Review

Im angestaubten Tatort-Fundus suchend, stößt man zuweilen auf Beiträge, die überraschend sein können. Dazu gehören für mich dann gleich mal alle Kressin-Folgen.

Der Zolloberinspektor schlägt eine gänzlich andere Richtung ein als seine Amtskollegen in den bundesdeutschen Großstädten. Das liegt zum einen daran, dass er niemals einer Stadt zugeordnet wird, obwohl er aus Köln stammt. Vielmehr ist er Kraft seines Amtes immer und überall unterwegs und macht auch vor den Staatsgrenzen keinen Halt. Zum anderen ermittelt er meist als Einzelgänger, dem statt eines festen Partners lieber ein Gast-Kommissar aus der Reihe zur Seite steht.

Aber der wesentlichste Unterschied liegt wohl darin, dass Kressin die deutsche Antwort auf James Bond sein sollte! Der Mann nagelt allles weg, was bei Drei nicht auf den Bäumen ist! Beziehungsweise würde er das gerne tun, wird aber oft verhindert. Kressin ist ein Stelzbock übelster Sorte.
Hinzu kommen noch Sprüche, die sich hier meterlang aneinander reihen und oftmals die üblichen Dialoge ersetzen sollen. Diese übertrieben joviale Art sticht somit extrem aus dem üblichen Amtsfernsehen heraus.

Der Schlüpferstürmer Kressin bietet auch eine stets etwas schlüpfrig angehauchte Atmosphäre und so ermittelt er in "Kressin stoppt den Nordexpress" zunächst gegen den Schmuggel dänischer Western! Mit seinem ersten Betthäschen besucht er daher zunächst einmal in Kopenhagen einen Pornoladen und wird dort gleich auf die nächste Kandidatin für den Lakensport aufmerksam. Die schmuggelt natürlich dann auch die Erwachsenenunterhaltung in Koffern über die Grenze! Gier! Sabber! Schlotz!

Im Zug selbst, den der notgeile und sachverständige Polizist der Libido und dem Schmuggelhäschen folgend natürlich gegen das Learjet eintauscht, sitzen dann aber auch zwei Gangster, die nach Deutschland überführt werden sollen. Dies hat sich eine geheime Verbrecherbande zum Anlass genommen, einen wohlersinnten Befreiungsplan umzusetzen. Aber die haben die Rechnung ohne den Wirt gemacht!

Das klingt ja erstmal sehr unterhaltsam und actionreich. Was heißt hier erstmal? Das IST dann auch sehr unterhaltsam und ein wenig actionreich und erinnert tatsächlich an bekannte Thriller-Klassiker aus den Siebzigern, ohne zu irgendeinem Moment auch nur den Hauch einer hochklassigen Produktion vermitteln zu können. Man scheitert dann doch an der schmaleren Ausstattung und Technik, aber gerade das ist ja auch irgendwie charmant. Und das gleicht dann den charme- und schamlosen Kressin wieder aus, der mit seiner gewollt lässigen Art stellenweise sehr nerven kann und ganz schmierlappiger Macho alter Schule ist.

Schauspielerisch gibt es hier und da etwas hervorzuheben, denn:

- Ivan Desny, der alte Kosmopolit, gibt einen herrlichen Gentleman-Gauner ab, so dass man sich eigentlich Danger Mouse oder Nick Knatterton als Gegenspieler wünschen würde.

- Hermann Lenschau versucht sich als bundesdeutsche Variante eines "M" und macht dabei auch eine ganz annehmbare Figur.

- Yvonne Ingdall verkauft sich schon recht süß als Pornos schmuggelndes F**kschnitzel, das über einen längeren Zeitraum den doofen Sprüchen des Helden ausgeliefert ist, sich aber getrost darauf ausruhen kann, wohl längst nicht alle Aussagen des Ermittlers verstehen zu können und zu müssen.



Schönste Aussage

"Und da is doch ein Neger auf den Zug geklettert. Du musst anrufen!"

So politisch inkorrekt war man 1971 noch. Wenn ein dunkelhäutiger Mensch auf eine Lok steigt, muss gleich angerufen werden. Und das kommt von einem am Gleis arbeitenden Sträfling! Der weiß halt noch, wo die Grenzen liegen. "Ich bin besoffen mit dem Wagen in eine Nonnengruppe gerast, aber wenn ein Neger auf einen Zug steigt, dann ist Schluss mit Lustig!"



Starke Momente

Das Trainingslager der Verbrecherbande versprüht schon ein bisschen Agenten-Flair. Stimmung! Ich hätte mir zwar noch Ninjas im Kampftraining gewünscht, aber man kann nun wirklich nicht alles haben!

Ein Kapitän jenseits der Pensionsgrenze unterstützt unseren Helden schlagkräftig und das Ganze bekommt auf einmal ein wenig "Alarmstufe: Rot 3"-Atmo! "MIt 67 kann man nich mehr Rocker spielen!"

Kressin deckt die Schmugglerin der säuischen Ladung, da er sich so wohl den finalen Stich erhofft. Was wäre nur passiert, wenn es ein Crossover von Kressin und dem "Schulmädchenreport" gegeben hätte?

Nicht auszudenken.


FAZIT

Was Till Schweiger in seiner Selbstgefälligkeit heute als Novum umsetzen will, haben Sieghardt Rupp und das Produktionsteam bereits 1971 geschafft: Einen Action-Tatort mit einem eigenbrödlerischen und die Regeln brechenden Ermittler, der dazu noch mit einer gewollten Leichtlebigkeit an den Start geht, wie es sie wohl kaum nochmals in der Serie gab. Na gut, die Action fehlt irgendwie und der Ermittler nervt schon recht stark, aber gerade das macht "Kressin stoppt den Nordexpress" irgendwie aus und ich habe mich gut unterhalten gefühlt. Ich denke mal, Bruce Willis hat sich mit seiner Auslegung der Figur John McLane ganz klar an Kressin orientiert, sich jedoch nicht den Sexappeal zugetraut. Zurecht!

Ich warte jetzt auf die Folgen

"Kressin jagt Dr. Dong"

"Kressin: Liebesgrüße aus Schweinfurt"

"Kressin: Goldswinger"

"Kressin: Ich nehm' sie immer zweimal"

"Kressin: Das Geheimnis ihrer Laszivität"

"Kressin: Diaphragmaverschieber"

"Kressin: Nehmen und liegenlassen"

"Kressin: Der Mann mit dem goldenen Ding"

"Kressin: Lizenz für die Klöten"

und den billigeren RTL-Abklatsch-Zweiteiler

"Gressin: Unterm Dirndl wird gemordet - Am Wörthersee!!"

"Gressin und der Mord im Nacktzug gen Italien"

sowie

Die Dokumentation:

"Kressin: Meine Erfahrungen mit dem ganz schwachen Geschlecht"

und zum Abschluss das fulminante Special, in dem er seinen stärksten Gegner endlich zur Strecke bringt

"Kressin im Tessin: Rien ne va plus, Frau Schwarzer!"

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