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An welchen Horrorfilm müssen Sie eigentlich als erstes denken, wenn Sie den Namen Eli Roth hören? Ist es sein internationaler Regie-Durchbruch Hostel (2005),  der das  Independent-Subgenre des Torture-Porns kommerziell salonfähig machte oder der 2013 erschienene Menschenfresser-Thriller The Green Inferno, welcher als  splattrige Hommage an die italienischen Kannibalenfilme der späten 70er bzw. frühen 80er Jahre gedacht war? Oder favorisieren Sie vielleicht doch die Backwood-Slasher-Komödie Cabin Fever (2002), die mittlerweile zwei weitere Fortsetzungen (2009 und 2014)  mit sich zog? Egal wie Sie sich entscheiden, Eli Roth ist in der Szene bekannt wie ein bunter Hund und sein Spürsinn für finanziell erfolgreiche Horrorkost ist nicht von der Hand zu weisen,  auch wenn er beim 2019 erschienenen Halloween Haunt anscheinend komplett daneben lag.  Der von ihm produzierte Slasher konnte bei einem Budget von 5 Millionen Dollar lediglich 2,3 Millionen Dollar weltweiten Kinoerlös erzielen und auch subjektiv geschmacklich betrachtet ist Scott Becks & Brian Woods klaustrophobisch angehauchter Horror Thriller eher dem  gesunden Mittelmaß als der Genrespitze zu zu ordnen, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Dabei war das Marketing clever genug, die Verbindung der Regie- und Drehbuchverantwortlichen zu deren Erstling und Kassenschlager A quiet place (2018) explizit hervorzuheben, was auf dem Filmplakat auch unübersehbar mit dem Hinweis "von den Autoren von..." dokumentiert wurde. Interessant zu wissen ist, dass Becks & Woods das Skript zu Haunt, so der Originaltitel, noch vor A quiet place verfassten und erst als dieser sich als Blockbuster entpuppte, in Sierra Affinity ein Studio fanden, welches ihren Stoff verfilmen wollte. Als Inspiration für die Geschichte dürfte ein momentaner Halloween-Trend in Amerika gedient haben, in welchem Hobbykürbisanbeter ihre Häuser zu öffentlich zugänglichen Geisterbahnen umfunktionieren. Aus dem makaberen Spaß wird in Halloween Haunt bitterer Ernst: Des Kicks wegen besuchen die Studentin Harper (Katie Stevens) und ihre Freunde Nathan (Will Brittain), Bailey (Lauryn McClain), Evan (Andrew Caldwell),  Angela (Shazi Raya) und Mallory (Schuyler Hedford) in der Halloweennacht ein abgelegenes Spukhaus, an welchem sie bei Eintritt ihre persönlichen Sachen abgeben müssen. Als nach den ersten Schockmomenten eine junge Frau von einer als Hexe verkleideten Person mit einem Brandeisen malträtiert wird, hält die Clique ihr Leiden noch für einen täuschend echt wirkenden Teil der Show, ehe sie nach dem ersten Blutvergießen aus den eigenen Reihen feststellen müssen, dass ihr persönlicher Überlebenskampf schon längst begonnen hat und eine Horde maskierter Psychopathen ihnen nach dem Leben trachtet ...

Verworrene Räume und ausgeklügelte Fallen wie beispielsweise in der Saw Reihe (2004-2017) oder auch in Escape Room (2018) erfreuen sich aktuell großer Beliebtheit, weswegen es fast schon unfair wäre, Halloween Haunt fehlende Originalität vorzuwerfen. Becks & Woods borgen und entwenden, schaffen es aber gleichzeitig auch bekannte Inhalte individuell fortzuführen oder eigene Ideen zu ergänzen. Die atmosphärische, düstere, temporeiche Inszenierung des Horrorhauses zusammen mit dem tödlichen Katz- und Mausspiel der mysteriösen, suspekten, gnadenlos vorgehenden Hausherren erzeugt nach der ersten etwas zähen halben Stunde eine sukzessiv steigernde Spannungskurve, welche mit lautstarker Gruselbeschallung und vereinzelten Jump-Scares das Publikum bis zu dem kleinen wenig überraschenden Finale bei Laune halten kann. Der rasante Schnitt und die abwechslungsreiche Kameraführung unterstreichen unvorhersehbare Überraschungsmomente treffend, während das audiovisuelle Zusammenspiel als durch die Bank zufriedenstellend eingestuft werden darf und der Film optisch teurer aussieht, als tatsächlich Geldmittel zur Verfügung standen.

