Festival der Sonne und der Schmerzen
Ari Aster ist zusammen mit Jordan Peele eine der größten jungen Hoffnungen der Horrorfilmlandschaft. Das ist Fakt, das wird die Zeit untermauern, ganz egal ob deren Filme nicht alle erreichen. Kritik und Zweifler und Leute, die einfach noch nicht bereit waren oder den Horizont hatten, haben Stanley Kubrick damals sicher auch nicht gestört - und dessen „Shining“ mochte selbst Stephen King nicht. Und damals gab es (zum Glück) das Internet noch nicht, in dem jedes Kleinhirn oder Gelegenheitsgucker seinen Senf dazugeben kann. Deswegen muss sich kein „Us“ oder „Hereditary“ dafür verstecken, dass sie nicht von allen geliebt werden. Ganz im Gegenteil, besser als glatte Grusler und angepasste Massenware ohne bleibenden Wert. Ari Asters neuester Tageslichtalptraum schlägt genau in dieselbe Kerbe, ist mit seinem frivolen Genremix, seinen satten zweieinhalb Stunden Laufzeit und seinen abstrakt angesprochenen Themen vielleicht sogar noch unzugänglicher für viele als sein famoses Regiedebüt. Nach einem tragischen familiären Verlust begleiten wir eine junge Frau, ihren langjährigen Freund und dessen Kumpels nach Schweden in eine abgeschottete Gemeinde, die nach jahrhundertealter Tradition die Sommersonnenwende feiert und die die naiven und charakterlich wie beziehungstechnisch noch alles andere als gefestigten „Besucher“ in einen folkloristischen Fiebertraum von Magic Mushrooms bis zu höllischen Ritualen einbettet, aus dem ein Entkommen sehr unwahrscheinlich erscheint...
„Midsommar“ startet mit einer Szene, die mir Gänsehaut am ganzen Körper beschert hat und mich fest damit rechnen hat lassen, hier etwas ganz Großes, Verstörendes zu sehen. So kam es dann vielleicht nicht ganz - oder zumindest nicht wie man es auf einen solchen Auftakt erwarten könnte. Im Moment und den ersten Minuten nach der Vorstellung fand ich „Hereditary“ stärker und vor allem spannender. Doch umso mehr Minuten, Stunden und Tage ins Land streichen, desto mehr merke ich, wie mich auch „Midsommar“ an der Gurgel und im Nacken gepackt hat, sich nur schwer lösen lässt. Audiovisuell entgegen gewohnter Horrorstandards und -lichtverhältnisse, absolut meisterhaft mit Hommagen von „Shining“ über „Texas Chainsaw Massscre“ bis natürlich „Wicker Man“; schauspielerisch vom jungen Cast vollkommen furchtlos und bravurös gemeistert, allen voran die sprachlos machende Florence Pough, die spätestens jetzt JEDER auf dem Schirm haben sollte. Es entsteht eine lichtdurchflutete Collage voller Urangst und unterschwelligen Bedrohungen, sich langsam auftürmenden Unsicherheiten und schockierenden Gewissheiten. Brutalste Details küssen die schönsten Landschaften, eine auslaufende Beziehung wird ungewohnt ehrlich und echt dargestellt, selbst wenn der Ausgang schnell klar wird, ist der Weg dorthin eine wunderschöne Tortur, die für mich auch keine Minute zu lang war. Den Directors Cut kann ich kaum erwarten! „Midsommar“ ist überraschend witzig, ein echter, gewagter Gefühlstrip und er lässt sich nicht einfach kategorisieren - gut so! Ari Aster ist ein Mann mit Können, Leidenschaft und Visionen, „Midsommar“ hält den Vergleich zu seinem Erstling auf ganz eigene Weise stand und ist sein ganz eigenes Biest. Ein modernde Blumenwiese voll verlorenem Halt, falscher Freundschaften und leerer Beziehungen. Fies, in vollem Tageslicht, keinen Deut schüchtern und, wenn man ihn an sich heranlässt, nachhaltig verstörend und krachend intensiv. Beobachtet die Wände und Wälder, Bäume und Wolken, Augen und Blumen - überall lässt sich noch so manch ein Schrecken, eine weitere Deutungsebene, Vorahnung, Gänsehaut abholen. „Midsommar“ ist zum Teil Anti-Horror, fordernd und virtuos gegen den Strich gekämmt. Und ich liebe ihn dafür ziemlich. Kratzig, fett und fesselnd. Ikea-Katalog aus der Hölle. Pipi Kranksumpf.
Fazit: ein weiterer moderner, polarisierender (Beinahe-)Klassiker des Horrorgenres von Ari Aster. Viel Licht, noch mehr (seelischer) Schatten. Ein Festival-Alptraum für geduldige Gourmets. Die schmerzhafteste filmische Trennung und Trauerverarbeitung aller Zeiten?! Vielleicht nicht so gruselig wie „Hereditary“ und nicht so klassisch wie „The Wicker Man“, aber eins ist sicher: „Midsommar“ wird man so schnell nicht mehr los!