Kontemporärer Trash – THE ASYLUM (13)
SAN ANDREAS MEGA QUAKE
(SAN ANDREAS MEGA QUAKE)
H. M. Coakley, USA 2019
San Andreas Mega Quake ist, wenn man so will, die Fortsetzung des vier Jahre zuvor produzierten Asylum-Katastrophenheulers und San Andreas-Mockbusters San Andreas Quake. Wenn man nicht will, kann man darin aber auch nur eine für sich allein stehende Fließbandgurke aus der Abteilung „Katastrophentrash der Woche“ sehen. Was man hier will oder nicht will, ist freilich am Ende auch wurst.
Immerhin nimmt der vorliegende Streifen insofern Bezug auf seinen „Vorgänger“, als dass er uns eingangs daran erinnert, dass Los Angeles gerade von einem Erdbeben der Stärke 12,7 (!!) zerstört wurde (ich wiederhole: 12,7!!). Warum dann dort noch zahlreiche Wolkenkratzer stehen, sagt man uns nicht, aber das ist ein Detail, das nur aufmerksame Zuschauer interessieren sollte (für diese aufmerksamen Zuschauer brechen indes schon damit schwere neunzig Minuten an). Wir befinden uns allerdings nicht in Los Angeles, sondern etwas weiter nördlich in Berkeley. Hier arbeiten unsere Wissenschaftler vom Dienst – im konkreten Fall Seismologen respektive Geophysiker, von denen im Folgenden gleich mehrere in den Protagonistenstatus erhoben werden. Zunächst lernen wir Dr. Jan Werner und seine lose mit ihm liierte Kollegin Christine kennen, die von mehreren mittelschweren Erdstößen in Alarmbereitschaft versetzt werden und nach kurzem Kopfrechnen feststellen, dass es in etwa zwei Tagen zu einem Super-Beben kommen wird, welches die gesamte Westküste vernichtet (genauer gesagt soll alles, was westlich der titelgebenden Verwerfung liegt, ins Meer rutschen). Nun ist guter Rat wie so oft teuer, aber man hat noch einen Joker beziehungsweise eine Jokerin im Ärmel: Deborah Franklin, ihres Zeichens Super-Geologin, geschiedene Ehefrau von Dr. Werner (arrgh!) und Erfinderin einer „seismischen Kanone“, die sie allerdings für einen zweckentfremdeten Gebrauch ans Militär abtreten musste. Es ist nicht ganz einfach, die verbitterte Expertin zur Mitarbeit zu überreden, aber angesichts der äußerst beunruhigenden Lage willigt sie schließlich ein und lässt sich nach Berkeley fliegen – um unterwegs einen ersten derben Helikopterabsturz mit leichtem Nasenbluten zu überleben.
Nachdem sie von ihrem Ex-Mann, Christine und deren Kollegen Drew aufgesammelt wurde, kann es an die Rettung der Welt beziehungsweise wenigstens Kaliforniens gehen: Das Militär, vertreten durch einen Colonel und seinen Piloten, bringt die seismische Kanone zum vorgesehenen Ort mitten in der Wüste, Deborah und die Army-Repräsentanten begraben ihre Feindseligkeiten und die Wunderapparatur wird gestartet, um wie auch immer das kommende Super-Beben aufzuhalten.
Währenddessen gibt es auch noch einen zweiten Handlungsstrang, der sich mit der gemeinsamen Tochter von Jan und Deborah (nein, die durfte einfach nicht fehlen) beschäftigt. Immerhin muss diese Tochter hier einmal nicht gerettet werden (!!), sondern rettet sogar selbst – sie ist nämlich Soldatin im humanitären Einsatz und treibt sich abgeschnitten von ihrer Einheit im verwüsteten Los Angeles herum, wo sie todesverachtend eine Eingeschlossene aus einem Gebäude befreit. Anschließend mit der Geretteten die Stadt zu verlassen, ist derweil alles andere als leicht, und auch unsere Wissenschaftler haben ihre Sorgen: Die Erdbebenentschärfung mithilfe der seismischen Kanone schlägt gründlich fehl. Nun bleiben nur noch vier Stunden bis zur Super-Katastrophe ... und dreimal darf man raten, ob nicht doch noch ein Weg gefunden wird, das Fürchterliche abzuwenden.
Aber nein – man muss hier nicht herumraten: San Andreas Mega Quake folgt strikt den Asylum’schen Skriptregeln und serviert uns (SPOILER bis zum Absatz) nach dem überaus theatralischen Dahinscheiden zweier Nebenfiguren das gewohnte Happy End. Die Helden kommen (nachdem sie einen weiteren Helikopterabsturz aus gut fünfzig Meter Höhe allesamt ohne Kratzer überlebt haben!) auf die Idee, einen „Vulkan zu bauen“ (ohne Quatsch) – was allerdings spektakulärer klingt als es ist, denn sie werfen nur eine vom Militär gelieferte kleine Rakete in eine Vertiefung des Wüstenbodens und setzen durch deren Explosion Magma frei, welches den Unheil stiftenden tektonischen Riss quer durch Kalifornien auffüllt und unschädlich macht (Spoiler Ende).
