... kaum präsent im Denken und im Selbstverständnis der Landesbevölkerung: die Kordillere, die Andenkette... isolierend, abgrenzend oder auch schützend. Die Menschen in Santiago sehen die Anden meist nur in Form von Fresken des Malers Guillermo Muñoz Vera, der seit Jahren im spanischen Exil lebt. Auch Guzmán ist im Exil sesshaft geworden, in Frankreich. Als junger Mann hatte er für die Kordillere wenig übrig, hatten sie doch kaum etwas zu tun mit seinem revolutionären Lebensgefühl jener Jugendjahre... Nun folgt er der Spur der Korillere, die seit seiner Kindheit noch immer chilenische Streichholzverpackungen zieren. Die persönliche Reise führt somit ins einstige Elternhaus, das noch immer nicht abgerissen als kleine Ruine von einer Hochhauskette umringt wird. Hier arbeitete Guzmán einst mit vier Mitarbeitern an seiner Trilogie "La batalla de Chile: La lucha de un pueblo sin armas" (1972-1973/1975, 1976, 1979), als der Putsch nach vermehrten Ankündigungen wie eine Explosion über sie hereinbrach. Guzmán selbst hielt sich die nächsten Tage nur daheim auf: mit den Töchtern spielend, unentschlossen darüber grübelnd, was er tun und was mit den gesammelten Materialien für sein Chile-Dokumentarfilmprojekt geschehen solle. Dann holt ihn die Polizei ab: in dem Stadion, in dem er als Zwanzigjähriger einst Zeuge wurde, wie Chile den dritten Platz der Fußball-Weltmeisterschaft belegte, wurde er nun mit vielen anderen als politischer Gefangener festgesetzt. 15 Tage verbringt er dort, in denen seine abgedrehten Filmrollen jedoch unentdeckt bleiben. Als er freikommt, verlässt Guzmán alsbald das Land und kann auch das Filmmaterial außer Landes schmuggeln. Zu denen, die weiterhin in Chile filmten, gehörte hingegen Pablo Salas, der nach wie vor politische Ereignisse mit der Kamera dokumentiert und Guzmán nun Einblicke in sein Archiv unzähliger Kassetten gewährt und mit ihm über seine Arbeit spricht.
Für Millionen Chilenen hatte mit dem Putsch eine Ära der Angst begonnen – und nicht wenige hielten die Ereignisse vor ihren Kindern so gut wie möglich geheim. Die chilenische Geschichte ist geprägt vom Verdrängen, Verschweigen und Vergessen, auch noch in der Postdiktatur... Und auch das Wegschauen gehört noch immer dazu und betrifft etwa auch den immensen Kupferabbau, dessen Erträge von Zügen vorbei an dünn besiedelten Armutsgegend in die Fremde transportiert wird. Unter Allende noch verstaatlicht, ist der Anteil des chilenischen Kupferbergbau-Konzern Codelco inzwischen geringer als der ausländische. Die Diktatur, so Salas, habe das Land verkauft.
Die Kordillere präsentiert Guzmán als unbewegten Zeugen der historischen Ereignisse, der die Unruhen von Anfang an mit bekam, als die Pflastersteine aus Gebirgsgestein in Santiago während des Putsches unter Panzerketten und Menschenmassen erzitterten. Zwischen diesen Steinen befinden sich heute metallene Stolpersteine mit den Daten verstorbener Opfer der Diktatur. Zugleich geraten die Kordillere auch zum Material der Kunst: des Malers Guillermo Muñoz Vera oder des Skulpteurs Vicente Gajardo...