Der neue „John Wick" trägt im US-amerikanischen Original den Titel-Zusatz „Parabellum". Nun könnte sich dieser Name auf eine berühmte Selbstladepistole beziehen. Tut er aber nicht. Er nimmt tatsächlich Bezug auf das bekannte römische (und schon von Platon auf Griechisch formulierte) Sprichwort „Si vis pacem para bellum", was so viel heißt, wie „Wenn du den Frieden willst, bereite dich auf den Krieg vor". Gemeint war damit, dass nur ein kampftaugliches Militär die weiten (Reichs-)Grenzen in der Lage wäre zu sichern. Nun mag es etwas hochgegriffen sein, einem intellektuell unauffälligen Actioner wie „John Wick: Kapitel 3" Politphilosophisches anzudichten. Denn das einzige, worum es in diesem Film geht, ist, die immer größer werdende Fan-Schar von Keanu Reeves‘ Killing-Spree anspruchslos, aber technisch hochwertig zu unterhalten.
John Wick, der Mann mit der zunehmend komischen Frisur, ist immer noch auf der Flucht, denn die Handlung dieses dritten Teils schließt sich nahtlos an die Story des zweiten Teils an. Doch er zeigt Reue für seine Taten. Der unbesiegbare Actionheld alter Bauart sucht deshalb nach dem unbekannten Kopf des global aufgestellten Killernetzwerks, um dem sich im Verborgenen haltenden Strippenzieher seine Entschuldigung und Wiedergutmachung darbringen zu können. Das ist aber gar nicht so einfach, denn der Typ versteckt sich als Beduine irgendwo in der marokkanischen Sahara. Natürlich findet John Wick nach kurzem Kompass-Zücken den Gesuchten und nimmt dessen angebotenen Sühne-Auftrag an - nur um ihn zuhause, kurz vor seiner Vollstreckung, doch nicht auszuführen.
Man merkt gleich, nach Logiklöchern im Skript sucht man besser gar nicht erst. Sie sind kometengroß und nicht zu übersehen. Doch ist diese mangelnde Lebensnähe nicht weiter schlimm - denn wer wartete damals etwa bei einem Partykracher wie „Commando" (1986) allen Ernstes auf Nachvollziehbares oder akademisch Triftiges? Nichts anderes ist „John Wick: Chapter 3" nämlich, als ein übrigens überraschend harter Krachfilm. Und zweitens ist seine narrative Geschraubtheit nur einer der augenfälligsten Nexus zum Zeitalter der Konsolenspiele, in dem Chad Stahelskis Action-Reihe ja aus der Taufe gehoben wurde. Denn bei Keanu Reeves' aktuellem Kinofilm treten die Parallelen zu den Myriaden an erhältlichen Konsolenhits sogar noch deutlicher zutage, als in den beiden Vorgängern. Wie in einem Ego-Shooter steigern sich die von nur kurzen Verschnaufpausen unterbrochenen Level im Schwierigkeitsgrad von Mal zu Mal. Da bekommt es der Held natürlich (wie im traditionellen Actionfilm) mit immer gefährlicheren Gegnern zu tun, doch, und das ist neu, erfahren die Kontrahenten Upgrades, die wiederum den Spieler (Wick) zu Updates zwingen. Es ist eben letztlich inzwischen alles nur eine Sache der Schnelligkeit und der Geduld. Denn sterben kann die Hauptfigur nicht. Sie wird nur neu gebootet.
Worum sich hier in der Realität alles dreht, sind die echten Stunts, die hochklassig inszenierten Shootouts und das wortkarg kernige Gehabe des Hauptdarstellers, der mit einer solchen Rolle hervorragend besetzt und - im Falle Keanu Reeves - nicht überfordert ist. Bereichert wird diese fulminante Action-Packung neben den bekannten Gefährten Reeves‘ um Laurence Fishburne und Ian McShane von der für ihr Alter makellos aussehenden Halle Berry und einer Reihe aus Asien importierter Stars. Der aus „Raid 1" und „Raid 2" bekannte und inzwischen zu „Star Wars" verfrachtete Yayan Ruhian unterstützt Marc Dacascos, den ehemaligen „Crying Freeman" (1995) und Sohn des Drachen, der auch im „Pakt der Wölfe" (2001) eine gute Figur machte. Man gibt sich also alle Mühe, kultiviertem Filmfantum entgegen zu kommen und der Psychologie des Genrefreundes Rechnung zu tragen. Auch in Sachen schwarzhumorig umrahmter, expliziter Gewalt schaltet „John Wick: Parabellum" einen Gang höher. Es ist mitunter ehrlich (sic!) derb, was man hier auffährt. Chad Stahelski meint es offenbar ernst mit seinen Ambitionen, die Lücke zu füllen, die seit dem vermeintlichen Tod des kommerziell relevanten Erwachsenen-Actionfilms am Ende der 1990er gerissen wurde.
Bleibt da nicht irgendwo der liederliche Verdacht kleben, „John Wick 3" sei doch nur ein weiterer Vertreter eines maskulin geprägten Genres aus der filmischen Steinzeit, der vor Androzentrismus nur so sprudelt? Nein, bleibt er nicht. Denn nicht nur sind die weiblichen Figuren des Films längst ins neue Jahrtausend gerettet - es nimmt sich vor allem Chad Stahelskis Ballerfilm überhaupt nicht ernst genug, hier überheblich zu Felde ziehen zu müssen. Die doch etwas dünne Idee um einen toten Hund, die als Grund für einen globalen Rachefeldzug recht wenig plausibel wirkte, wird beispielsweise erfrischend selbstreferenziell durch den Kakao gezogen. Da macht es auch nicht nur nichts, sondern wirkt sogar ganz passend, dass der einzige Grund, warum der Protagonist sein eigentlich tristes Dasein weiterleben möchte, der ist, dass der Auftragskiller die ihm verbleibende Lebenszeit allein dazu nutzen möchte, „an seine verstorbene Frau zu denken". Doch ist das nicht kitschig. Und nicht hirnverbrannt. Es passt ganz hervorragend zu einem irrationalen Setting, in dem es offenbar keine Polizei gibt, die in die Massenschießereien in aller Öffentlichkeit eingreifen würde, und es fügt sich ein in eine Welt, in der die Gegner wahrhaft omnipräsent aus jedem Mülleimer hüpfen und das Schicksal des Hauptcharakters endgültig Deus Ex maschinenhaft gerät.
Keanu Reeves und sein Kumpel Chad Stahelksi haben es tatsächlich vollbracht, eine eigentlich zu Ende erzählte Story weiterzuspinnen, ohne dass es langweilig werden würde. Dass der 54-jährige Star aus Matrix für einen Großteil der Stunts, nach eingehender Instruktion durch den ehemaligen Stuntman auf dem Regiestuhl, selbst vor die Kamera trat, verleiht diesem Film zudem wenigstens in sportlicher Hinsicht etwas Kunstvolles. Nein, man muss sich nicht schämen, dieses seichte Action-Märchen gut zu finden. Nur zu!