Schwer wiegt die (Dornen-)Krone
Ist der Erotikthriller gar nicht tot? Zumindest nicht in Europa? Oder hat er sich nur (bösartiger) weiterentwickelt? Ja, könnte man meinen, wenn man sich den schwedischen „Königin“ anguckt, der moralisch und menschlich ganz andere dunkle Narben aufreißt als die typischen Erotikstreifen a la „Basic Instinct“ aus den 90ern. Geschweige denn „Unfug“ von heute a la „Babygirl“. Erzählt wird in dem enorm abgründigen Drama über eine versierte und resolute Rechtsanwältin in Sachen Sexualdelikte, die zuhause mit dem jugendlichen Sohn ihres Mannes (!) aus dessen erster Ehe ein Verhältnis beginnt und damit alles auf's Spiel setzt - doch das ist erst der Anfang eines perfiden Geflechts der Lügen, Schmerzen und Triebe…
Davon traut sich Hollywood kein Remake
„Königin“ lässt einen schaudern, beben, fast den Fernseher anschreien. Er ist mehr als nur unangenehm, mutig, drastisch, böse. Heftig. Ein Erotikthriller mit ungemeiner Tiefe und Komplexität. Erst recht in Zeiten von MeToo, Equal Pay und Gleichberechtigung. Zwischen sexueller Befreiung und sexuellem Missbrauch. Spannend, empörend, Inzest und komplex. Schuld und Macht. Wissen und Weiblichkeit. „Königin“ ist ein Biest von einem Film. Bissig, tabulos, erotisch. Verboten gut. Man will sich fast duschen danach. Man fühlt sich beschmutzt. Benutzt. Missbraucht. Man traut seinen Augen kaum. Man fühlt sich verwirrt. Man weiß nicht genau, was man darüber denken soll. Und genau das ist schon das Problem. Hauptdarstellerin Trine Dyrholm spielt das herausragend und vielschichtig. Nur in Europa ist das so möglich. Vor allem die immer weiter eskalierende und hakenschlagende zweite Hälfte ist unfassbar schwer mit anzusehen und zu überstehen. Wir scheuen eben nicht dahin zu gehen, wo es weh tut und auch mal polarisiert…
Midlifecrisis to the Max
Fazit: richtig ungemütlicher, europäischer und bitterböser Erotikthriller… Moralisch, menschlich, seelisch, gesellschaftlich, körperlich - in vielerlei Beziehung ein echter Tiefschlag. Und doch unendlich wichtig und mutig - gerade in Zeiten der „Gleichberechtigung“.