Review

Weltmeister der Schmerzen


Wer „Portrait einer jungen Dame in Flammen“ im Wettbewerb um den französischen Platz im Auslandsoscarrennen hinter sich lässt, muss was drauf haben. „Les Miserables - Die Wütenden“ hat mich trotzdem nochmal positiv überrascht und intensiv mitgenommen... Erzählt wird von einem Neuankömmling in einer Pariser Polizeieinheit, die schon seit Jahren in einem armen, kaputten, recht abgeschotteten und überwiegend muslimisch und von Schwarzen geprägten Stadtteil patrouilliert, respektiert oder eher gefürchtet wird. Doch diese zwei ersten Arbeitstage des „Landeis“ in einem solchen, ganz eigenen und fast unabhängigen Problembezirk der großen Stadt, fast einer Parallelwelt, werden noch viel problematischer und böser, als ein Löwenbaby aus dem Zirkus entführt wird, daraufhin ein brodelnder Junge angeschossen und schwer verletzt wird... 

„Die Wütenden“ eröffnet mit den Feierlichkeiten zum WM-Gewinn der französischen Fußballnationalmannschaft vor anderthalb Jahren. Das Land liegt sich in den Armen, die Unterschiede und Probleme sind zumindest für einen Moment vergessen. Doch das bleibt natürlich nicht lange so und Wut, Hass, Hoffnungslosigkeit und Eskalation sind auf allen Seiten nie weit... Ladj Lys Herkunft, eigene Erfahrungen in dem Metier und wohl auch seine Wurzeln im Privatvideo- und Dokubereich, merkt man hier sofort. Diese Immersion, Direktheit und Intimität kommt der pulsierenden, unangenehm realen und ungeschönten Milieustudie unglaublich zu Gute. Da stört auch eine oft wackelnde und sehr bewegliche Kamera nicht, eher im Gegenteil. Zudem sind die größtenteils unbekannten, zum Teil Amateur(!)-Schauspieler große Klasse, die Geschichte geht gut nach vorne und steuert zwar deutlich auf einen Abgrund zu, lässt sich jedoch dennoch nie allzu genau vorausdenken. Mit der klassischen, gleichnamigen Geschichte hat der Film ansonsten nur einige Themen, den Schauplatz und ein feines, abschließendes Zitat gemein - doch an dessen Kraft und Wut kommt dieser Cop-Thriller überraschend nah ran. Stellenweise kommt eine emotionale Mischung aus „La Haine“, „Do The Right Thing“, „Training Day“ und sogar minimal „The Raid“ auf. Und die ist explosiv, akut, ziemlich eindringlich und unfassbar echt. Ein Teufelskreis, bei dem wir alle gefragt sind, ihn zu stoppen. 

Fazit: was für ein filmischer Molotowcocktail... puh, das ballert einen gut in den Sitz! Mit einem mutigen, notwendigen und ziemlich genialen Ende, das von der Leinwand direkt in den Zuschauerraum, die Köpfe, die Herzen springt. Ganz, ganz starkes, wichtiges, wuchtiges, wütendes Teil! Chapeau! 

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