz führt, deren Highlight ein Kampf in einem Waffenlager ist, in dem sowohl Wick als auch seine Kontrahenten Unmengen von Messern, Dolchen und Äxten finden.
Doch die Flucht vertieft auch das Wordbuilding sowie die Charakterisierung von John selbst: Er sucht eine russische Mafiapatin (Anjelica Huston) auf, die für sein Training verantwortlich war. Noch heute werden junge Frauen dort im Ballett, junge Männer im Nahkampf unterrichtet. Man erfährt Johns ursprünglichen Namen und mehr über weitere Regeln und Zahlungsmittel der Unterwelt. Etwa ein Ticket in Form eines Rosenkranzes, das John einmalig einsetzen kann. Beim Ausbau der „John Wick“-Welt erhält Originalautor Derek Kolstad erstmals Unterstützung von den Kollegen Shay Hatten, Chris Collins und Marc Abrams, doch tatsächlich fügt sich auch Teil 3 nahtlos in den Kosmos der bisherigen Filme ein.
Während John alte Schulden eintreibt und sich auf den Weg nach Marokko auf die Suche nach dem Vorsitzenden der Hohen Kammer macht, erscheint eine Schiedsrichterin des Konzils (Asia Kate Dillon) in New York. Sie soll nicht nur John Wick, sondern alle, die ihn unterstützt haben, zur Rechenschaft ziehen. Zu diesem Zweck heuert sie den extrem gefährlichen Profikiller Zero (Mark Dacascos) an…
Im Vergleich zu den Vorgängern fügt „John Wick 3“ der comichaften Profikiller-Unterwelt nicht mehr so viel Neues hinzu, baut einzelne Aspekte aus und zeigt etwa die Continental-Filiale in Casablanca, aber kann auf gute Vorarbeit bauen. Auch wenn der Film es manchmal übertreibt: Zumindest das mit übertriebenem Mystik-Mumbo-Jumbo aufgeschäumte Treffen mit dem Ratsvorsitzenden in der Wüste wirkt bisweilen etwas albern. Dies gehört zu den kleineren Schwachpunkten des Films, ebenso wie Johns vorgetragene Motivation, dass er weiterleben wolle, um sich an seine verstorbene Frau erinnern zu können, was dann doch etwas dünn wirkt. Aber irgendwie muss der Actionmotor ja am Laufen gehalten werden und dafür reicht ein todessehnsüchtiger Killer ohne Ziel für eventuelle Rache eben nicht. John Wicks Rachlust könnte dafür in einem etwas überdeutlich angekündigten vierten Teil neue Nahrung bekommen.
Von diesen Schwächen aber einmal abgesehen liefert auch „John Wick 3“ wieder mächtig ab. Schon allein der erwähnte Auftakt pulverisiert mehr oder weniger alles, was seit Teil 2 an klassischer Action über die Leinwände flimmerte. Neben diversen kleineren Scharmützeln kleinerer Natur gehören zum Programm des dritten Teils: Ein aufwändiges Gefecht in Casablanca, bei dem die zwei hervorragend abgerichteten Schäferhunde von Ex-Killerkollegin Sofia (Halle Berry) zum Einsatz kommen, eine Motorradjagd inklusive Feuergefecht und Schwertkampf sowie der Showdown, der als eine Art „Assault on Precinct 13“-Version beginnt, ehe John dann aktiv gegen seine Gegner auf dem Gelände vorgeht. Dabei gibt es erneut atemberaubend choreographierte Fights und Shoot-Outs, für die erneut der erfahrene Stunt Coordinator und Fight Choreographer Jonathan Eusebio verantwortlich zeichnet. Wie gewohnt wechselt Wick nicht nur blitzschnell die Waffen, sondern switcht zwischen Feuergefecht und Nahkampf hin und her, benutzt selbst beim Grappling noch Schießprügel und ist auch bei Nachladeproblemen noch Herr der Lage. In den kreativen Kampfszenen werden Bücher, Gürtel und sogar Pferde zweckentfremdet, während die Gegner aufgerüstet haben: Einige Unterweltprofis tragen nicht nur kugelsichere Anzüge, sondern auch entsprechende Helme, was Johns Kreativität und Beharrlichkeit testet. Aber wo ein Wick ist, das ist auch ein Weg.
