Review

Hätten Sie gern ein Glas Wasser?

Cage und Lovecraft, jedem 'Vernunftbegabten' Menschen schlackern da die Ohren, leuchten die Augen, in heller Erwartung und Vorfreude schon, dazu noch ein Regisseur, der sein Tun hatte in der Vergangenheit und seine eigene Geschichte, die Voraussetzungen schlichtweg perfekt, zudem war Mandy (2018) nicht weit. Gruselig schon die Firmenlogos, der erste Einfluss, die Nackenhaare am sich Aufstellen und Sträuben, die Fantasie spielt verrückt, der erste Anblick im Westen von Arkham entzückt, kein Mensch je betreten, kein Sonnenlicht den Wald durchleuchtet. Sagen und Legenden, Weiten und: Kleinigkeiten, verborgene Schätze, verborgene Geheimnisse, ein Leben im Mythos, im Mysteriösen, der Geist des Feuers, um Schutz, Freiheit und Rituale geht es hier, Witcher oder alexandrinisch. Zwei Fehler begangen, zwei Entschuldigungen ausgesprochen, eine kurze, eine erweiterte Bekanntschaft:

Nach der Mastektomie seiner Frau Theresa [ Joely Richardson ] zieht Nathan Gardner [ Nicolas Cage ] mit seiner Familie, den Kindern Lavinia [ Madeleine Arthur ] , Benny [ Brendan Meyer ] und Jack [ Julian Hilliard ] auf die Farm seines verstorbenen Vaters. Eines Nachts stürzt ein Meteorit in ihrem Vorgarten nahe dem Brunnen ab. Nathan informiert die zuständigen Behörden, darunter die Bürgermeisterin Tooma [ Q'orianka Kilcher ] und den Sheriff Pierce [ Josh C. Waller ] von Arkham, außerdem ist der sowieso das Gebiet erkundende Hydrologe Ward Phillips [ Wlliot Knight ] vor Ort. Bald werden seltsame Phänomene beobachtet, was vor allem Phillips kritisch sieht.

“Westlich von Arkham erhebt sich ein wildes Bergland, und es gibt dort Täler mit tiefen Wäldern, an die kein Holzfäller je seine Axt gelegt hat. Durch düstere, enge Schluchten murmeln schmale Bäche, auf deren Oberfläche sich nie ein Sonnenstrahl brach, unter bizarr verkrümmten Bäumen dahin. An den sanfteren Hängen liegen uralte Gehöfte aus grobbehauenem Stein mit gedrungenen, moosüberwachsenen Häusern, die seit ewigen Zeiten im Schutz mächtiger Felsvorsprünge über den alten Geheimnissen Neuenglands brüten. Doch heute sind alle diese Gehöfte verlassen, die mächtigen Kamine verfallen, und die Schindelwände wölben sich bedrohlich unter den niedrigen Mansarddächern. Die früheren Bewohner sind allesamt fortgezogen, und Fremde können sich mit der Gegend nicht anfreunden. Die Frankokanadier haben es versucht, die Italiener haben es versucht, und die Polen sind gekommen und weitergezogen. Es liegt nicht an irgendetwas, das man sehen oder hören oder berühren könnte, sondern an etwas, das sich in der Phantasie der Leute abspielt. Die Gegend weckt ungute Vorstellungen, und man hat dort nachts keine erholsamen Träume. Das muss es sein, was die Fremden abhält, sich hier niederzulassen, denn der alte Ammi Pierce hat ihnen nie von seinen Erinnerungen an die seltsamen Tage erzählt. Ammi, der schon seit Jahren nicht mehr ganz richtig im Kopf ist, ist der Einzige, der übrig blieb und der je über die seltsamen Tage spricht. Und er wagt es nur, weil sein Haus so nah an den offenen Feldern und den vielbefahrenen Straßen rund um Arkham steht.“

Für ihn faszinierend, für sie ein leider, nicht geschaffen für das Leben in der Ruhe und Einsamkeit, nicht im Einvernehmen und Einverständnis mit den Eltern, ein eigenes, ein eigenartiges Verhalten und Leben. Ein Fluch wird erwähnt, Succubus, Zauberei, Schwarze Magie, Erwachsene und Kinder, ein Blick aus einem Brunnen heraus. Ein Verlust wurde gemacht, die Mutter viel erwähnt, dazu Hightech im Bauernhof, der Streit geht beim Abendessen weiter, trotz der großen Weinsammlung im Keller, es wurden Regeln gemacht und ebenso gebrochen, ein Künstlerleben, ein unsichtbar eingezäuntes Grundstück, die Dialoge ebenso merkwürdig. Ein Traum wird gelebt, die Realität verdreht und umgekehrt, die Brille ab und aufgesetzt, die Familie normal und doch nicht, das Dasein ebenso, der Jüngste spürt es als Erstes, der Rest erst nebenbei, hinterher, wenn es längst zu spät für ist. Regisseur Stanley nutzt hier seine Chancen, er hat einen wiedergewählten, wiedergewonnenen Star, mit eigener Begeisterung für die Materie und das Genre, er fängt beizeiten mit der Bedrohung an, während eines Liebesaktes dem Necronomicon. Faszination weicht der Angst und dem Schock, der Junge ist traumatisiert, der Zuschauer nimmt nur einen Teil des Eindrucksvollen mit, den Geruch bspw. nicht, der Sheriff und eine Polizistin werden informiert; Cage spielt das ganz provenzalisch, das ist fast mehr zum Fürchten. Der erste Eindruck täuscht, ein The Recall (2017) hier am Entstehen, am Wachstum und am Werden, die Tochter führt die Bindung, der Vater die Befehle, die Farben der Wahnsinn, laut Aussage zumindest. Kontakte sind hier kurz und knapp und schräg und etwas verdreht, schon vor dem Einbruch in die Realität, der Entwicklung der Geschichte, dem Interesse der Geschlechter, den Auswirkungen des Geschehens, der Regisseur als Beobachter und Inszenator, als Beifügung und Einführung und Einfügung, eine spezielle Ader hier, eine Ökosphäre, eine Atmosphäre, Vorsicht ist besser als Nachsicht, eine aktive Beteiligung hier.