Das ist natürlich nicht weniger als himmelschreiender Unfug, aber solcher Unfug gehört zumindest für den Trash-Liebhaber zu den wichtigsten Gründen, sich einen Film aus David Michael Latts Schundschmiede anzuschauen. Und aus diesem Blickwinkel kann sich San Andreas Mega Quake sehr wohl sehen lassen: Neben fachlichem Blödsinn und gepflegter Hirnlosigkeit (man denke beispielsweise nur einmal über den Satz „Versucht den Mittelpunkt all dieser Beben zu finden – das ist der beste Weg, sie aufzuhalten!“ nach) gibt es auch noch eine wahre Flut von Logikaussetzern – Filmfehlersucher dürften sich bei alledem fühlen wie im Schlaraffenland. An unfreiwilliger Komik mangelt es demnach nicht, und da auch das Tempo hoch ist (irgendwelche Vor-, Nach- oder Zwischenbeben gibt es in gleichmäßig kurzen Abständen) und man mit dem hier angetretenen Personal gut leben kann, empfiehlt sich San Andreas Mega Quake zumindest für einen Platz im gehobenen Asylum-Mittelmaß. Dass es aus meiner Sicht für mehr nicht reicht, hat vor allem einen Grund: Bei aller Liebe zum vorliegenden Werk habe ich inzwischen schon so oft den gleichen Schruz gesehen, dass sich die ganz große Begeisterung nicht einstellen wollte – in diesem Fall bin ich also gewissermaßen zum Opfer meiner eigenen Katastrophentrashkomplettistenleidenschaft geworden.
In Sachen Optik überrascht San Andreas Mega Quake derweil mit sauberen und mitunter sogar recht eindrücklichen Breitwandbildern, und das ist schon etwas Außergewöhnliches. Bei der Masse an Aufnahmen, die in weiten Wüstenlandschaften entstanden, hat sich die Wahl dieses Formats auch wirklich gelohnt. Gravierende tricktechnische Defizite kann es jedoch nicht verschleiern: Wie gewohnt liefern die Asylum-Effektspezialisten bis auf wenige Ausnahmen VFX der untersten C-Klasse ab – vorwiegend in Form von „Rissen“, die sich in der Erde auftun. Hinzu kommen ein paar grauenvolle Greenscreen-Aufnahmen und sogar in Handarbeit realisierte Peinlichkeiten wie riesige Styropor- oder Pappmaché-„Felsbrocken“, die an den unmöglichsten Stellen (wie dem Inneren einer unbeschädigten Baracke) herumliegen.
Deutlich besser sieht es bei den Darstellern aus, und zwar weniger aus fachlicher Sicht (wirklich schauspielern kann hier niemand) als vielmehr durch ordentliche Sympathiewerte. So ist Christie Nicholls als regelmäßig mit dem Hubschrauber abstürzende oder mit dem Auto verunglückende Deborah eine sehr angenehme Person, und Liz Fenning, die offenbar eine sichere Anstellung im Hause Asylum hat und über eine leicht eigenwillige Physiognomie verfügt, mag ich dank ihrer Auftritte in Ghost Hunters und Atlantic Rim: Resurrection ohnehin. Hier spielt sie Dr. Werners Kollegin und temporäre Partnerin Christine (dass die eingangs in alle Winde zerstreute Werner’sche Familie am Ende wieder glücklich zusammenfindet, versteht sich von selbst – das ist kein Spoiler). Als ebendieser Jan Werner ist Joseph Michael Harris zu sehen, der mir erst kürzlich in einem weiteren Asylum-Katastrophenheuler, nämlich End of the World begegnet ist. Das dort Gesagte gilt auch hier – ein Großer seines Fachs wird er nie und nimmer, aber man will ihm deswegen nicht böse sein. Glen Baggerly kann derweil in einer Uniform-Sprechrolle als Colonel Lochner wenig falsch machen und Sarah J. Bartholomew ist als Deborahs und Jans Tochter Ingrid zwar gründlich fehlbesetzt (die Soldatin kauft man ihr keine Sekunde lang ab), aber auch angenehm genug, um mit ihr leben zu können. Der Score stammt schließlich erwartungsgemäß von Chris Ridenhour und Chris Cano und spult das übliche, von einem billig klingenden Drumcomputer überschattete Dauergedudel ab. Regelrecht grotesk gerät er allerdings, wenn er Erdbebenszenen mit wüsten Chören unterlegt. Auch so etwas kennt man aber von David Michael Latts Haus- und Hofkomponisten schon zur Genüge.
Und ja, zumindest Trash-Enthusiasten kennen auch den Katastrophen-Kokolores, mit dem San Andreas Mega Quake antritt, zur Genüge – objektiv betrachtet wird hier nur zum zigsten Mal und in milde variierter Form längst Ausgelutschtes zitiert beziehungsweise heruntergenudelt. Man könnte auch mühelos noch härtere Worte finden, aber daran liegt mir nichts. Auch wenn ich hier wie gesagt nicht in Begeisterung ausgebrochen bin, so mag ich doch Filme wie diesen, in denen sich die Darsteller verzweifelt unter den imaginären Rotorblättern eines Helikopters entlangducken, ohne dass sich ein Haar bewegt oder die Absturzstelle eines anderen Helikopters durch umständliches Telefonieren mit dessen Insassen gesucht wird, obwohl die Suchenden eine riesige pechschwarze Rauchwolke vor der Nase haben, und ich sehe Liz Fenning fast genauso gern wie Elle oder Dakota Fanning. Also hatte ich noch immer einen guten und fröhlichen Abend mit San Andreas Mega Quake – und werde gern dabei sein, wenn das nächste Mal längst Ausgelutschtes aus der Abteilung Katastrophentrash zitiert beziehungsweise heruntergenudelt wird.
(08/21)
Objektiv knappe 4 von 10 Punkten.