In einer belgischen Campingsiedlung nahe der niederländischen Grenze führt der weltweit größte Händler für die synthetische Droge MDMA mit seiner Freundin ein beschaulich-bürgerliches Leben. Das unauffällige, am Waldrand gelegene Holzhaus inmitten anderer Feriendomizile stellt somit eine ideale Fassade für den Niederländer Ferry Bouman (Frank Lammers) dar, der von hier aus seinen Geschäften nachgeht und - nur von wenigen Handlangern unterstützt - die in kleineren versteckten Laboren in der Gegend hergestellten bunten Pillen vertreibt.
Den belgischen Gesetzeshütern ist das Treiben allerdings nicht verborgen geblieben, und so beschließen sie, zwei als Pärchen getarnte Polizisten in direkter Nähe zu Ferry Bouman zu platzieren. Mit dem Auftrag, den nach außen eher zurückhaltend agierenden Drogenboss auf frischer Tat zu ertappen, quartieren sich Kim de Rooij (Anna Drijver) und Bob Lemmens (Tom Waes) unter den Tarnnamen Anouk und Peter in einer Hütte in unmittelbarer Nähe zur Zielperson ein. Erste Kontaktversuche perlen an dem aalglatten, desinteressierten Gangster zwar wirkungslos ab, doch dann greift Peter, der in Absprache mit einem ein paar Kilometer weiter untergebrachten Koordinator handelt, zu einem eher grenzwertigen Trick, der ihm ersten Respekt bei Ferry einbringt. Und auch Anouk kann Erfolge verbuchen, als sie nämlich entdeckt, daß Ferrys Gespielin Danielle (Elise Schaap) mit ihrem Leben todunglücklich ist und sich nichts sehnlicher wünscht als eine gute Freundin.
Während sich das Undercover agierende Polizisten-Duo also langsam eine Vertrauensbasis erarbeitet, steht Ferrys rechte Hand, der stets kühl und besonnen agierende John (Raymond Thiry) den neuen Nachbarn äußerst skeptisch gegenüber...
Der ersten niederländisch-belgische Netflix-Produktion Undercover unter der Regie von Eshref Reybrouck und Frank Devos, die auch für das Drehbuch verantwortlich zeichneten, war 2019 ein positives Echo beschieden, was sich vermutlich mehr auf die handelnden Personen rund um den ungewöhnlichen Gangsterboss Ferry bezog, während der vorhersehbare Plot mit seinen vielen Unglaubwürdigkeiten und Logiklöchern kaum internationalen Vergleichen standzuhalten vermag. Viel zu häufig verhindern unwichtige Nebenhandlungen bis hin zu reinen Seifenopernthemen das Aufkommen von Spannung, ein ums andere Mal werden bekannte Klischees zu episodenfüllenden Subplots aufgeblasen, ohne daß die Story an sich weiterkommt. Daß dieser ersten noch zwei weitere Staffeln plus einem Prequel (Ferry, 2021) folgen sollten, mag daher am Inhalt interessierte Krimi-Freunde erstaunen, ist aber wie so oft mit den Einschaltquoten zu erklären.
Bezüglich der Filmcharaktäre ist besonders Ferry Bouman geradezu eine Karikatur eines Drogenbosses: der hemdsärmelige Mittfünfziger mit Entenschnabel-Lippen und Doppelkinn schiebt seine Wampe meist im Watschelgang schlurfend vor sich her, redet und antwortet meist in kurzen, abgehackten Sätzen und trifft Entscheidungen grundsätzlich nur aus dem Bauch heraus. Niemandem würde einfallen, daß diese Figur, die wie ein Fabrikarbeiter aus den 60er Jahren auftritt, der Chef eines weltweit operierenden Drogenrings sein soll. Die Regie, die ihm diese Funktion andichtet, bleibt diesbezüglich auch beinahe jeden Nachweis schuldig: es gibt weder Kontaktleute noch (Verkaufs-)Listen, weder Statussymbole noch sonst irgendeinen Hinweis auf das gefährliche Business, eines der illegalen Labore wird nur ein einziges Mal kurz gezeigt, der sonst übliche Bodycount wie auch der Gebrauch von Waffen hält sich sehr in Grenzen. Vielleicht ist man ja zu sehr von italo-amerikanischen Mafia-Serien verwöhnt (in denen der Filmcharakter eines Ferry Bouman bestenfalls für die unterste Charge eines Soldaten gereicht hätte), doch im wirklichen Leben kann man sich die von Frank Lammers mit Hingabe dargestellte Figur kaum als Entscheidungsträger vorstellen.
