LITTLE JOE
(LITTLE JOE)
Jessica Hausner, Österreich/Großbritannien/Deutschland/Frankreich 2019
Vorsicht – dieses Review enthält SPOILER!
Ein Blick zum anspruchsvollen europäischen Kino: Little Joe ist vom versammelten Feuilleton wohlwollend besprochene und sogar in Cannes sehr angenehm aufgefallene Science Fiction aus Österreich, deren Titel rein gar nichts darüber verraten will, welchem Thema sie sich widmet – weshalb ihr hierzulande großzügigerweise der Titelanhang Glück ist ein Geschäft geschenkt wurde. Der ist in diesem Fall zwar wirklich passend, lässt potenzielle Zuschauer jedoch weiter im Dunkeln tappen ... Was geschieht also?
Nicht in Österreich, sondern irgendwo in England lebt unsere Protagonistin Alice, alleinerziehende respektive geschiedene Mutter eines etwa fünfzehnjährigen Sohns. Alice ist eine anerkannte Biologin und arbeitet in einem Forschungsinstitut an der Züchtung neuer Blumen-Spezies. Nachdem es im Institut eine längere Zeit der Misserfolge gegeben hat, gelingt ihr und ihrem Kollegen Chris etwas Bahnbrechendes: Sie erschaffen eine Blume, deren Duft glücklich macht. Das ist nicht einfach so dahingesagt, sondern ganz ernst gemeint – ihre Schöpfung sendet einen Stoff aus, der im Gehirn wie ein Glückshormon wirkt. Mit ihm wird auch noch das Hormon Oxytocin abgegeben, das bei Müttern die Bindung an ihre Kinder verstärkt. Allerdings müssen die Besitzer ihre Blumen immer liebevoll und fürsorglich behandeln und idealerweise sogar freundlich mit ihnen reden (die Pflanzen sind also gewissermaßen florale Tamagotchis).
So weit die Theorie ... aber das Projekt muss natürlich erst einmal in die Testphase. Eine der blätterlosen und leider fortpflanzungsunfähigen knallroten Blumen nimmt Alice jedoch schon einmal mit nach Hause und schenkt sie ihrem Sohn Joe – bei dieser Gelegenheit tauft sie ihre Entdeckung auch gleich auf den Namen „Little Joe“. Da ist er, der Titel.
Kurz darauf warnt ihre psychisch labile Kollegin Bella die Forscher davor, dass mit den Blumen etwas nicht stimmen könnte – seit ihr Hund Bello versehentlich in den maskenpflichtigen Zuchtraum geraten ist und den Little-Joe-Duft eingeatmet hat, sei er „nicht mehr ihr Hund“. Man gibt wenig auf ihr Gerede, aber bald glaubt Alice auch bei ihrem Sohn Veränderungen festzustellen – er verhält sich ihr gegenüber zunehmend distanziert. Das kann natürlich gut seiner Pubertät geschuldet sein, aber Alice beschleicht bezüglich ihrer Wunderblume langsam ein mulmiges Gefühl, zumal sie und Chris als ehrgeizige Forscher die geltenden Regeln missachtet und heimlich mit „verbotenen“ Viren gearbeitet haben.
Die Sache spitzt sich in der Folge weiter zu: Auch die Testpersonen, die im Besitz eines Little-Joe-Exemplars sind, haben sich nach Aussagen ihrer Angehörigen stark verändert, wollen selbst aber nichts davon wissen. Sorgen die Blumen im Bewusstsein ihrer Vermehrungsunfähigkeit möglicherweise per Duft dafür, dass ihre Besitzer irgendwann nur noch auf sie fixiert sind und alles tun, um sie zu schützen und zu verteidigen? Alice beichtet dem Institutsleiter ihre illegalen Experimente, aber das hat keine Folgen – ihm und anderen Mitarbeitern ist eine solche „Bagatelle“ wurst. Zudem verhält sich auch Chris immer merkwürdiger und stützt schließlich die These von der Verteidigungsbereitschaft der Blumenbesitzer, indem er Alice mit einem Kinnhaken niederschlägt, als diese schuldbewusst ihre gesamte Zucht vernichten will.
