„Alles in allem: Keine rosa Zeiten für die Bundesbahn!“
Bereits in der siebten Episode der öffentlich-rechtlichen Krimireihe „Tatort“ hatte Zollfahnder Kressin (Sieghardt Rupp), der ursprünglich gar nicht als „Tatort“-Ermittler geplant war, sondern seine eigene TV-Serie bekommen sollte, seinen dritten Einsatz. Die Erstausstrahlung erfolgte am 02.05.1971, womit sich Kressin auf einen Zweimonatsakt eingependelt hatte. Auch diesmal stammte das Drehbuch von Wolfgang Menge, während die Regie Rolf von Sydow („Zehn kleine Negerlein“) übernahm, der damit den ersten von insgesamt acht „Tatorten“ seiner Regielaufbahn inszenierte.
„Ich bin besoffen mit dem Wagen in eine Nonnengruppe gerast – aber wenn ein Neger auf einen Zug steigt, dann ist Schluss mit lustig!“
Zollschnüffler Kressin soll in Kopenhagen wegen Schmuggels pornografischer Hefte ermitteln, macht sich aber stattdessen ‘nen Lenz mit seiner neuesten Liebschaft, der dänischen Fernsehköchin („Smørrebrød, Smørrebrød, röm töm töm töm…“) Birgit (Schlagersängerin Gitte Hænning). Parallel dazu soll ein Gefangenentransport der in Schweden inhaftierten Schwerverbrecher Brockhoff (Hannes Andersen, „Wer weint denn schon im Freudenhaus?“) und Katolli (Siegfried Fetscher, „Liebe gegen Paragraphen“) von Kopenhagen nach Köln per Fahrt im Nordexpress stattfinden. Die Ganoven um den mysteriösen Strippenzieher Sievers (Ivan Desny) bereiten sich auf eine Befreiungsaktion auf offener Strecke vor. Doch wie es der Zufall so will, befindet sich auch Kressin in diesem Zug und hat Sievers‘ Bande somit die Rechnung ohne den Wirt gemacht…
„Mit 67 kann man nicht mehr Rocker spielen!“
Die ersten Szenen spielen in Skandinavien, zeigen die polizeilichen Maßnahmen gegen die Verhafteten, die Vorbereitungen der Sievers-Bande auf das Kapern des Zugs inklusive Kurzauftritt des Gentleman-Gangsters Sievers sowie natürlich Playboy-Zöllner Kressin und sein Techtelmechtel mit einer süßen Gitte Hænning. Mit ihr sucht er einen der damals berüchtigten Kopenhagener Pornoläden auf, die sich dank der verglichen mit anderen europäischen Staaten liberaleren Gesetzgebung gerade auch bei Touristen großer Beliebtheit erfreuten. Kressin geriert sich einmal mehr als Megachauvi, der sich noch während seiner Verabschiedung von Birgit bereits an die nächsten Röcke hängt und um keinen Spruch verlegen ist. Einer dieser Röcke gehört zu einer hübschen Dänin (Yvonne Ingdal, „Kisses Right and Left“), die in ihrem großen Koffer offenbar kiloweise Pornoheftchen über die Grenze zu schmuggeln gedenkt.
Die Zuschauerinnen und Zuschauer wissen zu diesem Zeitpunkt nicht, ob Kressin mit der Dame flirtet, um sie zu überführen, oder ob er sie ins Bett bekommen will. Dass er sie letztlich vor dem Zugriff durch die Polizei schützt, dürfte indes wenig überraschen. Kressin interessiert sich dienstlich nur für die großen Fische wie eben den an für große Kinofilmreihen konzipierte Schurken gemahnenden Sievers. An eine Persiflage auf James Bond und Konsorten erinnern auch die Vorgänge im Zug (in dem übrigens überall gequalmt wird). Chiffriert telefoniert Kressin mit seinem Vorgesetzten und die Hamburger Kripo wird nach dem ersten Kressin-Fall zum zweiten Mal eingeschaltet, Hauptkommissar Trimmel befindet sich jedoch auf Dienstreise – Kriminalmeister Höffgen (Edgar Hoppe) übernimmt. Actioneinlagen und Stunts werden von frechen Dialogen und humorigen begleitet, dafür kommt dieser Fall diesmal komplett ohne Mord und Totschlag aus.
Der mit nur 75 Minuten Laufzeit ungewöhnlich kurze „Tatort“ dürfte ein Genuss für am Bahnbetrieb der 1970er Interessierte sein, zudem verfügt „Kressin stoppt den Nordexpress“ über diese spezielle, immer etwas beklemmende Mikrokosmos-Atmosphäre hauptsächlich in Bahnen spielender Filme. Noch mehr als über die historischen Loks und Waggons dürfte sich der eine oder andere an den hübschen Mädels mit niedlichen skandinavischen Akzenten erfreuen. Musikalisch besticht diese Episode wieder u.a. mit Klaus Doldingers Abwandlungen der Titelmusik. Interessant sind auch die Einblicke in den damaligen Zeitgeist die Liberalisierung des Pornomarkts betreffend, die im Gegensatz zu Deutschland in Dänemark bereit stattgefunden hatte. Nicht ganz erschlossen hat sich mir die mehrmalige Erwähnung des Umstands, genau diese Erzeugnisse doch auch in Deutschland erwerben zu können – gerade wegen des Schmuggels, oder wie war das zu verstehen?
Wie auch immer, unterm Strich handelt es sich um einen sehr kurzweiligen, nicht sonderlich ernstzunehmenden, sondern vornehmlich auf Unterhaltung getrimmten „Tatort“, in dem Sieghardt Rupp wieder zahlreiche Register seiner Machorolle ziehen durfte und meines Erachtens kaum Anlass dafür bot, dass ihr Erfinder Wolfgang Menge mit der Besetzung haderte. Doch wer weiß, wen dieser beim Schreiben vor Augen hatten. Apropos: Zum Schreiben wütender Zuschauerpost dürfte auch der deutsche Spießbürger wieder reichlich Anlass gehabt haben.