Review

Ich glaube, ich würde mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn ich behaupten würde, der Name Alexandre Aja dürfte so ziemlich jedem Horror-Freund ein Begriff sein. Sein intelligenter, atmosphärischer und knallharter Psycho-Slasher  High Tension (2003) schlug in der Szene wie eine Bombe ein und war die Initialzündung für eine ganze Reihe von französischen blutdurchtränkten Terrorfilmen. 2006 gelang ihm das Kunststück, mit dem kongenialen Remake The Hills Have Eyes Altmeister Wes Craven's Klassiker Hügel der blutigen Augen (1977)  in den Schatten zu stellen und alleine schon der pure Gedanke an den 2008 veröffentlichten Gänsehaut Thriller Mirrors lässt zartbesaiteten das Blut in den Adern gefrieren. Im Jahr 2010 widmete sich er mit dem splattrigen Fun-Slasher Piranha 3D zum ersten Mal in seiner Karriere dem klassischen Tier-Horror, der trotz des humorigen Untertons und der eindeutigen kommerziellen Ausrichtung alles andere als blutleer daher kommt. Das Aja Mainstream Unterhaltung auch todernst kann, beweist der 2019 erschienene Krokodil-Schocker Crawl, welcher ungeahndet ausgiebiger Logiklöcher und nicht immer perfekter CGI-Effekte als spannendes Creature-Feature hervorragend funktioniert und wohl nicht nur bei mir für kurzweilige Horrorunterhaltung sorgte. Ein Kinoeinspiel von knapp 90 Millionen Dollar sowie größtenteils wohlwollende Kritiken sprechen hier eine deutliche Sprache.

Bei seiner insgesamt achten Regiearbeit holte sich Alexandre Aja für die Produktion niemand geringeren als Sam Raimi mit ins Boot, welcher 6 Jahre zuvor mit Evil Dead (2013) die Neuinterpretation seines eigenen Kult Klassikers Tanz der Teufel (1981) organisierte. Mit einem Budget von 13,5 Millionen Dollar gehört Crawl in der heutigen Blockbusterwelt zu den eher günstigeren Projekten. Das Drehbuch stammt von Michael und Shawn Rasmussen, die mit ihrer Idee, Katastrophenfilm und Tier-Horror Elemente zu kreuzen, einen nicht unerheblichen Teil dazu beitragen konnten, dass selbst ein Genie wie  Quentin Tarrantino Crawl als seinen persönlichen Lieblingsstreifen des Kinojahres 2019 nannte. Dabei ist die Geschichte recht einfach gestrickt und schnell erzählt: Nach einem Wirbelsturm an der Küste Floridas begibt sich die Schwimmerin Haley (Kaya Scodelario) Rettungskräfte ignorierend auf die Suche nach ihrem vermissten Vater Dave (Barry Pepper), welchen Sie in einem überfluteten Keller schwer verletzt auffindet. Bei dem Versuch ihn zu bergen muss sie verzweifelt feststellen, dass der steigende Wasserspiegel noch ihr geringstes Problem darstellt: Ausgehungerte, gefräßige Riesenkrokodile wurden durch die Fluten herangeschwemmt und machen Jagd auf alles, was sich bewegt...

Der besondere Reiz von Crawl wird für mich tatsächlich durch den leckeren Genrecoctail aus Unglück, Survival und Gruselbestien generiert. Aja & Co. bedienen sich des raffinierten Kniffs, dass der Mensch nicht wie sonst meist üblich ins Territorium der Tiere eindringt, nein, die Wassermassen spülen das Unheil direkt in die kleinbürgerliche Vorstadtidylle, was zusammen mit der klaustrophobischen Enge des unterkellerten Wasserlabyrinths das spannende Katz- und Mausspiel mit den fleischgierenden Ungeheuern begünstigt. Die absolut humorfreie Ausrichtung, geschickt platzierte Jump-Scares und die ergänzende Tatsache, dass es sich bei Crawl nicht nur um ein Killerwesen handelt, verstärken die angsterzeugende Wirkung des Kammernspiel artigen Aufbaus ungemein und auch das düstere, dreckige, furchteinflößende Erscheinungsbild der CGI-Alligatoren konnte mich zumindest über weite Strecken zufrieden stellen. Klar ist, dass nicht unbedingt alle Aktionen der Rechenknechtkrokos authentisch wirken und einige Einstellungen stinken vor lauter schlechter Trickserei regelrecht zum Himmel.  Vor allem der Moment, wenn 4 Krokodile ein bedauernswertes Opfer in Stücke reisen und selbiges wie ein Kartenhaus dilettantisch zusammen fällt, ist ein symptomatisches Beispiel für meine Bitte an die Verantwortlichen: Wenn ihr, aus welchem Grund auch immer, nicht in der Lage seit, eine Szene sauber zu realisieren, dann verzichtet doch am besten auf die Umsetzung. Dass erspart euch und dem Zuschauer unnötigen Ärger, den im Großen und Ganzen darf die Qualität der technischen Inszenierung in Relation mit den überschaubaren finanziellen Mitteln als gelungen bezeichnet werden.