Was nun? Eigentlich gar nichts, denn nachdem auch Alice „ungeschützten“ Kontakt zu ihrer Schöpfung hatte, ist die Welt wieder in Ordnung ...
Oh. Das ist ein böser Schluss. Oder doch nicht? Schließlich sind doch nun alle glücklich ... Aber wie glücklich sind sie eigentlich? Alice macht am Ende (und zum ersten Mal!) einen entspannten Eindruck, aber die anderen „Opfer“ der Wunderblumen wirken nicht glücklich, sondern eher kalt und gleichgültig, was insbesondere beim sehr zentral im Geschehen positionierten Joe sichtbar wird. Sind in letzter Konsequenz alle nur noch Sklaven ihrer Pflanzen, zu Robotern degradierte Pfleger und Gärtner? Endet die Menschheit als Einheitspopulation Willenloser und Gleichgeschalteter? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Und hier liegt auch schon der Hund begraben (der sprichwörtliche, nicht Bellas Bello ...): Jessica Hausner (eine sympathische Zeitgenossin, übrigens) und ihre Co-Autorin Géraldine Bajard lassen viel Spielraum für unsere Fragen und Gedanken, so wir denn Fragen oder Gedanken haben. Am ehesten kann man Little Joe tatsächlich als Science Fiction lesen – unverkennbar seelenverwandt mit Don Siegels Klassiker Invasion of the Body Snatchers, aber auch in der Tradition all jener Arbeiten, die eine Verselbstständigung von uns geschaffener Technologien und deren verheerende Folgen thematisieren. Im Prinzip übernehmen die Blumen hier die Rolle der Künstlichen Intelligenzen, die unsere lästige und zivilisatorisch gescheiterte Menschheit im modernen Genrekino so gern aus dem Weg räumen.
Aber Little Joe bietet uns noch mehr Interpretationen an. Alice zum Beispiel, das wird mehrfach aufgegriffen, befindet sich in psychiatrischer Behandlung – kann es sein, dass wir das Geschehen nur über die nicht zuverlässige Wahrnehmung einer psychisch Erkrankten erlebt haben? Ich denke nicht, aber das Angebot des Skripts steht. Selbst Kapitalismuskritik kann man mühelos in diesen Film hineinlesen – die Zucht der Glücksblumen ist natürlich nicht L‘ art pour l‘ art, sondern erfolgt aus knallharten ökonomischen Interessen heraus: Bessere Blumen lassen sich schlichtweg besser verkaufen als die der Konkurrenz. Damit verbunden ist auch ein kritischer Blick auf unsere Berufswelt – Alice hat viel zu wenig Zeit für ihren Sohn (es reicht zumeist nur für eine gemeinsame Fertiggericht-Mahlzeit), und Bella war gerade ein Jahr lang völlig außer Gefecht gesetzt. Burnout.
Es lassen sich gewiss noch weitere Blickwinkel finden, aus denen dieser Film (den man in den Sechzigern vermutlich etwas offensiver als Frankensteins Höllenkraut des Grauens vermarktet hätte ...) betrachtet werden kann, aber mir reicht’s hier für ein Zwischenfazit: Ohne Zweifel, sonst hätte ich die letzten Absätze nicht geschrieben, bin ich einer von denen, die Fragen oder Gedanken zu Little Joe haben – Jessica Hausners Arbeit konnte mich also mitnehmen und ist es mir wert, noch etwas an ihr dranzubleiben. Ganz leicht macht es einem dieser Film allerdings nicht – tatsächlich ist er weit eher ein Fall fürs Feuilleton als für ein großes Publikum. Das beginnt schon mit seinem aufreizend bedachtsamen Tempo. In vielen Szenen erfasst die Kamera zunächst in aller Ruhe die jeweilige Handlungsumgebung, und erst dann geschehen inhaltlich relevante Dinge. Und das sind vorwiegend Dialoge. Ungeduldige haben hier also nichts verloren, und Filmfreunde, die immer mal ein wenig Radau brauchen, erst recht nicht.
