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„Kannst du nicht lieber eine nette kleine Praxis für Neurotiker aufmachen, wie alle anderen?“ – „Warum? Ich habe eben etwas für Psychopathen übrig...“

US-Regisseur Jack Sholders („The Hidden“, „Nightmare 2“) Regiedebüt aus dem Jahre 1982, „Zwei Stunden vor Mitternacht“, ist recht eigenwilliger „Maniac on the loose“-/Slasher-Stoff mit hochkarätiger Besetzung. Jack Palance („Mercenario – Der Gefürchtete“), Martin Landau („The Being“) und Erland Van Lindth („The Wanderers“) spielen gefährliche Psychiatrie-Insassen, die von Dr. Bain (Donald Pleasence, „Halloween“) betreut werden. Dieser stellt ihnen eines Tages einen neuen Arzt vor: Dr. Dan Potter (Dwight Schultz, „Das A-Team“), der die Nachfolge Dr. Mertons antritt. Die Insassen jedoch sind fest davon überzeugt, dass Dr. Potter Dr. Merton umgebracht hat. Als sie während eines Stromausfalls im allgemeinen Chaos aus der Anstalt ausbrechen können, suchen sie Dr. Potter und dessen Familie privat auf…

„Zwei Stunden vor Mitternacht“ beschäftigt sich mit dem Thema der Sicherheitsverwahrung von gemeingefährlichen psychisch Derangierten und macht sich die allgemeine Angst vor dieser Klientel für diesen Horrorfilm zu Nutze, ohne in reaktionäre Stammtischparolen einzustimmen. Die Besetzung passt dabei insbesondere bei den Patienten ideal, Palance nimmt man den Psycho-Ex-Soldaten natürlich sofort ab. Landau ist der perfekte diabolische Pyromane „Preacher“ und Van Lindth mit seiner grobschlächtigen, tapsigen Art allein schon aufgrund seiner Statur prädestiniert für seine Rolle als Teddybären, der zur reißenden Bestie werden kann. Pleasence hingegen scheint mit Dr. Bain die Antithese zu seiner Rolle als Dr. Loomis innerhalb der „Halloween“-Reihe zu verkörpern; als esoterisch verwirrter, den Ernst der Lage verklärender Anstaltsleiter nimmt er stark parodistische Züge an, die ziemlich irritieren. Schultz als Dr. Potter bleibt dagegen eher blass, was aber möglicherweise beabsichtigt war, um dem Wahnsinn der Viererbande (einen Vierten im Psychobunde gibt es nämlich auch noch, über den ich mich zwecks Spoilervermeidung aber bedeckt halte) nicht die Schau zu stehlen. Die Charakterisierung der psychisch Kranken erfolgte angenehm differenziert. Sicherlich werden gewisse Klischees bedient, doch handelt es sich zumindest bei den von Palance, Landau und Van Lindth Verkörperten um keine Michael-Myers-Klons, sondern um Menschen, die häufig tatsächlich oft nicht wissen, was sie tun. Eben Menschen, keine Monster – was sie evtl. umso bedrohlicher, weil unberechenbarer und distanzloser erscheinen lässt.

So beobachtet man also, wie sich unsere Psychos durch die Außenwelt schlagen, u.a. ein Konzert der „The Sic Fucks“ besuchen (inkl. schöner Live-Performance der Band), vor allem aber eine blutige Spur der Zerstörung – Tom Savini sorgte für die entsprechenden, aber eher niedrig dosiert auftretenden Effekte - hinter sich lassen, bis sie schließlich bei Dr. Potter landen und das Finale des Films einläuten. War die Dramaturgie zuvor bisweilen ein wenig holprig und lief die Handlung Gefahr, ihren roten Faden zu verlieren, bekommt man nun ein sehr starkes, von Spannung und offen zur Schau gestelltem Wahnsinn geprägtes und mit einem zumindest von mir unvorhergesehenem Plottwist versehenes Finale geboten, das den Zuschauer ungemütlich geängstigt zurücklässt. Hier darf Palance noch einmal auftrumpfen und sich mit seiner Mimik ins Gedächtnis einbrennen. Stark!

Unterm Strich gelang Sholder mit „Zwei Stunden vor Mitternacht“ ein sehr ordentliches Regiedebüt mit Unterstützung eines tollen Schauspieler-Ensembles, das allein schon neugierig machen sollte. Weitere Besonderheiten sind Pleasences parodistische Performance und eine kleine Jason-Vorhees-Hommage sowie ein wirklich effektiver 80er-Synthie-Soundtrack. Schöner Stoff für Freunde des von Schema F abweichenden (Semi-)Slashers.

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