Ein weiterer Spannungstreiber neben den jagenden Reptilien ist die meiner Meinung nach famose Performance von Kaya Scodelario, welche Haleys  durchlebte Emotionen während ihres mitreißenden Überlebenskampfes evident und transparent zur Geltung bringt. Mit dem Wechselbad der Gefühle von verzweifelter Angst über herzergreifende Fürsorge hin zu wilder Entschlossenheit drückt sie Crawl ihren ganz eigenen, persönlichen Stempel auf. Auch der zweite Hauptdarsteller, der Emmy Preisträger Barry Pepper (Vater Dave) liefert als bodenständiger Fels in der Brandung und ergänzender Gegenpol zur energiegeladenen Haley eine sehenswerte Leistung ab, es ist vor allem seine väterliche, innere Ruhe, die mich an seiner Darbietung so faszinieren konnte. Die restlichen auftretenden Homo Sapiens sind im Prinzip trocken formuliert nichts weiteres als schmackhafte Fleischhappen für die reißenden, mordenden Bestien und erfüllen diese Aufgabe ohne Testamentabgabe wie es von ihnen erwartet wird. Die starken Auftritte der beiden Hauptprotagonisten, welche 2017 zusammen im Science-Fiction Thriller Maze Runner - Die Auserwählten in der Todeszone zu sehen waren, rücken die ein oder andere familiäre, mit Tränendrüsendramatik versehene Hintergrundgeschichte in ein erträgliches Licht, weswegen der Unterhaltungsfaktor von Crawl durch die seifenoperartige Klischeemuster nur unwesentlich in Mitleidenschaft gezogen wird.

Ebenfalls nicht unerwähnt sollten die teilweise hanebüchenen Logikdiskrepanzen bleiben, welche auf Grund Genrekonformheit zwar kein K.O. Kriterium darstellen, in einigen überzogen wirkenden Fallbeispielen aber ein wenig die Laune verderben. Ein ausgewachsenes Krokodil entwickelt eine Beißkraft von bis zu 1,3 Tonnen und wenn dieses zuschnappt, ist für das Opfer eigentlich Feierabend. Anders bei Haley, die im geschlossenen Maul eines Untiers ein ganzes Magazin verfeuern darf und ihren voll verschlungenen Arm fast unversehrt wieder zurück bekommt. Auch das sie den normalerweise wieselflinken Jägern davon schwimmen kann, ist selbst mit ihrem propagierten Hintergrund als Profischwimmerin mehr als abenteuerlich. So richtig ärgerlich wird es jedoch, wenn Crawl sich selbst widerspricht und  diversen Personen je nach Wichtigkeit unterschiedliche Schicksale bei gleichem Verhalten zuteilt, dass nicht bewegen als ausgegebene Überlebensstrategie oder die angebliche Taubheit der Tiere lassen grüßen. Deswegen mein Tipp an Sie, werte Leserschaft: Fangen Sie gar nicht erst an über das gesehene Nachzudenken, dann steht einem unterhaltsamen Popcornkino-Abend eigentlich nichts mehr im Weg, außer Sie gehen vielleicht bezüglich der an den Tag gelegten Härte mit falschen Vorstellungen an die Materie. Sollten Sie nämlich eine Splatterorgie im Stile von High Tension oder The Hills have eyes erwarten, befinden Sie sich bei der auf den Massengeschmack getrimmten Produktion gewaltig auf dem Holzweg. Crawl schöpft zwar die graphischen Möglichkeiten einer FSK 16 mit blutig gefärbten Wasserbereichen und dezenten Gewaltspitzen weitgehendst aus, wirkt aber im Vergleich mit anderen Aja Werken jedoch wie ein lieb gemeinter Kindergeburtstag.

Somit stehen für den Mainstream erprobten Otto-normal Kinogänger fernab jeglicher vorgefertigter Schablonenmuster und  schmerzender Plausibilitätskonflikte unterhaltsame und gruselige 90 Filmminuten bereit, während Liebhaber der etwas härteren Gangart wohl möglich ein wenig enttäuscht sein könnten. Wenn Sie sich bezüglich Blut und Gedärme also Kompromisse vorstellen können, erwartet Sie mit Crawl ein nervenaufreibendes Survival-Abenteuer ohne nennenswerte Handlungslängen mit überzeugend aufspielenden Darstellern und größtenteils gefällig animierten CGI-Horror Echsen. Am Ende des Tages möchte ich mich an dieser Stelle auch nochmal bei Alexandre Aja & Sam Raimi bedanken, die in das von albernen Trashkomödien gebeutelte und ausgenudelte kommerzielle Tier-Horror Genre mit einem humorbefreiten, bitterernsten Crawl angenehm frischen Wind bringen können. " Wir werden diese erbsenhirnige Eidechsenscheiße besiegen! " Movie Star Wertung: 7 von 10 Punkte.


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