Ungeachtet dessen wirkt Little Joe niemals zwanghaft verkopft und ist auch keineswegs langweilig – im Gegenteil: Ich fand den Streifen durchweg fesselnd und auch spannend, nicht zuletzt deshalb, weil man hier wirklich nie sicher sein kann, welche Richtung das Geschehen einschlagen wird und wie die Veranstaltung ausgeht. Little Joe könnte sogar noch spannender sein, aber daran wird der Film von seiner unterentwickelten emotionalen Komponente gehindert. Das Personal wirkt durchweg ein wenig steif, und selbst an die Protagonistin kommt man nicht gänzlich heran. Die immer leicht altmodisch und sittsam gekleidete Alice hat eine angenehme Ausstrahlung und ist als Sympathieträgerin sehr wohl geeignet, aber auch kühl und ungemein rational, sowohl im Umgang mit den Kollegen (die zunehmend aufdringlichen Avancen, die ihr Chris macht, übersieht und überhört sie wie Luft, sogar dann, als er sie kurz küsst) als auch in der Beziehung zu ihrem Sohn oder selbst in den Sitzungen bei ihrer Psychiaterin, während derer sie klare und vorbereitet klingende Sätze aufsagt wie eine Schülerin, die gerade eine Prüfung absolvieren muss. Ihr Verhalten ist gewissermaßen steril – so steril wie die Räume, in denen sie ihrer unheilvollen Tätigkeit nachgeht.
Damit sind wir schon bei der Optik, und die ist eindrucksvoll. Little Joe kommt zwar nur im normalen 1.85:1-Format daher, aber die Bilder, die der Streifen mitbringt, stellen eine ganz eigene künstlerische Ebene dar. Gemeinsam ist ihnen eine bedingungslose Strenge und der Hang zur klassischen Geometrie – hier gibt es keine schiefen Perspektiven und erst recht kein nerviges Kameragewackel. Da auch Kunstlicht und prägende Musik herzlich willkommen sind, haben wir mit Little Joe fast schon einen Anti-Dogma-Film. Gut so.
Immer dann, wenn wir uns im Forschungsinstitut befinden, zurück zum Ausgangspunkt, wirken diese Bilder tatsächlich extrem steril (man kommt an diesem Wort hier einfach nicht vorbei). Das mag beim Hightech-„Gewächshaus“ des Instituts noch normal sein, aber die Gänge, das Treppenhaus, der Speisesaal oder der Konferenzraum scheinen mit ihren weißen und völlig schmucklosen Wänden regelrecht als Räume verschwinden zu wollen. Zudem ist ihre Ausstattung auf das Allernötigste reduziert: Tische, Stühle, Monitore oder ein paar Lebensmittel in der schmalen Auslage des Speisesaals. Farben kommen derweil ins Spiel, wenn wir uns in der Wohnung von Alice befinden, und dann auch gern einmal richtig satt (eine Kritikerin verwies dabei auf Dario Argentos Suspiria, was ich zunächst übertrieben fand, aber inzwischen muss ich zugeben, dass sie recht hat). Karg eingerichtet ist aber auch diese Wohnung, die überdies das sichere Gefühl erzeugt, dass sich in ihr selbst mit der Lupe kein einziges Staubkörnchen finden lässt. Visuell gibt sich Little Joe also fast abstrakt – hier wirken schon zwei, drei Straßenaufnahmen mit Schmutz erzeugenden Autos (ärks!) vollkommen falsch. Dass sich Jessica Hausners Arbeit dadurch auch sehr hochwertig anfühlt, ist ein angenehmer Nebeneffekt.
