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Der Zweite Weltkrieg gliedert sich aus Sicht der finnischen Geschichtsschreibung in drei sehr verschiedene Teile: den Winterkrieg gegen die Sowjetunion 1939/40, den sogenannten Fortsetzungskrieg gegen die Sowjetunion 1941-1944 und den Lapplandkrieg gegen Nazi-Deutschland 1944/45. Der Winterkrieg steht dabei nicht nur chronologisch am Anfang, sondern ist auch insofern für das finnische Selbstverständnis prägend gewesen, als dass das kleine Finnland hier eindeutig zu einem (weiteren) Opfer der stalinistischen Aggression wurde und aufgrund seines erbitterten Widerstandes trotz der vielfachen Überlegenheit der Roten Armee mit schmerzlichen, aber letzten Endes verkraftbaren Gebietsverlusten in Karelien davonkam. Der längere und noch verlustreichere Fortsetzungskrieg an der Seite Hitlers war dann moralisch keineswegs mehr so eindeutig zu bewerten. So ist es kein Wunder, dass sich auch der finnische Schriftsteller Antti Turri, obwohl als Nachgeborener (*1944) kein Zeitzeuge, dieses Themas annahm und 1984 einen erfolgreichen Roman unter dem Titel Talvisota ("Winterkrieg") veröffentlichte, der dann 1989 zum 50. Jahrestag der sowjetischen Invasion genauso erfolgreich verfilmt wurde. Zwanzig Jahre lang, bis 2008, war Talvisota die teuerste finnische Filmproduktion überhaupt.

Inhaltlich geht es um das Schicksal eines Zuges Reservisten aus der Landschaft Südösterbotten, der in die Abwehrschlacht am Fluss Taipale verwickelt und dabei fast vollkommen aufgerieben wird. Im Mittelpunkt stehen die Brüder Hakala, zwei Bauernsöhne, ihre Nachbarn und Freunde vom 50-jährigen Bürgerkriegsveteranen bis zum blutjungen Rekruten sowie der Zugführer, Leutnant Kantola. Eindrucksvoll inszeniert Regisseur und Drehbuchautor Pekka Parikka den verzweifelten Abwehrkampf der wenigen Finnen, die alle für den Zuschauer wahrnehmbare individuelle Charakterzüge besitzen, gegen die gesichtslose Masse der selbstmörderisch anstürmenden Rotarmisten, die damals noch keine CGI-Animationen waren, sondern durch ein echtes Komparsenheer dargestellt wurden. Auch die waffentechnische Überlegenheit der Roten Armee wird dabei immer wieder aufgezeigt. So schießt die sowjetische Artillerie stundenlanges Trommelfeuer, Fliegerbomben werden dutzendweise selbst auf einzelne Finnen abgeladen, und gegen die zahlreich auftretenden Panzer können sich die Verteidiger nur mit Baumstämmen und Molotow-Cocktails zur Wehr setzen. Und all das geschieht vor dem Hintergrund der bitterkalten Wintermonate inmitten der karelischen Schneewüste.

Alles in allem ein sehr empfehlenswerter, überzeugender und bewegender Kriegsfilm, der den Vergleich mit den seelenlosen Materialschlachten aus Hollywood nicht zu scheuen braucht und und der in einer Zeit wieder an Bedeutung gewinnt, in der ein anderer Autokrat im Kreml die Untaten Stalins vergessen zu machen sucht und aufs neue die osteuropäischen Kleinstaaten bedroht.

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