Kritik als solches muss Halloween Haunt vor allem wegen der gesichtslosen Protagonistenparade einstecken, da die Opfer bis auf Harpers Figur ohne jegliche Charakterisierung auskommen müssen. Der Zuschauer weiß nichts über sie, also kann ihm es auch egal sein, was mit ihnen passiert.  Aber auch Harper wirkte trotz Hintergrundinfos zu Ihrer Kindheit auf mich unnahbar und alles andere als sympathisch, was bei mir zu einer kalten, fast schon emotionslosen Gleichgültigkeit den Geschädigten gegenüber geführt hat und auch von den solide auftretenden Darstellern, welche so gesehen nur rein der Klischeebefriedigung dienten, nicht verhindert werden konnte. Geringfügig besser schlägt sich in Halloween Haunt die Killerbande, die mit ihren unterschiedlichen Maskierungen als Clown (Justin Marxen) , Hexe (Terri Partyka),  Vampir (Justin Rose), Teufel (Damian Maffai) oder als Zombie (Schuyler Weiß) sowie ihrem sagenumwobenen Geheimnis für frischen, innovativen Wind bei den üblichen Verdächtigen der etablierten Slashergarde ála Freddy, Jason & Mayers sorgen.

Nebenbei sei noch erwähnt, dass gelungene Kills für mich zum A und O eines überzeugenden Slashers gehören und die präsentierten Tötungssequenzen empfand ich als bestenfalls ausbaufähig mit eindeutiger Luft nach oben. Kennen Sie das berühmt berüchtigte, zweischneidige Schwert? Für den Otto-normal Kinogänger mit Chips und Popcorn mag Halloween Haunt stellenweise wegen einiger kurzer grafischer Gewaltspitzen zu brutal sein, während der genreerfahrene "Gorehound" einen zwischenzeitlichen Tobsuchtsanfall bekommt, weil Becks & Woods andauernd nach wenigen Frames, gerade wenn es interessant wird, abrupt abblenden. Besonders ärgerlich ist dies bei Evans Hinrichtung durch den Geist, was so abhakt wirkt, als wäre der MPAA Sittenwächter mit der Pistole im Schneideraum gestanden und hätte die Kürzung der Bluttat für das letzten Endes erteilte R-Rating erpresst. Die natürlichen, handgemachten Effekte hingegen können fast ausnahmslos überzeugen, auf künstliche CGI- Unterstützung wurde, zumindest so weit ich das beurteilen kann, weitgehendst verzichtet, was dem Streifen alles andere als schlecht zu Gesicht steht.Mit der Differenzierung unterschiedlichem Anspruchsdenkens lässt sich dann auch ein Schlussfazit hervorragend ableiten. Leute, die sonst einen weiten Bogen um gewalttätige Horrorfilme machen, sollten dies auch bei Halloween Haunt beherzigen, da streckenweise trotz der eindeutig kommerziellen Ausrichtung für den Mainstream "harter Tobak" geliefert wird.  Horrorfilmerprobte dürfen gerne einen Blick riskieren, sofern sie in der Lage sind, sich mit der Licht- und Schatten Umsetzung von Becks & Woods zu arrangieren und die Freunde der etwas härteren Gangart können sich eine Sichtung auf Grund der Wahrung ihrer kostbaren Lebenszeit ersparen, der "Schnarcher vor dem Herrn" wird bei ihnen nicht einmal ein Müdes lächeln erzeugen.  Und ich? Ich kann mir durchaus vorstellen, mir den insgesamt leicht überdurchschnittlichen Horror-Slasher nochmal an einem verregneten Sonntag Nachmittag zu Gemüte zu führen, da ich mich ungeahndet der festgestellten Unzulänglichkeiten über weite Strecken ganz passabel unterhalten fühlte. MovieStar Wertung: von 10 Punkte



 


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