Wissenschaftlich wird versucht heranzugehen, politisch, ökologisch, philosophisch, traumatisiert auch, manchmal die Gegend von Unschärfe, Unschätzbaren und Unscheinbaren erleuchtet, von elektronischen Einflüssen, von Halluzinationen, von Lichtkegeln der Taschenlampe, von Erschütterungen, eine Satire auch, eine Groteske, ein Horrorfilm, mit blutigem Gesicht. In der Natur lebend und gleichzeitig in ihr gefangen und ausgeliefert, der Alltag versucht zu bewältigen, die Routine des Bauernhofes, ein Rausch in der Stabilität, eine Stabilisierung der Lage, es wird immer schlimmer. Interferenzen gibt es hier, Störsignale, Relationen und Irreales und Surreales, auf jeden eine andere Anziehungskraft, die Schönheit im Hässlichen und auch umgekehrt. Alltägliches wird zur Gefahr, vor allem auch für die Sinne, das Hören und das Sehen und Riechen, eine Überforderung von Körper und Geist und Seele, eine zunehmende Kontamination, in langsamen Zügen erzählt. Die Bewohner waren vorher merkwürdig, sie sind es weiter.

“Dann hörte ich die Geschichte, und während die kratzige, flüsternde Stimme ihrer weitschweifigen Erzählung folgte, erschauderte ich trotz der Sommerhitze ein ums andere Mal. Oft musste ich den Sprecher zurückführen, wenn er abgeschweift war, den wissenschaftlichen Hintergrund bestimmter Einzelheiten klarstellen, die ihm nur noch als schwache Erinnerung an mechanisch nachgeplappertes Professorenlatein gegenwärtig waren, oder Stellen überbrücken, an denen Logik und Zusammenhang seiner Erzählung brüchig wurden. Als er fertig war, wunderte ich mich nicht mehr, dass er ein bisschen merkwürdig im Kopf geworden war und dass die Leute aus Arkham nicht gern über die verfluchte Heide sprachen. Ich eilte vor Sonnenuntergang zurück in mein Hotel, um zu vermeiden, dass die Sterne über mir aufgingen, solange ich mich unter freiem Himmel befand. Und am nächsten Tag fuhr ich nach Boston zurück und kündigte meine Stellung. Ich konnte nicht noch einmal in jenes dämmrige Chaos alter Wälder und Schluchten zurückkehren oder ein weiteres Mal jene graue, verfluchte Heide betreten, wo der schwarze Brunnen tief neben den zusammengestürzten Ziegel- und Steinhaufen gähnte. Der Stausee wird nun bald gebaut sein, und alle Geheimnisse der Vergangenheit werden für immer sicher unter seinen Fluten begraben sein. Doch selbst dann, so glaube ich, würde ich jene Gegend nicht gern bei Nacht aufsuchen – zumindest nicht, wenn die unheilvollen Sterne am Himmel stehen. Und nichts könnte mich dazu bringen, das Wasser aus der neuen Wasserversorgung von Arkham zu trinken.“

Ob jetzt geothermale Aktivität oder magnetische Verzerrung, Interaktion mit dem Unsichtbaren und dem Sichtbaren, ob in der Statik oder der Feuchtigkeit. Ob in kleinen Gruselmomenten oder Schocks dargereicht, viel wird dem Unwohlsein auch des Zuschauers, dessen Verzerrung und Verwirrung erwirkt und bewirkt; Cage passt da rein wie die Faust aufs Auge, es ist aber nicht seine beste Leistung, er spielt wie King in Creepshow. Eine Art Pubertät hier, alles spielt verrückt, Physis verändert sich, der Zustand gleich mit, dazu ein Krebsgeruch in der Nase, Milchsäurebakterien, ein zerfallender Tumor. Der Film anekdotisch, immer mehr ist am Desinfizieren, eine Reihung und Steigerung, eine Geiselnahme des Publikums, mit der Familie gefangen, wie im Stockholm-Syndrom, die Maske leistet (wie bei Gordon und Yuzna) ganze Arbeit, die Effekte, die Technik insgesamt, die Farbgebung und Lichtsetzung, vor allem visuell (und akustisch) gedacht, dazu wirkungsvolles Schauspiel, mal eine Besinnung, mal eine Selbstverständlichkeit, mal eine Selbstverpflichtung, dann eine Selbstverletzung. Das Grauen hält, “Oh, mein Gott“, gleich dreimal hintereinander, ein Auseinander- und Zusammenwachsen von Leibern, ein Absorbieren und Integrieren, ein Schwarzes Feld im begrenzten Radius, ein Agieren in und trotz jeder Unwirklichkeit und Gruseligkeit, nervenzehrend bis nervtötend, “Ich hab alles unter Kontrolle.“, der letzte Satz vor einem Massaker, “Das Schießen ist vorbei.“, eine Qual am Laufen, der Vater übernimmt, eine Volatilität, eine Vitalität und Totalität, sich im Dream Scenario sudelnd und sprudelnd und wuselnd, ein Absaugen und ein Aufsaugen, ein Ausschlag als Film.

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