Dabei erweist sich „John Wick 3“ als zackiger One-Man-Army-Reißer, auch wenn John in einigen Szenen Schützenhilfe erhält – meist ist er aber auf sich allein gestellt. Die Nebenhandlungen um das Vorgehen der Hohen Kammer schmücken den Film aus, geben bekannten Nebenfiguren wie Winston, seinem Concierge Charon (Lance Reddick) oder dem Bettlerkönig (Laurence Fishburne) mehr Raum zur Entfaltung, doch es bleibt beim Feldzug John Wicks gegen einen übermächtigen Gegner. Das Tempo stimmt, die Action ist hervorragend verteilt, wobei neben den Einsätzen Johns auch ein paar Szenen vorkommen, in denen Zero und seine Gang wüten, was Regisseur Chad Stahelski Raum für Fights gibt, in denen sich Parteien mit mehreren Teilnehmern gegenseitig bekämpfen.
Vor allem hat auch „John Wick 3“ wieder mächtig Style, der sich erneut in den Locations und der Ausstattung niederschlägt. Größtes Highlight in dieser Hinsicht ist ein spezieller Gebäudeteil im Continental, dessen Wände und Decken aus Glas bestehen, damit niemand etwas verbergen kann, und der voller Vitrinen steht, in denen sich Glaskunstwerke (vor allem in Schädelform) befinden. Im nächtlichen New York regiert das elegante Neonlicht, während „John Wick 3“ wie sein direkter Vorgänger auf seinen eigenen Kunstcharakter nicht bloß im Arrangement seiner hoch stilisierten Actionszenen verweist: Fand in „John Wick 2“ noch eine Actionszene in einer Galerie statt, so sind es hier klassische Musik und Ballett, die vor allem im Versteck der russischen Gangsterchefin ein wichtiges Motiv darstellen.
Neben dem Style und den atemberaubenden, knüppelharten Actionszenen ist die Hauptattraktion von „John Wick 3“ mal wieder Keanu Reeves: Der Star hat sich die Rolle des gnadenlos coolen Profikillers inzwischen vollends zu eigen gemacht, spielt ihn mit Charisma und bestreitet seine Actionszenen selbst. Das tut auch Halle Berry mit überraschend viel Elan, die zwar nur eine Nebenrolle hat, aber in der aber richtig Akzente setzt, wenn auch vor allem mit ihrem Körpereinsatz. Laurence Fishburne, Lance Reddick und vor allem Ian McShane gehen in ihren gewohnten Rollen auf und nutzen die erhöhte Screentime, während Anjelica Huston und Jason Mantzoukas in kleinen Parts Gutes leisten. Ebenfalls stark ist Mark Dacascos, der seinen Profikiller als elanvollen Mann anlegt, der sich als Fan seines Gegners outet und gerne mal die Lage kommentiert, ohne aber einfach zum doofen Sprücheklopfer zu werden: Zero bleibt durchweg ein Angstgegner. Schön, dass Hollywood Dacascos gewinnbringend einzusetzen weiß, auch wenn er dort trotz seiner populären Rollen in „Crying Freeman“, „Pakt der Wölfe“ und „Cradle 2 the Grave“ nie ganz Fuß fassen konnte. Die indonesischen Martial-Arts-Profis Cecep Arif Rahman und Yayan Ruhian treten als Teil von Zeros Crew auf und langen ordentlich zu. Schwachstellen hat die Besetzung eigentlich nur zwei: Jerome Flynn gibt sich in seiner Nebenrolle dem Overacting hin, während Asia Kate Dillon schon bald erhebliches Nervpotential entwickelt, was aber vielleicht auch am Drehbuch liegen kann. Denn die Schiedsrichterin ist in erster Linie ein ziemlich arrogante Nörgeltante und wirkt noch nicht einmal besonders bedrohlich oder charismatisch.
„John Wick 3“ hat kleinere Schönheitsfehler, darunter das etwas überdeutliche Anteasern der nächsten Fortsetzung und die Wüsten-Zusammenkunft in der Mitte des Films. Aber insgesamt ist der Film auf Augenhöhe mit seinen Vorgängern, liefert erneut ebenso famos choreographierte wie inszenierte Action ab, die durch immer wieder neue Einfälle ebenso wie kompromisslose Härte besticht. Der elegante Style, die faszinierende Unterweltmythologie und die fast durchweg tolle Besetzung des Films tragen ihr Übrigens zum Gelingen von „John Wick 3“ bei.