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Daß es nicht gerade ein Honigschlecken ist, mit einem gefährlichen Irren fertig zu werden, haben zahlreiche Filme mehr oder weniger drastisch veranschaulicht. Wenn statt einem dann gleich vier Psychopathen die Gegend unsicher machen, schnellt das Gefahrenpotential (und der Unterhaltungswert) dementsprechend in die Höhe. Und es sind tatsächlich vier geistig abnorme Verbrecher, die in Jack Sholders famosen Spielfilmdebüt Alone in the Dark den Potters, einer friedliebenden Mittelklassefamilie, das Fürchten lehren.

Nach einem fatalen Stromausfall entkommen vier Patienten aus dem elektronisch gesicherten dritten Trakt von Dr. Leo Bains (Donald Pleasence) Irrenanstalt The Haven. Angeführt vom Kriegsveteranen Frank Hawkes (Jack Palance) ziehen der Brandstifter Byron "Preacher" Sutcliff (Martin Landau), der Serienkiller Skaggs aka "The Bleeder" (Phillip Clark) sowie der Kinderschänder Ronald "Fatty" Elster (Erland van Lidth) erst in die Stadt, in der bereits fröhlich geplündert und gebrandschatzt wird (da fragt man sich zum ersten aber nicht zum letzten Mal, wer denn da eigentlich die Irren sind), und danach weiter zum Haus der Potters. Die Verrückten gehen nämlich davon aus, daß ihr neuer Arzt Dr. Dan Potter (Dwight Schultz, The A-Team) seinen Vorgänger Harry Merton (Larry Pine) um die Ecke gebracht hat, um seinen Job zu ergattern. Und so werden Dan und seine Frau Nell (Deborah Hedwall), deren Tochter Lyla (Elizabeth Ward) sowie Dans Schwester Toni (Lee Taylor-Allan) von den gemeingefährlichen Geistesgestörten terrorisiert.

Der vielleicht größte Pluspunkt des erstklassig inszenierten und gekonnt photographierten Filmes ist die geniale Besetzung, der man die Spielfreude förmlich ansieht und die infolgedessen zur Höchstform aufläuft. Donald Pleasence legt seine Figur als Mischung aus Übersteigerung und Parodie seiner Paraderolle Dr. Sam Loomis aus der Halloween-Reihe an, wodurch der Eindruck erweckt wird, daß der Mann, der eine Anstalt für Geisteskranke leitet, selbst kurz davor steht, die Grenze zum Wahnsinn zu überschreiten. Oscar-Preisträger Jack Palance (City Slickers, 1991) spielt den geschädigten Veteranen Hawkes als tickende, unberechenbare Zeitbombe; äußerlich ruhig und beherrscht, aber nur auf ein falsches Wort lauernd, um zu explodieren. Sholder hat ihm zudem die besten Dialoge in den Mund gelegt. "There are no crazy people, doctor, we're all just on vacation", sagt er an einer Stelle. Und später dann, als die Konfrontation mit den Potters schon längst eskaliert ist, meint er: "So... it's not just us crazy folk that kill. We all kill... when we must."

Oscar-Preisträger Martin Landau (Bela Lugosi in Tim Burtons Ed Wood, 1994) zieht als "Preacher" die schönste Loony-Show ab; an seinem stechenden Blick und dem übertrieben breiten Grinsen erkennt man schon, daß es hinter seiner Stirn gewaltig falsch tickt. "The Bleeder", gespielt von Phillip Clark, ist der Unscheinbarste des Quartetts. Seine Identität bleibt lange Zeit im Dunkeln, da man sein Gesicht zu Beginn niemals sieht und er seinem Namen nur gerecht wird, wenn er mordet; in der Stadt zieht er sich z. B. eine Hockeymaske über, bevor er brutal losmeuchelt (das ist übrigens keine Hommage an Friday the 13th, da die Szene schon im Kasten war, als sich Jason erstmals die Maske aufsetzte). Und Erland van Lidth (The Wanderers) ist zwar ein Koloß von einem Mann, aber im Geiste ein Kind, weshalb er sich auch zu Kindern hingezogen fühlt. Er meint es wahrscheinlich gar nicht böse, aber sein zurückgebliebener Verstand ist nicht in der Lage, das Falsche an seinen Handlungen zu erkennen. Ein wirklich tolles Ensemble, welches die Macher für ihren Film gewinnen konnten, und das alleine schon ein Ansehen des Streifens rechtfertigt.

