Review

Mikrokosmos Brasilien

"Bacurau" ist eine sehr weirde, kraftvolle und instinktive Mixtur, die nie berechenbar wirkt. Ein explosiver Cocktail, der lange vor sich her zischt. Erzählt wird von einem kleinen Dorf im Norden von Brasilien in der nahen Zukunft, das eine alte Matriarchin verliert und plötzlich von allem Landkarten verschwindet. Doch das ist erst der Anfang an außenstehenden und seltsamen Kräften, die sich teils gewaltvoll gegen die eingeschworene Gemeinde richten...

Was klingt wie eine Mischung aus John Carpenter und "City of God", aus Grindhouse und Arthouse, aus "Twilight Zone" und Weltkino, entpuppt sich im Verlauf dieser prall gefüllten, bunten zwei Stunden als noch deutlich mehr, noch deutlich düsterer, noch deutlich bissiger und aktueller. Klare Genrebezüge, aber auch klarste gesellschaftliche Anker. In seinen besten Momenten sonnendurchflutet, hypnotisch, exzellent. Und davon gibt's einige. Ein Fim, der langsam anrollt und immer besser wird. Wunderbar aufgenommen. Stark gespielt mit frischen Gesichtern. Mit viel Exotik und echt brasilianischem Flair. Wüsten, Drohnen, womöglich außerirdische Kräfte. Oder einfach die USA. Wer weiß. Genauso mit flirrenden Bezügen zur australischen New Wave als auch tief verankert in Südamerika und den dortigen Ängsten, Stärken, Schwächen, Problemen, Hürden, Alpträumen. Gemeinschaft und Leidenschaft. Selten war ein Film gleichzeitig so hell und so dunkel. Sehr geerdet trotz all seinen Möglichkeiten, Interpreationen und weitreichenden Konsequenzen. Dass er kurz vor der Pandemie gemacht wurde, macht ihn noch beeindruckender und in gewissen Bereichen prophetischer. Eingekerkert und auf sich alleingestellt. Definitiv ein Slowburn. Definitiv brasilianisch. Definitiv speziell. Aber durchbeißen lohnt sich. Das wirft mal einen ganz anderen, böseren, ehrlicheren und interneren Blick auf das lebensfröhliche und gastfreundliche Land... 

Fazit: effektive, immer interessante, stilvolle und wertvolle Mischung aus Belagerungsthriller, kommendem Kultklassiker, Surrealismuscurveball, Genrefeier, Gesellschaftskritik, Mystery und Neo-Western. Udo Kier als Kirsche und wohliger Fremdkörper auf der ohnehin ungewöhnlichen Torte. Definitiv ein Film auf den Brasilien stolz sein kann, den es sich lohnt auszuhalten und aufzusuchen!

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