„Toy Story“ war natürlich aus filmhistorischer Sicht ein Quantensprung sondergleichen, handelte es sich hier doch – wie inzwischen hinlänglich bekannt sein dürfte – um den ersten vollständig computeranimierten Spielfilm überhaupt. An meinen ersten Gedanken zu diesem Projekt kann ich mich noch sehr gut erinnern: „Das wird nix!“.
Nix da, es wurde was. Dabei war der Gedanke damals durchaus gerechtfertigt. Computergenerierte Animationen, Mitte der Neunziger stets noch als solche zu erkennen, kannte man ansonsten nämlich in der Regel aus vor allem fantasy- und science-fiction-lastigen Realfilmen. Und in diesen wurden sie normalerweise zentral präsentiert, die Einbindung in den Gesamtkontext funktionierte noch nicht so. Soll heißen: wenn mal CGI-Bilder auf der Leinwand erschienen, dann auch gleich als Höhepunkt des Geschehens. Ist ja auch irgendwie zu verstehen, schließlich waren sie an Kosten- und Zeitaufwand kaum zu überbieten. Nur führte das eben mit sich, dass Animationen nicht immer der Geschichte unterstanden, sondern eher der Selbstpräsentation dienten.
Und dann kommt da der erste vollanimierte Spielfilm und nennt sich ausgerechnet „Toy STORY“? Hörte sich doch sehr nach böser Ironie an. Die Vorurteile standen deswegen lange bereit. Was Pixar entgegenzusetzen hatte, stopfte allen Ungläubigen – inklusive mir – das Maul.
Sicherlich wird dem Zuschauer hier kein oscarreifes Skript vorgelegt. Bei näherem Hinsehen handelt es sich um eine Buddy-Komödie, bei der die Buddies durch böse Zufälle und böse Figuren auseinander gerissen werden und sich bei der Rettungsaktion die wahre Freundschaft vor die oberflächlichen Neckereien drängt. Bah, alles schon einhundertundeins mal gesehen. Neben dem neuen Sehgefühl (wow, alles komplett aus dem Computer!) leisteten Pixar vor allem in drei Bereichen wahre Wundertaten. Erstens: Die Grundidee davon, dass Spielzeuge lebendig sind und sich in Anwesenheit von Menschen nur „tot stellen“, ist so simpel wie genial. Gerade die „Monster AG“ sollte später in ihrer Konzeption noch von einem ähnlichen Gedankengang profitieren. Zweitens: Wo „Final Fantasy“ Jahre später scheitern sollte, siegt Pixar auf ganzer Linie. Cowboy Woody, Space Ranger Buzz Lightyear & Co. legen in all ihrer Künstlichkeit wahrhaftig Emotionen an den Tag – ein sehr wichtiger Punkt, mit dem ich vor 1995 niemals gerechnet hätte. Und drittens: Nach vielen Jahren Disney-Unterhaltung kommt das Publikum erstmals in den Genuss der Zweispurigkeit. Nehmen wir die Simpsons mal aus, konnte vielleicht zum ersten Mal sowohl das Kinder- als auch das Erwachsenenpublikum etwas aus ein und demselben animierten Werk herausziehen, und zwar jeweils auf einer anderen Ebene.
Beginnen wir bei Punkt 1. Eine Grundidee ist grundsätzlich immer älter als die eigentliche Storyline, von der bei Kritiken später normalerweise gesprochen wird. Wie schon angedeutet, der Plot an sich ist nicht unbedingt das Meisterstück in persona. Ein paar Kniffe gibt's aber schon, und deswegen kann man da großzügig drüber hinwegsehen. Denn in diesem speziellen Fall ist die Grundidee einfach wichtiger. Über die kann man bei „Toy Story“ zunächst einmal natürlich streiten. Dabei sollte man aber berücksichtigen, dass Kinder das primäre Zielpublikum sind, und aus deren Sicht heraus könnte sie gar nicht besser gewählt sein. Jon Lasseter & Co. spielen mit der Imaginationskraft der Kinder, bieten ihnen sozusagen eine moderne Alternative zum Weihnachtsmann. Sie packen die Momente in Bilder, in denen die Kinder gerade nicht in ihrem Zimmer sind und zeigen, was sich so alles tut, wenn gerade keiner da ist. Dieser Ansatz sollte auf ähnliche Weise später bei der „Monster AG“ durch die Legende vom Monster aus dem Schrank in einer Art „Behind the Scenes“-Story noch perfektioniert werden, aber schon hier kann man von Perfektion sprechen. Sicher bedurfte es keiner Denkansätze um Ecken herum, um auf lebende Spielzeuge zu kommen, aber es ist eben gerade das Einfache, das so begeistert.
