Zunächst mal: Wenn ihr "Avengers: Endgame" noch nicht gesehen habt, und nicht hart angespoilert werden wollt, solltet ihr das neue Spinnenabenteuer, das den Abschluss von "Phase drei" im MCU bildet, unbedingt aufschieben (und auch den Trailer nicht schauen). Dieser Text hingegen enthält keine Spoiler.
"Far from home" bezieht sich deutlich auf den ersten Spiderman-Reboot mit Tom Holland, "Homecoming". Dessen Titel wiederum habe ich im Subtext immer so verstanden, dass Peter Parker nunmehr als Teil des MCU (Marvel Cinematic Universe) zurückkehrt, nachdem Marvel die Filmrechte Ende der 80-er an Sony verkaufen musste, um nicht in die Pleite zu rutschen. Tatsächlich nimmt der Titel natürlich Bezug auf die Ami-Tradition, ein "Homecoming" an Highschools und Unis auszurichten, ein Fest für Ehemalige.
Ein solches Fest gibt es im ersten Teil, allerdings habe ich da nur (vermeintliche) Teenies rumspringen sehen, also aktuelle Schüler, keine ehemaligen, denn Peter Parker ist im ersten Reboot 15 Jahre alt.
Hier nun ist er 16 und geht mit seiner Schule auf Bildungsreise nach Europa - far from home.
Das erzählt Regisseur Jon Watts vor allem in der ersten Hälfte erneut im Stil einer John-Hughes-Highschool-Komödie. Wessen Spinnensinn also bei Ferris Bueller oder "Breakfast Club" klingelt, der liegt genau richtig. Damit schließt Watts sauber an "Homecoming" an, den er ebenfalls verantwortete.
Beide Neu-Spideys bieten als Mix aus Highschool-Com und Superhelden-Movie zielgruppengerecht flockige, spaßige, niemals zu derbe Popcorn-Action, in der die Nöte eines Teenagers amüsant mit den Möglichkeiten und Ambitionen eines Nachwuchs-Superhelden kollidieren. Beide Filme setzen die üblichen Teeniefilm-Zutaten von First Love über Bullying bis hin zu Great-Party-Expectations und ignoranten Erwachsenen auf originelle Weise in Szene und gewinnen ihnen dank nächtlicher Spandex-Abenteuer, zeitgemäßer Selfie-Gags und dynamischer Figurenkonstellationen einen funky Flow ab.
Die zweite Hälfte von "Far from Home" gestaltet sich dann als sehr actiongeprägt mit teils psychedelischem Einschlag, was ich angesichts der teenage Zielgruppenausrichtung ziemlich mutig finde. Aber erstens ist das ja weiß Gott nicht die einzige Eier erfordernde Entscheidung in zehn Jahren MCU und zweitens funktioniert's. Mal wieder. Dicken, fetten Respekt MCU-Mastermind Kevin Feige.
So geraten beide Tom-Holland-Spidey-Movies zu Sonntagabend-Lieblingen, die man sich immer wieder ansehen kann, weil es eine Menge zu bestaunen, zu belachen und zu entdecken gibt. Die beiläufige Deepness der besten Avenger-Movies erreichen sie dabei nicht, aber hey, sollen sie auch gar nicht.
Sieben dicke fette Spinnen-Punkte.
Funfact: Die deutlich ausgebaute Rolle des "Happy" spielt Jon Favreau, Regisseur von Iron Man I + II sowie Showrunner der upcoming Serie "The Mandalorian".