Review

*** SPOILERWARNUNG ***


Nach dem Endspiel kommt die Studienreise und so zieht es Peter Parker alias Spider-Man mitsamt Schulklasse auf eine Wissenschaftsreise nach Europa. Und die läuft natürlich anders als erwartet, tauchen doch Elementarwesen auf und legen legen Teile der Städte in Schutt und Asche.

Nur wenige Monate nach „Avengers: Endgame“ (2019) kam der zweite Solofilm des Netzschwingers, wieder mit Tom Holland in der Hauptrolle, Zendaya als MJ und neu dabei Jake Gyllenhaal als Quentin Beck bzw. Mysterio. Scheint dieser anfangs noch auf Peters Seite zu stehen, gibt’s zur Halbzeit den Twist und er stellt sich als Schurke des Films heraus. Was nicht überraschend ist, denn wer oder was sollte sonst war denn da? Bei der Enthüllungsrede vor seinen Minions greift man dann auf frühere Ereignisse zurück, die den Frust über Tony Stark bei ihm haben wachsen lassen. Wie übrigens bei Herrn Toomes aus dem Vorgänger auch. Mehr Charakter bekommt er nicht, er will eben das nächste große Ding sein. So bleibt seine Figur recht blass und uninteressant.
Beck verweist zwischendurch auf das Multiversum und eine andere Erde, von der er stammen soll. Das stellt sich als unwahr heraus, wird ebenso als lächerlich betitelt wie der Glaube der Leute daran. Inzwischen ist das Multiversum im MCU tatsächlich angekommen und man könnte rückblickend fast meinen, die Macher amüsieren sich hier über das eigene Publikum. Wobei der Grundgedanke, der durch die Figur transportiert wird, dass nicht alles Gesehene der Wahrheit entspricht, aktuell und interessant ist. Letztlich wird das aber nicht vertieft, sondern dient nur der nächsten Effektszenerie.
Auffällig ist die sich durch den Film ziehende Präsenz von Tony Stark, sei es als „Antrieb“ für Beck, durch Aussagen Peters oder anderer, durch ein Graffiti an einer Wand in Prag etc. Die Beziehung zwischen Stark und Peter wurde oft thematisiert, aber sollte Letzterer nicht langsam mal aus sich selbst heraus wachsen? Denn viel Charakterentwicklung sieht man hier bei ihm nicht.

Wie beim Vorgänger hat wieder Jon Watts die Regie inne und führt die Formel fort. Peter hat Teenagersorgen und wird in ein großes Abenteuer geworfen, bei dem das Thema Verantwortung immer wieder mal platziert wird. Dazu bekommt die Hauptfigur vier verschiedene Outfits verpasst, was irgendwann ebenso beliebig wirkt wie die Tatsache, dass man sich so ein Teil bei Bedarf einfach im Flieger stricken lässt. Man holt sich, was man braucht, aus dem Nichts. Das ist ja nichts Neues im MCU. Trotzdem muss ich immer noch lachen, wenn seine Kopfbedeckung kommt und geht und die Figur inzwischen völlig übertechnisiert ist. Es wirkt einfach so drüber.

Den Helden auf eine Reise zu schicken, um für Abwechslung zu sorgen, ist eine nette Idee. Allerdings geht es da über ein paar klassische Stadtansichten und Klischees nicht hinaus. Ansonsten passieren die gewohnten Katastrophen, nur dass hier die CGI-Artists die Hintergründe mit Städten vom alten Kontinent befüllen mussten. Letztlich wechselt man nur die Örtlichkeit, damit sie wieder zerstört werden kann.
Da wirkt die Szene in Austria auch bis auf die Einführung von Starks Brille albern erzwungen, denn es gibt keinen Grund, warum er den übergebenen Anzug sofort anziehen müsste. Aber dann hätte man kein peinliches Foto und keinen Grund, einen „witzigen“ Angriff auf einen Mitschüler auszulösen. Insgesamt einfach eine missratene Sequenz. Wenig erheiternd ist auch wieder Peters Sidekick Jacob, da funktioniert manch trockener Wortwitz besser und die Filmauswahl im Flugzeug ist einen Blick wert.

Gelungen ist die Illusionssequenz, die mal Abwechslung in die vorhersehbare Inszenierung bringt. Auch das Aufgreifen der Ereignisse aus „Infinity War“ und „Endgame“, zumindest in ein paar Szenen, ist sinnvoll integriert und zeigt, was dies in den Figuren ausgelöst hat. Das Ensemble ist auch gut gewählt, insbesondere Zendaya macht wieder Laune und gibt zusammen mit Holland ein gutes Paar ab. Aber auch der Rest bis hin zum coolen Samuel L. Jackson macht das Beste aus der zugrundeliegenden Schreibe. Über einen Kurzauftritt von J. K. Simmons kann man sich auch freuen.
Die Action ist dynamisch gestaltet und präsentiert, besitzt aber auch diesen gewohnt artifiziellen Look und überzeugt in ihrer Gesamtheit bei den Effekten nicht. Zur Kenntnis nehmen muss man hier auch, dass manche Aktionen aus dem Vorgänger einfach wiederholt werden. Trotzdem kann „Far from Home“ hier vorhandene Durststrecken wieder etwas ausbügeln. Denn so richtig rund fühlt sich die gesamte Inszenierung nicht an. Der Showdown kommt dann mitsamt Videospielästhetik daher und überlegt man sich Mysterios Plan, ist dieser nicht so recht durchdacht.
Den großen Knall hat man dann allerdings in die Mid-Credit-Szene gesteckt, wo er mal überhaupt nicht hingehört. Die Enthüllung von Spider-Mans Identität mitsamt Anschuldigung des beseitigten Beck ist schon ein fetter Cliffhanger, der auf diese Art verschämt eingeschoben und somit schlecht platziert wirkt.

Kein Highlight des Marvel Cinematic Universe, das Phase 3 hier beschließt. „Far from Home“ fühlt sich einfach nicht rund an, pendelt zwischen dem Teenie-Herz-Schmerz, der Weltenrettung und der Verarbeitung der vergangenen Ereignisse hin und her, findet aber keine Balance und ergibt sich manch schwach geschriebener Drehbuchseite.
In seinen rasanten Szenen kann er durchaus gefallen, mancher Wortwitz sitzt und das junge Paar harmoniert. Trotzdem wird der Film der Hauptfigur in meinen Augen nicht gerecht, will sie zum Iron Man - Ersatz ummodeln und so wirkt sie in ihrer hochtechnisierten Ausführung befremdlich.

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