Was ist das doch für ein hübsches Filmplakat, unten meuchelt ein haariger Delon an der schreienden Girardot herum, oben drüber hüpft eine Gruppe nackter Herrschaften über einen Strand! Wo ist denn da der Schocker?
Läßt Alain etwa die Hosen runter?
Indeed, he does!
Es dauert gerade mal ein nettes halbes Stündchen, dann geht besagte Gesellschaft baden und auf Zuruf schlüpft Sissis Ex aus seinen Buxen und schwenkt seinen Schniepel in der Meeresbrandung! Helau!
Natürlich ist das nicht der Schocker, den sollte ich hier für alle Interessierten besser nicht verraten, aber wenn die Kühlraumtür sich schließlich öffnet, dann dürfte eigentlich auch der Letzte schon auf den Clou des Films der Marke „Schöne neue Zwei-Klassen-Welt“ gekommen sein.
Was Alain Jessuas Film denn nun eigentlich ist, bleibt dabei relativ in der Schwebe, die Herren Kritiker haben ihn ins Krimilexikon befördert, obwohl er das nun gar nicht ist, maximal ein Thriller. Dafür wiederum ist er zu ruhig und manieriert, eher ein Mysteryfilm. Doch die Enthüllung ist dann natürlich nicht übernatürlich, maximal latent utopisch, weswegen man ihm einen kleinen SF-Touch unterjubeln könnte. Immerhin: bitter genug für die 70er, als kontroverse cineastische Schläge auf den Hinterkopf Konjunktur hatten, ist er gewesen. Maximale Wirkung erzielt er aber nicht.
Im Zentrum der Handlung steht dann auch eher Girardot, während Delon mehr eine ausgebaute Nebenrolle gibt, im übrigen ist er hier der Schlimmfinger, das sagt schon der kreative Rollenname „Dr. Devilers“! Girardot, die nun wahrhaftig nicht wie ein Model ausschaut, leidet als Industrielle unter verstärkten Krähenfüßen und wenig Schlag bei Männern, weswegen ihre eine Frischzellenkur empfohlen wurde – von einem guten, schwulen Freund, der auch da ist.
In dem abgelegenen hochmodernen Resort lässt sich eine Handvoll gut Betuchter mit Algensteaks und Whirlpoolbäder verwöhnen, liegt faul und erzählt sich arrogant, wie gut es ihnen jetzt wieder geht. Zwischendurch gibt es dann noch diverse Injektionen, die angeblich auf Schafsfötenzellen basieren. Lecker! Dabei lässt man sich vorzugsweise von schlanken portugiesischen Hilfsarbeitern bedienen, die aber ordentlich dem guten Roten zusprechen und dann per Schwächeanfall mal in den Pool plumpsen, weswegen sie häufig ausgetauscht werden. Gutes Personal ist schwer zu kriegen.
Girardot ist erst spröde, dann spröde und irgendwann wird sie misstrauisch und spröde, als ihrem Freund die Kohle ausgeht und er sein Zimmer räumen muss, denn so läuft es bei den Privilegierten. Nach einer Nacht nebeneinander ist er weg und taucht dann irgendwann in der Dünung wieder auf. Frischzellen machen offenbar süchtig.
Wie es nun mal so ist, forscht die gute Girardot zunehmend nach, steigt mit Doc Delon in die Kiste und lässt es sich sonst gut gehen. Dabei mehren sich die Anzeichen. Alte Kellner weg, neue Kellner da. Ein netter Ansprechpartner aus der Gruppe warnt, die übrigen Gäste empfinden sie als störend, mosernde Einheimische sind plötzlich mundtot. Und irgendwann fehlt bei Girardots Töfftöff die Batterie…
Man kann kaum sagen, dass man es nicht kommen sieht, dafür läuft der „Schocker“ dann zu mechanisch ab und hat zu wenig echte Schockmomente, dafür aber eine sehr wirksame Atmosphäre, etwas Antiseptisches, Unmenschliches und Isoliertes. Alles spitzt sich in Richtung bösartige Enthüllung und armwedelnde Hysterie zu, doch gerade als unserer Protagonistin der Stift geht, hat sie eigentlich gar keinen großartigen Grund dazu. Stattdessen macht sie so erst recht auf ihre Schnüffelei aufmerksam. Dazu passt der enervierende Urwaldrhythmus, der ständig über die Ferienresortbilder gelegt wird.
Kritiker der 70er haben da noch einige gesellschaftskritische und politisierte Kritikpunkte vorgefunden, aber das ist eher rudimentär gefärbt, denn sogar die leise Kapitalismuskritik, die hier anklingt, scheint kaum durchdacht zu sein. Das ist besonders auffällig, wenn Delon sich über seine „Gäste“ auslässt, die er verachtet, die er aber dann doch vor Ort bluten lässt, weil er sich so sein Sportflugzeug leisten kann.
Ebenfalls nebulös ist die Wirksamkeit der Kur, denn hier treffen sich offenbar nur sowieso gut abgehangene 40-50jährige und die sehen vorher wie nachher gleich aus. Und auch Girardot zeigt keine großen optischen Veränderungen
Leider ist das Tempo recht brav, der Spannungsaufbau liegt mehr im Inneren, im Unbekannten und die Figuren sind zu ineffektiv und träge, um wirklich etwas zu reißen oder den grauenhaften Kern der Geschichte gut vorzubereiten. Immerhin: das ungesunde Flair des Films verfehlt ihre Wirkung nicht und am Ende greift man recht graphisch in die Mad-Scientist-Kiste, wobei der rechte Aufreger am Ende oder der totale Schlag ins Kontor ausbleiben.
Für Freunde düsterer Dystopien oder Fans von Rainer-Erler-Filmen gibt es aber etwas zu entdecken, man sollte nur nicht auf Rasanz hoffen. Finstere Idee aber, immerhin! 6/10