"Ich befand mich in der Situation von Annie Girardot. Ich habe ein paar Ferien in einem Pflegeheim in der Bretagne mit Jean Pierre Le Sourd gemacht. Nach vier Tagen hatte ich genug. Ich habe meiner Fantasie freien Lauf gelassen und dachte, es würde Spaß machen, in einem solchen Institut einen Film zu drehen."
~ Alain Jessua
Die Landschaft karg, die Straßen fast leer, die Fahrt war erst einsam, dann wird's plötzlich voll, es wird gebremst. Es geht an die Küste, es wird sich auf andere Sachen konzentriert, es wird gesungen, aber die Blicke drücken andere Gedanken aus, es wird überholt. Das Ziel ist nicht die Küste oder das Meer, das Ziel ist nicht Urlaub, sondern ein Institut. Manche sind schon Stammgäste, kommen jedes Jahr, manche sind neu, zu Gast ist die Fahrerin, zu Gast ist auch der Sangestrupp:
Die als Modehausdirektorin gutverdienende, nach einer Trennung aber ausgebrannte Hélène Masson [ Annie Girardot ] bgeibt sich auf Anraten ihres Bekannten Jérôme Savignat [ Robert Hirsch ] in das entlegene Thalassotherapie-Institut von Dr. Devilers [ Alain Delon ] und dessen Assistenten Dr. Bernard [ Michel Duchaussoy ]. Die Erstbehandlung tut ihr auch gut, allerdings fallen der Frau bald merkwürdige Dinge auf, für die sich auch niemand anders sonst interessiert.
Gesucht wird ein Ausweg, ein anderes Leben als das von jetzt und das der letzten Jahre, man weiß nicht die Lösung, man weiß aber um die Probleme. "Ein paar Tage hier, und Du bist nicht mehr dieselbe." Versprochen wird eine Wunderheilung, eine Kur, ein gottgleicher Arzt, es gibt auch spezielles zu essen, eine Algensteak-Diät, Begeisterung sieht anders aus. Diagnostiziert wird eine Depression. Die Frau ist erst 38, sie besteht auch darauf, sie ist keine 39, sie ist keine 40, beruflich erfolgreich, aber unglücklich und allein, oder allein und unglücklich, wer weiß das schon. Zu einer Art Modethema verkommen die letzten Jahre, öfters in den Medien, selten ernst genommen; hier mit der Prämisse eines Horror-Thrillers, einer Gesellschaftskritik, alle reden höchstens hinter dem Rücken, eine ganze Gruppierung stellt sich parasitär über andere und schaut weg.
Gedreht hat Traitement de choc Alain Jessua, welcher auch folgend die Zivilisation nicht bloß betrachtete, sondern kranke oder wahnhafte Zustände in ihr erkannte, den Drang nach Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, das Heischen um Spektakel, die Unruhe und Feindseligkeit unter den Menschen, die brüchige Fassade, um das fehlende Gleichgewicht, später vor allem noch in Die letzte Warnung - Der Erpresser (1977) und Die Hunde (1979); hier an einem festen Schauplatz gesetzt, in dem schnell auffällt, dass Jeder das Gleiche predigt und alle dasselbe erzählen. Schlag auf Schlag geht die Therapie, es wird gebadet, es wird geduscht, die Seeluft soll helfen, das Mikroklima, das Zimmer ist karg eingerichtet, es gibt ein Spiegel, es gibt ein Bett, es gibt viel Weiß, viel ist auch aus trüb spiegelnden Blech.
Die Gemeinschaft soll es auch richten, dafür wirkt der Film wie vieles oder fast alles von Jessua schon von Beginn an zu kalt, es gibt Gruppierungen, ja, es gibt Interaktionen, die Stammgäste halten sogar außerhalb des Institutes Verbindung zueinander, aber mit 'Gesetzen' oder Regeln als Maßstab, mit einem Ehrenkodex, mit Geboten und Verboten. "Für Jugend bezahlt man eben", eine Einverständniserklärung braucht es auch. Oberflächen zeichnet der Film und Details, er hat einen einzigen warmen Fixpunkt, mit Girardot, es gibt Anamnesen, es gibt Befragungen, die Frau ist verletzlicher, als sie eingangs scheint, sie ist für jede Hilfe offen. Eine Seelenwäsche, eine Sucht, ein Serum, man begibt sich in die Hände und die Verantwortlichkeit von anderen, man fragt nicht viel nach, eine Hierarchie ist geboten. Erst ist auch alles gut, dann nicht mehr, nach dem Höhenflug im Wellnessresort (gedreht wurde im Castel Clara in Belle-Île, im Golf von Biskaya, heute ein Thalasso & Spa), auf der Schönheitsfarm, dem Verjüngungstempel, dem exklusiven Club, dem Traum folgt das Erwachen, folgt der Sturz. Das ist nur Leben mit dem Tod.
Psychologisch ist das griffig und pfiffig, es geht um allgemeine Ängste, um die normalen Sorgen, es geht um bekannte Erfahrungen, um Erlebnisse im Gesundheitswesen, um das Suchen nach Freundschaft und Verschwörungen, um das ewige Leben. Ein Teufelskreis, aus Alltäglichem und aus Veränderungen, aus Verwicklungen und Verstrickungen. Darstellerisch ist das gerade von Giradot überzeugend gespielt, musikalisch hat es einige interessante, gleichzeitig rhythmische und verstörende Einbindungen, grausige Bilder, eine Hysterie bricht aus, eine Apathie, Gefühlszustände des Verworrenen.