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„Nix schießen, ich unschuldig!“

Die 100. Episode der öffentlich-rechtlichen „Tatort“-Krimireihe entfiel aufs Essener Kommissars-Duo Heinz Haferkamp (Hansjörg Felmy) und Willy Kreutzer (Willy Semmelrogge), das in seinem siebzehnten Fall ermittelte. Das Drehbuch stammt aus der Feder Wolfgang Mühlbauers, mit der Inszenierung des Kriminaldramas wurde Hartmut Griesmayr betraut. Dieser hatte gerade erst mit dem „Tatort: Alles umsonst“ innerhalb der Reihe debütiert. Die im Winter 1978 nicht nur in Essen, sondern auch in Berlin gedrehte Episode wurde am 4. Juni 1979 erstausgestrahlt.

„Ich geh‘ nicht mehr in‘ Knast!“

Die Häftlinge Tomi Selzer (Thomas Ahrens, „Otto – Der neue Film“) und Suk Artun, zwei junge Männer, nehmen Schließer Günther Wörlemann (Friedrich G. Beckhaus, „Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion“) als Geisel, um aus der Untersuchungshaftanstalt auszubrechen. Der Vollzugsbeamte Jakobs (Herbert Stass, „Interview mit Herbert K.“) erschießt draußen auf dem Hof Suk, aber Tomi gelingt die Flucht. Besonders pikant: Die Flüchtigen hatten zu diesem Zeitpunkt bereits von Wörlemann abgelassen und waren auf einen vorausgegangenen Warnschuss Jakobs‘ hin stehengeblieben. Jakobs jedoch behauptet, richtig gehandelt zu haben, während Wörlemann gegenüber Kommissar Haferkamp zu Protokoll gibt, dass der tödliche Schuss vollkommen unnötig gewesen sei. Nun wäre Tomi als Zeuge gefragt, doch der versteckt sich und will auf gar keinen Fall ins Gefängnis zurück. Am Tankstellenraubmord, der ihm vorgeworfen wird, war er tatsächlich unbeteiligt, doch nun hat er eine Geiselnahme und einen Gefängnisausbruch auf dem Kerbholz. Wörlemann wird derweil von seinen Kollegen unter Druck gesetzt und mangelnde Kameradschaft vorgeworfen, während Jakobs zunehmend Gewissensbisse bekommt. Und dann ist da noch Tomis Ex-Freundin Birgit (Michaela May, „Komm, liebe Maid und mache“), die ihn aus lauter Eifersucht am liebsten hinter Gittern sähe…

„Man kann alles richtig machen und trotzdem Riesenmist bauen!“

Griesmayrs Inszenierung des relativ anspruchsvollen Drehbuchs beginnt direkt und ohne jede etwaig vorab vermittelte Hintergrundinformation mit dem Gefängnisausbruch, in dessen Folge Haferkamp dank seiner Menschenkenntnis schnell spürt, dass etwas nicht stimmt. Daraus, dass Birgit ihren Ex-Freund Tomi in die ganze Chose hineingeritten hat, macht die Narration kein Geheimnis, ebenso wenig aus Jakobs‘ Schuld. Dieser scheint eine Sehschwäche zu haben und eigentlich eine Brille zu benötigen, ist darüber hinaus aber auch mit einer Ehefrau (Vera Kluth, „Startsprünge – Die Geschichte einer Meisterschwimmerin“) „gesegnet“, der vor allem daran gelegen ist, die Fassade einer heilen Welt aufrechtzuerhalten und die von der Verantwortung ihres Mannes nichts wissen will, sich somit dessen Überlegungen hinsichtlich einer etwaigen Selbstanzeige entgegenstellt. Unter dem Gefängnispersonal feiert der Korpsgeist derweil fröhliche Urständ und man versucht Wörlemann zu einer Revision seiner Aussage zu drängen, um den Todesschützen zu schützen. Inmitten dieser Gemengelage trifft sich Tomi heimlich mit seiner neuen Freundin Sisi Feldmann (Nora Barner, „Sonntagskinder“), die schließlich zwischen Haferkamp und Tomi zu vermitteln versucht, wofür sie ein Versprechen des Kommissars einholt, das dieser bricht, womit letztlich alle Beteiligten hadern. Dass Tomi Haferkamp austrickst und ihn mit einer Waffe bedroht, findet dieser dann aber gar nicht so wild, denn er hat einiges Verständnis für den Jungen entwickelt.

Zu Unrecht inhaftierte junge Leute, ein unnötiger Toter, eine kontraproduktive Ehefrau, falsch verstandene Kameradschaft und eine giftelnde Ex – miese Stimmung allenthalben in diesem „Tatort“, der den rasanten Auftakt, eine Knastrevolte und Waffengefuchtel ruhigen Momenten innerer Einkehr, Selbstzweifel und Gewissensbisse sowie Szenen einer Außenseiterromantik bei einer Bahnfahrt durchs Ruhrgebiet gegenüberstellt. Ambiente und Atmosphäre sind herbstlich trüb und melancholisch, die musikalische Untermalung liefern Genesis mit Instrumentalpassagen aus dem Song „Firth of Fifth“. Auch die unbeteiligte Zivilbevölkerung spielt eine Rolle, wenn sich in ihr Unbill gegen den Todesschützen regt – und Wörlemann trotzdem seine Aussage zurückzieht, da er dem Druck seiner Kollegen nicht mehr standhält. Ein weiterer Raubmord, verdächtigerweise bei Tomis ehemaligem Arbeitgeber, läutet das Finale ein, das seinen tragischen Ausgang auf dem Gelände einer stillgelegten Zeche findet.

Vorverurteilungen, Falschaussagen und jungmännische Verzweiflung, gegen die die Polizei hier kaum ein Mittel hat – ausgerechnet der 100. „Tatort“ ist ein ziemlicher Abgesang auf Polizei und Justiz, der es lediglich hier und da an psychologischer Tiefenschärfe vermissen lässt und leider ohne Haferkamps Ex-Frau Ingrid auskommen muss. Haferkamp erfüllt zusammen mit Kollege Kreutzer (Willy Semmelrogge) seine Pflicht, wirkt aber müde und resignativ – läutet er hier bereits seinen Abgang ein? Die nächsten Episoden werden dahingehend Aufschluss geben.

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