Victor Hugo, der nicht nur den Franzosen große Werke wie „Der Glöckner von Notre- Dame“ schenkte, diente mit seinem „Les Misérables“ als Inspiration und Querverweis dem Spielfilmdebütanten Ladj Ly, welcher direkt zahlreiche Preise einheimste und eine Oscarnominierung für den besten ausländischen Film erhielt. Die Konstellation erinnert ein wenig an „City of Gods“.
Polizist Ruiz bestreitet seinen ersten Tag beim Streifendienst im Pariser Vorort Montfermeil mit den Kollegen Chris und Gwada. Sie müssen einen Streit zwischen dem lokalen Paten und aufgebrachten Zigeunern vom Zirkus schlichten, denen ein Löwenbaby gestohlen wurde. Als das Polizeitrio auf den wahren Dieb stößt, eskaliert die Situation…
Nicht nur Hugos Werk stand Pate, inspiriert wurde Ly durch die Aufstände rund um Paris 2005, welche er seinerzeit dokumentierte. Auch sein Sozialdrama erhält einen beinahe dokumentarischen Touch, da die Kamera stets dicht am Geschehen und bei den Figuren haftet und sich vorbehält, auch mal innerhalb einer Szene den Zoom etwas hektisch zu betätigen.
Zudem sind viele Darsteller direkt von der Straße gecastet, was für zusätzliche Glaubwürdigkeit sorgt.
So entwickelt sich in der ersten Hälfte eine dynamische Milieustudie, die nach rund 50 Minuten zum Cop-Thriller umschwenkt. Dass die Lage im Viertel explosiv erscheint, deutet sich früh durch Bandenkriege, Rassismus, Korruption und ausgeprägte Armut an, während die Polizisten stets zwischen den Stühlen stehen oder im Fall des impulsiven Chris auch mal deutlich über die Stränge schlagen, wenn junge Teengirls wegen eines vermeintlichen Joints angegangen werden. Aufgrund der Sichtweise des Neulings Ruiz überträgt sich dessen Unsicherheit und Zurückhaltung auf den Betrachter, denn es liegen latente Spannungen in der Luft und einige Instanzen im Banlieue-Ghetto wirken wie tickende Zeitbomben.
Womit man auf das letzte Drittel zusteuert, als die Situation für einige Beteiligte regelrecht lebensbedrohlich wird, zumal die Gewalt an vielen Stellen hoch kocht. Allerdings, und das ist definitiv als Vorteil zu werten, endet die Geschichte innerhalb eines prekären Moments, dessen Fortgang man sich problemlos ausmalen kann.
Was zunächst ein wenig ziellos und fahrig wirkt, entwickelt sich zu einem kleinen Sog, der mithilfe überzeugender Mimen und eines souverän abgestimmten Scores recht intensiv anmutet. Handwerklich nahezu ohne Makel, wird ein unangenehmes, jedoch mutig inszeniertes Gefühl vom Mittendrin sein vermittelt, dass trotz simpler Ausgangslage ordentlich Suspense zutage fördert.
7,5 von 10