Ausgehend davon sind dann der Originalität der Macher keine Grenzen gesetzt; dementsprechend sprießen und gedeihen die Ideen in alle erdenklichen Richtungen. Der kleine Junge wird zum bewunderten Gott eines Mikrokosmos aus Spielzeugen; der böse Nachbarsjunge wird dementsprechend zum teuflischen Gegenstück. Die Plastiksoldaten aus der Dose werden zum Ausspionieren der Geburtstagsgeschenke losgeschickt; die Hangel-Äffchen dienen als Feuerleiter usw.
Bei aller Vielfalt der Spielzeuge im Kinderzimmer (auf die ich in Punkt 2 noch eingehen werde) steht aber ein Duo im Rampenlicht: Cowboy Woody, bisheriges Lieblingsspielzeug von Besitzer Andy (und daher auch der Populärste im Kreise der Spielzeuge) und Space-Cowboy Buzz Lightyear, das Highlight der Geschenke von Andy's Geburtstag und damit eine echte Bedrohung für den etablierten Favoriten. Aus dieser Konkurrenzsituation heraus ergibt sich die typische Buddy-Problematik. Woody mag Buzz nicht, weil er seinen eigenen Status bedroht sieht, Buzz mag Woody nicht, weil der ihm im Weg steht bei seinen Erkundungen der neuen Welt. Die restlichen Spielzeuge geben sozusagen den schwankenden Pöbel, der sich je nach den Aktionen der Protagonisten entweder dem einen oder dem anderen anschließt, wobei die Tendenz gemeinerweise grundsätzlich pro Buzz geht, weil der ja so ein Super-Spielzeug ist, und so was sieht man in Andy-Hausen ja nicht sehr oft.
Schließlich wagt man sich aus Andy-Hausen heraus, und hier beginnt der Actionanteil, der das gesamte Geschehen mit einem unglaublichen Tempo versieht, wobei es zum Glück niemals zum visuellen Overkill kommt. Stattdessen stolpern Woody und Buzz von einer Situation in die nächste, der rote Faden bleibt dabei immer erkennbar. Gerade zum Ende hin ergeben sich immer wieder neue ausweglose Situationen, bei denen man sich fragt, wie die wohl wieder zu lösen sein sollen. Das fördert extrem die Spannung und damit die Kurzweil. So ist dieser Mix aus Buddy-Komödie und Roadmovie-Action-Adventure sicher nicht als tarantinoesk zu bezeichnen, dafür aber als angemessen einfach und zweckförderlich.
Kommen wir zu Punkt 2. Dies ist ein Aspekt, in dem die „Toy Story“-Filme meiner Meinung nach den späteren Pixar-Werken und vor allem den Konkurrenzprojekten einen Tick voraus ist, obgleich auch die alle in diesem Punkt glänzen können: Die Charakterzeichnung. Die beinahe wirklichkeitsgetreue Emotionalität haute schon 1995 aus den Socken, wenn man auch meinen sollte, dass die im Vergleich zu heute damals noch unausgereifte Animationstechnik dem noch Schranken gesetzt hat. Besonders interessant dabei ist, dass die Figuren betont simpel aufgebaut sind – klar, das sind ja auch Spielzeuge – und dennoch menschliche Züge von erschreckendem Wiedererkennbarkeitsfaktor aufweisen. Ganz speziell Woody glänzt mit dem gesamten Emotionsspektrum, gefolgt von Buzz, der nur deswegen nicht mit Woody auf einer Stufe steht, weil ihm die eher grimmigere, coolere Art auf den aus Nullen und Einsen bestehenden Leib geschrieben wurde. Auch die restlichen Spielzeuge dürfen sich in der ein oder anderen Minute in den Vordergrund „acten“, was vor allem auf den Dino, „Potatoe Face“ und das Sparschwein zutrifft.
Was hier übrigens noch erwähnenswert ist: Sämtliche Spielzeuge folgen Vorgaben aus der Realität. Ich selbst habe als Kind z.B. einen von diesen Dackeln gehabt sowie einen Tyrannosaurus und eins von diesen Ei-in-Ei-in-Ei-Dingern. Das fördert natürlich nochmals die Identifikation mit Andy, dem Kind im Hintergrund.
Aber um noch mal ein Zwischenfazit bezüglich der Figuren zu ziehen: Ausgerechnet die Spielzeugtruppe aus „Toy Story“ ist für mich sowohl individuell als auch von ihrer Konstruktion untereinander her die charakterstärkste Combo im gesamten Pixar-Universum. Daran ändert weder ein Nemo noch ein Sully noch ein Mike etwas. Aber das ist sicherlich Geschmacksache. Die Emotionalität ist jedenfalls allen Werken gemeinsam, und „Toy Story“ bildet den lobenswerten Grundstein.
Punkt 3 dürfte der Hauptgrund für den immensen Erfolg von Pixar sein, weil die Jungs sich ganz klug gleich ein doppeltes Publikum geangelt haben. Denn „Toy Story“ funktioniert zweigleisig – das Kind ist begeistert, der Erwachsene auch. Die Symbiose dürfte bislang einzigartig sein und ist inzwischen zum festen Markenzeichen des Spaß-Animationsfilms an sich geworden.