Mit den Darstellern hatte ich persönlich leider ein paar Sorgen. Zum Glück steht die wunderbare Emily Beecham als Alice so weit im Zentrum des Geschehens, dass sie vieles von dem abfangen kann, was mir an ihren Kolleginnen und Kollegen nicht gefällt. Emily Beecham hat mich nicht auf Anhieb begeistert, aber mit der Zeit habe ich ihr immer lieber dabei zugeschaut, wie sie ihre streng unterkühlt gezeichnete Figur doch mit Leben füllt, auch wenn sich das mitunter nur in Kleinigkeiten wie einem staunenden Blick äußert. Eine tolle Vorstellung, für die sie in Cannes gewiss nicht zu Unrecht als beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Schlechtes Schauspiel kann ich auch den anderen Mitwirkenden nicht unterstellen – es war ein ganz subjektives Unbehagen, gegen das ich bei ihnen ankämpfen musste. Zum Beispiel beim schmächtigen und unangenehm weichlich wirkenden Ben Whishaw als Chris oder beim in meinen Augen gruseligen Kit Connor, der mir als Joe um viele Jahre älter erschien, als er eigentlich sein sollte, sprich wie ein Erwachsener in einer Kinderrolle oder eine Art Horror-Ausgabe von Heintje. Nicht minder unheimlich und ebenfalls zu alt für ihr Alter erschien mir des Weiteren Lindsay Duncan als Psychotherapeutin – sie war hier knapp siebzig, sieht aber aus wie schon seit fünfzig Jahren mumifiziert. Kerry Fox hat mir als schmerzhaft humorlose Bella kaum weniger Sorgen bereitet, und dem schnurrbärtigen und ständig mit irgendwelchen reich bedruckten T-Shirts herumlaufenden David Wilmot konnte ich den Institutsleiter Karl nicht eine Nanosekunde lang abkaufen – tatsächlich glaubte ich eingangs, dass es sich bei ihm um den Hausmeister handelt.
Ganz wichtig, weil auch er eine eigene künstlerische Ebene bildet und diesen Film entscheidend prägt, ist schließlich der Score, der kein Score im eigentlichen Sinn ist, sondern Musik des japanischen Komponisten Teiji Ito (1935–1982), die nicht einmal Musik im eigentlichen Sinn ist, sondern ein blechernes, bisweilen wirklich hässliches avantgardistisches Klangkonglomerat aus nervenzerfetzendem Fiepen, Brummen, Kratzen, Rasseln, Hundegebell (!!), Flötenklängen und wüstem Schlagwerkeinsatz, das selbst harmlose Szenen oder Bilder zu verstörenden Erlebnissen werden lässt. Dass Jessica Hausner ihrer Arbeit und ihrem Publikum diese ultraschrägen Töne zumutet, ist wirklich tollkühn – man möchte sich vor ihr verneigen. Oder besser: Ich möchte mich vor ihr verneigen, denn verallgemeinern kann man das wohl eher nicht. Fest steht, dass Little Joe ohne diese Kompositionen ein anderer, sehr viel weniger interessanter Film wäre.
Was bleibt, ist also sehr wohl reizvoller, hoch ambitionierter, ruhiger, spröder, über weite Strecken wie eine Anordnung von Kammerspiel-Tableaus wirkender und audiovisuell ziemlich aufregender Arthaus-Sci-Fi-Horror light, der bei allem Anspruch dankenswerterweise nichts Prätentiöses an sich hat, aber immer noch so eigenwillig ist, dass er ein gutes Stück weit am Massengeschmack vorbeirauscht (und somit auch guten Mutes in Cannes vorstellig werden konnte ...). Ein Manko ist das beileibe nicht – es wurden schließlich schon allzu viele verheißungsvolle Arbeiten an den Massengeschmack verraten. Dass sich Jessica Hausners Glücks-Dystopie etwas zu verbissen an die Sachebene klammert, muss sie sich allerdings schon vorwerfen lassen. Anders gesagt: Richtig warm wird man mit Little Joe nicht (den Kalauer, dass man hier nicht richtig glücklich wird, klemme ich mir einmal). Dafür, dass man diesen Streifen in guter Erinnerung behält, sollte die Wärme jedoch ausreichen.
(07/24)
Gute 7 von 10 Punkten.