In krassem Gegensatz zu seinem jovial-polterndem Chef agiert dessen rechte Hand John dagegen absolut rational: der drahtige Mann mit dem durchdringenden Blick ist seit Jahrzehnten ein loyaler Mitarbeiter mit einer Nase für faule Deals und traut dem Undercover-Agenten Peter von Anfang an nicht. Sein Filmcharakter wäre viel eher als Boss geeignet, doch begnügt sich der frühere Alkoholiker mit zwischenzeitlich langem Gefängnisaufenthalt mit der Rolle des Capos.
Der dritte im Bunde ist Jurgen (Kevin Janssens), ein geistig stark eingeschränkter Handlanger, der wohl nur durch verwandschaftliche Bande zu John in der Gruppe agieren darf. Jurgen, in unmittelbarer Nachbarschaft zu Ferry mit seiner Familie wohnhaft, fällt durch unbedachte Äußerungen und cholerisches Verhalten schon bald äußerst negativ auf. Verheiratet mit der übergewichtigen Sonja baggert er schon bald derart ungeniert Anouk an, sodaß Peter als deren vorgeblicher Partner dazwischengehen muß.
Bob Lemmens alias Peter, der direkte Gegenspieler Ferrys, wird im Laufe der Serie dann zur tragenden Figur. Er muß einige Mutproben bestehen (was ihm mit einigen waghalsigen Manövern inklusive diverser Blessuren auch immer gelingt) und rückt dadurch immer näher an die Zielperson heran. Privat mit größeren Problemen ausgestattet (seine Frau will die Scheidung, nachdem er berufsbedingt kaum mehr zuhause ist) beweist er öfters Nervenstärke, zeigt (nachvollziehbare) Gefühle und nimmt sich auch die Freiheit heraus, abseits des Pfades der Legalität zu agieren. Der Undercover-Agent ist dann auch der einzige Filmcharakter, mit dem man
zeitweilig mitfiebern kann.
Seine Kollegin Kim alias Anouk dagegen - groß, schlank, sportlich, mit langen Haaren aber völlig ausdrucksloser Mimik - bleibt dagegen seltsam blaß und konzentriert sich mehr oder weniger nur darauf, Danielles Vertrauen zu gewinnen. In quälend lang(weilig)en Sequenzen quatschen die beiden Frauen dann über weltbewegende Themen wie Frisuren oder blasse Haut unter einem Verband, zwischenzeitlich suchen sie auch mal das entlaufene Schoßhündchen oder schmeißen, aufgeregt wie Schülerinnen, aus Neugier eine Ecstasy-Pille ein. Die Enddreißgerin Danielle, mit dem Selbstbewußtsein und der Entscheidungsfähigkeit einer 12-Jährigen ausgestattet, entdeckt dann noch eine lesbische Ader an sich, die die als hetero dargestellte Anouk mit sichtlichem Unbehagen bedienen muß (wtf?). Einer von mehreren ebenso sinn- wie folgenlosen Einfällen der Regie, die mit dem vermeintlichen Tabuthema wohl Einschaltquoten generieren wollten.
Was das Vorgehen der belgischen Polizei anlangt, so entspricht dieses natürlich kaum den üblichen Vorgehensweisen, was jedoch anhand der wenig realistischen Gesamtsituation, in der die Serie spielt, nicht mehr ins Gewicht fällt. Von den zahlreichen Logiklöchern seien daher nur ein paar erwähnt, wie beispielsweise der Umstand, daß Drogenboss Ferry auf Peters Angebot, ein blutverschmiertes Auto verschwinden zu lassen, zurückgreift (als ob er dafür nicht eigene Leute haben sollte) oder der vorgebliche Drogendeal in St. Malo mit einem als Schmierenkomödiant auftretenden französischen Undercover-Agenten, dessen Verhalten das ganze Vorhaben scheitern läßt. Auch daß sich PSV-Eindhoven-Fan Ferry mit seinem (manchmal gekünstelt wirkenden) proletenhaften Auftreten einen Dreck um Fingerabdrücke, Abhörsicherheit und Spuren-Verwischen schert, nimmt man einem millionenschweren Drogenboss nie im Leben ab.
So plätschert Undercover relativ träge vor sich hin, kommt nicht einmal am Ende richtig in Fahrt und qualifiziert sich somit als beiläufig anzusehende Euro-Cop-Unterhaltungsserie, bei der Befindlichkeiten und Gefühlsduseleien von Durchschnittstypen im Vordergrund stehen, welche die ganz wenigen Actionszenen fast verdrängen. Die 10 Folgen zu je etwa 50 Minuten hinterlassen daher auch kaum Spuren, was Streaminggigant Netflix jedoch nicht davon abhielt, weitere Staffeln folgen zu lassen. 5 Punkte für den ersten Streich.