Für die Kinder ist der Animationsfilm zunächst einmal der Zeichentrick des neuen Jahrtausends. Es ist spannend, diese Figuren aus dem Computer hüpfen und tanzen zu sehen, diese Plastizität geradezu zu schmecken, die Gefühle mitzufühlen. Es ist realer als ein traditioneller Trickfilm, und doch bedient es das Verlangen nach einer alternativen Fantasiewelt. Ich für meinen Teil sehe diese Entwicklung (vor allem in meiner Eigenschaft als aktiver und passiver Comicfan) mit einem stark tränenden Auge, weil der Zeichentrick in seiner Urform durch seine Fehlbarkeit und Einzigartigkeit eine Nische bedient, die der CGI-Film nie erfüllen kann, weswegen ich hoffe, dass auch weiterhin Platz für beides bleibt. Dennoch ist es verständlich, dass gerade Kinder auf die neue Technik anspringen, eben wegen der angesprochenen Vorzüge. Im Falle dieses Films wird das Kind vordergründig eine spannende Geschichte erleben und sich hintergründig in die Position Andys hineinversetzen (eine Identifikation mit einer derart kurz kommenden Nebenfigur ist auch nicht an der Tagesordnung im Filmgeschäft). Nach dem Film wird das eigene Spielzeug dann wohl mit ganz anderen Augen gesehen und mit viel mehr Obhut behandelt.
Für den Erwachsenen öffnen sich dagegen viele Parallelen zur realen Welt. Um drei davon anzureißen:
1. Buzz Lightyear glaubt bei seiner Ankunft im Spielzimmer, er sei der einzige und echte Buzz, und nicht etwa nur ein Kinderspielzeug. Hieraus kann man Anspielungen auf die Identifikationsfindung des Einzelnen in unserer Gesellschaft finden. Welche Position bekleiden wir im sozialen Netz, von dem wir ein Teil sind? Wodurch definiert sich unsere Persönlichkeit? Sind wir der Familie zuzuordnen, der Arbeit, den eigenen Interessen... oder der Summe von allem?
2. Woody, die altgediente, robuste Holzpuppe kann man als Symbol für das Konventionelle verstehen, den voll funktionalen Plastik-Buzz hingegen für das Neue. Insgesamt wäre dann die Kollision zwischen Woody und Buzz eine Metapher auf das Aufeinandertreffen von Generationen mit verschiedenen Wertevorstellungen. Die Tatsache, dass beide am Ende zu den besten Freunden werden, darf man als Appell für Kommunikation unter Menschen dieser verschiedenen Generationen verstehen, die ja leider oftmals nicht stattfindet.
3. Die Rettungsaktion von Buzz findet nicht etwa innerhalb der Grenzen von Andys Zimmer statt, sondern über Kilometer hinweg (Nachbarhaus, „Pizza Planet“, Umzug), was für Spielzeuge schon ein gigantisches Universum ist. Übertragen auf unsere Gesellschaft lässt sich daraus ein Kritikpunkt an der Globalisierung ableiten, und zwar insofern, als das Individuum sich in einem Meer aus Beton und Stahl zurechtfinden muss und dabei aufpassen sollte, dass er sich nicht für immer darin verliert.
Dies sind nur drei Beispiele aus einer Vielzahl an Parallelen auf die Wirklichkeit, durch die die Witze für den Erwachsenen noch einiges an Tiefe erlangen und das Geschehen damit auch für ihn nicht zu stupide wird.
In der Summe ergibt sich für mich eine ganz dicke Überraschung der Filmhistorie, da man so viel inhaltliche Qualität bei einem technischen Innovationsschritt wie diesem damals nicht erwarten konnte. Angereichert wird das Ganze schließlich noch mit absolut passenden Synchronsprechern: Saubermann Tom Hanks verleiht dem Holzcowboy in der ihm eigenen Art Persönlichkeit, Tim „Mehr Power“ Allen bringt den multifunktionalen Space Ranger zum Leben. Passender geht's nicht.
So übertrifft die „Toy Story“-Saga nach meiner Empfindung alle bisherigen Nachfolger Pixars um ein kleines Quäntchen. Einerseits, weil sie sich als Archetyp aller Nachfolger erweist (der Aspekt des Mikrokosmos bei „Das Große Krabbeln“, die Behind-the-scenes-Weiterentwicklung aus dem Kinder-Universum bei „Die Monster AG“, die Verlorenheit in der Fremde einer riesigen Welt bei „Findet Nemo“; „Die Unglaublichen“ habe ich noch nicht gesehen); andererseits, weil Woody, Buzz & Friends für meinen Geschmack doch noch ein kleines bisschen mehr Charme versprühen als die noch erfolgreicheren Nachfolger. Nur ein klitzekleines bisschen.
Deshalb noch
9/10