Style in Slowmotion
Was passiert, wenn Amazon einem Querdenker und Revoluzzer wie Nicolas Winding Refn den Auftrag gibt, eine Serie für sie zu produzieren - und ihm dabei absolut null Einschränkungen oder Maßstäbe setzt?! Ziemlich genau „Too Old To Die Young“, eine epische, harte, erwachsene, 13-stündige Miniserie, die vom dunklen Unterbauch Los Angeles' handelt und Miles Teller als zwielichtigen Cop erkunden lässt, wo und wie das Böse im Menschen und der Gesellschaft überall wuchert...
LICHT
+ audiovisuell über jeden Zweifel erhaben; ein Rausch (in Zeitlupe)
+ wie oft bei NWR starke, schockierende Gewalteruptionen (z.T. aus dem Nichts)
+ perverse, nihilistische und düstere Grundstimmung
+ ein Baldwin (und noch einige andere Figuren/Darsteller) spielt wunderbar unterhaltsam drüber
+ ungewohntes, fast schon erfrischendes „Tempo“
+ „Genusskino“; keine Hektik
+ lullt einen ein, kann hypnotische Wirkung haben
+ wunderschöne (& gefährliche!) Frauen
+ sehr eindringliche Ergründung des allumgebenden „Bösen“
+ mexikanische Seite bekommt fast genauso viel Zeit wie die amerikanische
+ Neon-Noir-Vibes
+ voller Gegensätze (Schatten/Licht; Gut/Böse; Schönheit/Verrottung; Sex/Tod usw.)
+ immer wieder saudunkler Humor durchschimmernd
+ „Kaviarfernsehen“
+ extrem geile Beleuchtung
+ sinnieren und schockieren
+ fast jedes Bild zum Einrahmen schön
+ unkonventionell und mit fast nichts da draußen vergleichbar
+ Comicschreiber/Autor Ed Brubaker spürbar
+ Miles Teller spielt unangenehm(-gut) gegen sein Image/Babyface
+ wenn Action und Brutalität erscheinen, dann mit Dampf und Nachdruck
+ Verfolgungsjagd zu „Mandy“
+ starke Gastauftritte
+ durch und durch NWR; nur für dessen hartgesottenste Fans
+ Aufbau & Feeling einer griechischen oder biblischen Tragödie
+ durchaus feministisch (hintenraus)
+ voller Symbolismus, Metaphern und Deutungsebenen
+ diverser, bunter, realistischer Cast
+ pulsierender, dröhnender, elektrischer Score
+ keine Angst vor Nacktheit
+ vollkommene Freiheit für den Regisseur/Autor ist grundsätzlich zu begrüßen
+ unglaublich entschleunigt und gegen die „Mode“ und die hyperhektische aktuelle Zeit
+ episch ist hier nicht übertrieben
+ Dialoge und Szenerien atmen und bluten aus
+ jeden kann jederzeit die Axt treffen
+ viele Mysterien und doppelt fragwürdige Figuren
+ mutig und eine Ausnahme
+ eine Mischung aus „Twin Peaks“, „Drive“ und einem Bildschirmschoner
SCHATTEN
— Art und Weise ABSOLUT nicht für jeden; ein totales Nischenprodukt
— zeichnet ein enorm pessimistisches Bild „unserer“ Welt
— oft (selbst für Fans!) schon sehr zäh und anstrengend
— manchmal „verfliegt“ die Aufmerksamkeit
— durchaus ausufernd und redundant
— Folgen zum Teil super lang; zieht insgesamt viel Zeit und Konzentration
— Style über Substanz?! (nur auf den ersten Blick)
— Figuren bleiben eher rätselhaft als nahbar
— ein paar Subplots verlaufen im Sand
— Serie fizzelt aus; Finale kann enttäuschen
— irgendwie anti-alles und sehr eigen; ich verstehe, warum hier manche sehr schnell abwinken
— zu viele Freiheiten für NWR?! (darüber lässt sich streiten; ich finde eher nein)
— ein gutes Stück in sich selbst verliebt
— Highlights und Adrenalinschübe sehr breit gefächert bzw. auf die ambitionierte Laufzeit verteilt
— kein klassischer Held; wirklich „gut“ ist hier wenig bis nichts
— für viele eine echte Einschlafhilfe
— Gewalt der Gewalt wegen?!
— ein echter Showdown bleibt aus
— macht jetzt nicht so viel anders, als „Only God Forgives“ & Co.
Fazit: für die einen ein einzigartiger, fast ausserweltlicher Geniestreich, für die anderen eine selbstverliebte Ode ohne Substanz und Gefühl für irgendwas - für mich ist „Too Old To Die Young“ eine stachelige, übernatürliche, zickige Rose in einem überfüllten Beet voller Grünzeug und Allerweltblumen. Bitterböse, unsterblich schön, oft unangenehm und immer enorm fordernd - im Endeffekt aber verblüffend lohnenswert und ein unvergessliches Ereignis! (8/10)