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Vorsicht, Spoiler.

Ist das wirklich ein Ferrara-Film? Kaum zu glauben, denn "Das Begräbnis" kommt weitestgehend mit einer sehr ruhigen Kameraführung aus, sehr edlen, zeitgenössischen Dekors, und einer - im Gegensatz zu den sonst Ferrara-typischen, schnörkellosen Erzählstrukturen - verschachtelten Story. Und auch die obligatorischen religiösen Aspekte sind schön in der Geschichte eingebaut, und wirken nicht aufgesetzt, nein, werden sogar dazu verwand, das Gangstergenre um interessante Aspekte zu erweitern.

Die Geschichte klingt nach konventionellem Mafiadrama von der Stange: Eine Gangsterdynastie versammelt sich im Hause der ehrenwerten Temple-Familie, da der jüngste Spross Johnny (Vincent Gallo) ermordet wurde. Drei Schüsse in seine Brust auf offener Straße besiegelten das Ende des Kommunisten. Die Trauerfeier ist das Zentrum des Films. Hier spalten sich bereits die Protagonisten in zwei Lager, und von hier aus wird und Ferrara in zwei verschiedene Richtungen mitnehmen: In die Zukunft, und in die Vergangenheit. Er wird uns nicht nur zeigen, warum es zu dem tragischen Tod des Anfang-Zwanzigjährigen gekommen ist, sondern auch, wie die Familie darauf reagiert.

Die Familie setzt sich wie folgt zusammen: Ray Temple (Christopher Walken) ist das stilvolle Oberhaupt. Seit dem Tod seines Vaters, ein geisteskranker Mafiaboss, führt er die Geschäfte in Amerika. Er weiss, dass er eines Tages "für seine Taten, in der Hölle schmoren wird". Seine Frau Jeanette (Annabella Sciorra) ist das Gegenteil von Ray: Während ihr Mann nur in den Grenzen seines eigenen, durch das Gangstertum auferlegten Ehrenkodexes denken kann, und während der Beerdigung seines Bruder zwar keine Träne vergießt, aber keine Zeit verliert, um Rachepläne mit seinen Brüdern zu schmieden, erwartet sie von ihm Menschlichkeit, Trauer und ein Ablegen der "eigenen primitiven Erziehung". Rays Bruder, der schwerwiegend cholerische Cezare (Chris Penn) ist ein einziges Desaster. So soulig und melancholisch er in seiner Bar singen kann, so lustig er seinem Publikum zureden kann, so abstoßen gewalttätig und bösartig kann er werden. Auch hier ist die Gattin das genaue Gegenteil: Clara (Isabella Rossellini, die den Film auch produzierte) ist empfindsam und voller Liebe. Sie scheint den grenzenlosen Hass, der in Cezare brodelt, längst abgelegt zu haben.

Die Schuld sucht Ray bei Johnnys altem Rivalen Gaspare Spoglia (Benicio Del Toro). Doch die Suche nach dem Mörder Johnnys führt Ray und seine Schläger nur in eine weitere Sackgasse. Am Ende des Films - wenn Ray endlich vor dem Verursacher des Leides in seiner Familie steht - muss er sich mit essentiellen Fragen belasten. Die Frage nach der Schuld. Die Frage nach dem Grund für Gut und Böse. Die Frage nach Gott. Der Showdown ist dann die übliche Erlösung. Fast wie in der Offenbarung findet bei der Apokalypse eine Trennung von Gut und Böse statt: Diejenigen, deren Seelen durch Ehrenkodex, vorgeschriebenen Verhaltensweisen und eigenen Wahrheiten limitiert wurden, und dadurch zu bösen Taten gezwungen wurden, werden sterben, diejenigen, deren Geist offen bleibt, die mit Verstand gelebt haben, die werden überleben.

In diesem atemberaubenden Ende, das ganz anders ausfällt, als man es von dem gewöhnlichen Gangsterkrimi-Spannungsbogen gewohnt ist, erlebt man eine fantastische Performance von Christopher Penn. Sein Ableben ist eines der intensivsten und schmerzhaftesten, das in den Neunziger Jahren auf Zelluloid gebannt wurde. Dann erklingt wieder die glorreiche Bluesmusik aus seiner Bar, und der Nachspann läuft über die Leinwand. Und einer der besten Abel Ferrara-Filme hat sein Ende gefunden.

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