Doch auch wenn man sein Augenmerk von den Schauspielern abwendet, ist Alone in the Dark große Klasse. Jack Sholder, der zuvor den Schnitt von Tony Maylams The Burning besorgte, inszenierte mit tollem Gespür für Suspense, Terror und Dramatik, ohne seine sehr passabel charakterisierten und ebenso glaubhaft portraitierten Figuren je aus den Augen zu verlieren. Dabei gelang ihm das eine oder andere sensationelle Set-Piece. Alleine die Sequenz, in der die spärlich bekleidete Babysitterin Bunky (Carol Levy) von einem sich unter dem Bett versteckenden, mit einem großen Messer bewaffneten Irren terrorisiert wird, ist pures, spannungsgeladenes Gold. Überhaupt spielt der Streifen genüßlich mit zeitlosen Urängsten: das verstohlene Rascheln im Dunkeln, der Unbekannte vor der Tür, das Ding im Schrank, das Ungeheuer unter dem Bett. Und wer zum Teufel sitzt in diesem ominösen Lieferwagen, der einem aufreizend langsam hinterherfährt? Der großzügige Schuß pechschwarzen Humors, den Sholder dem Szenario beigemengt hat, steht dem in New Jersey gedrehten Film dann ebenfalls noch sagenhaft gut zu Gesicht.

Was ist sonst noch erwähnenswert? Der schöne, an einen der Psychos gerichtete Satz "What are you, some kind of asshole?" fällt in die Kategorie "berühmte letzte Worte". Make-Up-Legende Tom Savini sorgt mit seiner Cameo-Kreation zwar für einen herausragenden Jump Scare, aber irgendwie will sich diese extrem selbstzweckhafte Szene nicht ins ansonsten harmonische Gesamtbild einfügen. Die Punkrockband The Sic F*cks geben in einem Lokal voller ekstatisch tanzender Besucher ihren Klassiker Chop Up Your Mother zum Besten. Die schräge, surreal angehauchte Eröffnungssequenz ist ebenso grandios wie die diabolische Schlußszene, bei der man sich eines mulmigen Gänsehaut-Feelings nicht erwehren kann. Der gelungene Score stammt von Renato Serio. Die Szene, in der Fatty eine Frau am Hals packt, hochhebt und erwürgt, wurde komplett ohne Hilfsmittel gedreht. Das heißt, der 1987 verstorbene Ex-Wrestler van Lidth hat die Schauspielerin tatsächlich am Hals gepackt und hochgehoben, ohne Unterstützung von Seilen oder Gurten. Nur erwürgt hat er sie glücklicherweise nicht. Das war deshalb möglich, weil die Frau ausgebildete Tänzerin war und ihren Körper perfekt beherrschte. Davon, daß die Dame auch nach all den Jahren noch immer ungemein gelenkig ist, kann man sich im Zusatzmaterial der amerikanischen DVD-Veröffentlichung überzeugen, wo sie ihre beachtliche Flexibilität eindrucksvoll demonstriert. Lin Shaye (Critters), die Schwester von New Line Cinema-Gründer Robert Shaye, hat einen wunderbar komischen Cameo-Auftritt als Dr. Bains Empfangsdame. Und Elizabeth Ward schafft das Kunststück, als kleines, selbstbewußtes Naseweis nicht zu nerven; außerdem ist ihr Zusammentreffen mit Fatty von dem Stoff, bei dem sich die Nackenhaare sträuben.

Alone in the Dark ist ein richtig guter, spannender, origineller und packender Schocker, der so verdammt gut unterhält, daß man selbst das eine oder andere Logikloch geflissentlich ignoriert. Ein eigenwillig glitzerndes Kleinod, das sich vom Achtziger-Jahre-Slasher-Einerlei abhebt wie ein bunter Husky unter Dalmatinern. Ganz großes Kino, und für Genrefans unverzichtbar. Jack Sholder drehte im Anschluß das zwiespältig aufgenommene Sequel A Nightmare on Elm Street Part 2: Freddy's Revenge (1985) sowie den furiosen Kracher The Hidden (1987). Danach arbeitete er, bis auf wenige Ausnahmen wie Wishmaster 2: Evil Never Dies oder Arachnid, fast nur noch fürs Fernsehen. Und unwillkürlich stellt man sich die Frage, was denn da bloß schiefgelaufen ist.

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