Review

Nach Ari Asters Langfilm-Debut "Herditary", mit dessen Kritikerlob ich bis heute meine Probleme habe, wurde mir die Sichtung seines relativ zügig hinterhergeschobenen zweiten Spielfilms "Midsommar" zu einem persönlichen Anliegen, denn sein Potential in all der aktuell existierenden Horrorfilm-Mainstream-Suppe war auch für mich durchaus erkennbar.

Wieder legt Aster hier mehr Wert auf zwischenmenschliche Beziehungen und Verhaltensweisen als auf übernatürlichen Effekte-Mummenschanz und bringt zudem das seltene Kunststück fertig, die Dunkelheit nur in Ausnahmefällen für unheimliche Szenen heranzuziehen, so dass das unschöne Grusel-Gefühl des Films beinahe durchgängig in schönstem Sonnenlicht erzeugt wird.

Das gelingt "Midsommar" hier exemplarisch kongenial, denn die grünen Wiesen, die helle Sonne und die freundlichen Gesänge und weißen Gewänder bringt man auf den ersten Blick so gar nicht mit Horror in Verbindung.
Durchaus gefallen können auch die Darsteller - vor allem die US-Amerikanern und den beiden Briten, die nicht nur aufgrund ihrer immer andersfarbigen Kleidung stets als Fremdkörper in der homogenen schwedischen Gemeinschaft wirken.

Zwar bemüht Ari Aster auch hier diverse typische National-Klischees, um die Personen einwandfrei zu charakterisieren, doch tut er dies viel subtlier als der x-beliebige Teenager-Slasher. Nachvollziehbar und ihre Beweggründe durchaus glaubhaft skizziert, gelingt es den Schauspielern durchweg, ihre Rollen gut auszufüllen - nur Will Poulter und Florence Pugh sind hier mit sehr undankbaren Charakterzügen ausgestattet worden, die mitunter in einigen Szenen einfach nur ärgerlich rüberkommen.

So ist Poulter stets der klassische "Klischee-Amerikaner" - immer nur von Unverständnis fremder Kulturen und Bräuchen gegenüber geprägt, in jeder Situation am Nörgeln und immer seine Bedürfnisse über die aller anderen stellend (am exemplarischsten ist hier wohl die Szene mit dem toten Baum).
Schade, doch da man davon ausgehen darf, dass Autor Aster dies so gewollt hat, bekommt sowohl die Figur als auch deren Darsteller sehr sehr wenig Raum dafür, eine glaubhafte Entwicklung zu erfahren oder sie zumindest ebenso darzustellen.

Pugh ist zwar die Hauptdarstellerin und ihr gelingt es auch überwiegend, diesen Part gut auszufüllen, jedoch ist ihre ab und an eingeschobene "Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs" irgendwann einfach nicht mehr glaubhaft nachzuvollziehen und wirkte einfach nur nervtötend auf mich.

Der Rest des Casts ist in seiner Aufgabe aber immer auf der Seite des Zuschauers, das schwelende Unbehagen zu erzeugen und dessen Auswirkungen erfahrbar zu machen.
So setzt der Film in nur wenigen Szenen auf plakative und grausame Einzelheiten, ist dahingehend aber entsprechend konsequent und zeigefreudig (daher wohl auch die urspüngliche KJ-Empfehlung, die der deutsche Verleih "Weltkino" aber dann doch noch auf eine FSK 16 "drücken" konnte).

Hier deuten die Gesichter und Handlungen der Dorfbewohner viel mehr an, als ein Make-Up-Effekt für Unbehagen sorgen könnte.

Überhaupt ist es - wie bereits im Vorgänger "Herditary" - die unglaublich dichte Atmosphäre, die den Zuschauer schon von Beginn an (bei "Midsommar" aber erst ab dem Eintreffen in Schweden) in seinen Bann zieht - für einen Horrorfilm ist das, aus meiner Sicht, bereits die halbe Miete.
Der Drama-Anteil, in "Hereditary" symbolisiert durch die Zerissenheit innerhalb der Familie, in "Midsommar" in Form einer dysfunktionalen Paar-Beziehung ausgedrückt, unterstreicht noch die Einsamkeit und das Alleinsein der Charaktere in der fremden Umgebung des sonnigen schwedischen Dorfes und seiner für Externe erscheinenden Fremdartigkeit.

Nicht nur die Rituale und Bräche und deren Darstellung erzeugen darüber hinaus an dieser Stelle unterstützend dieses Unbehaglichkeits-Gefühl, auch die wieder sehr genialen Kamera-Einstellungen und -Fahrsten tragen ihren Anteil dazu bei (z.B. die Über-Kopf-Einstellung bei der Anfahrt auf das schwedische Dorf).

Der Vergleich zum Kult-Folklore-Horror "The Wicker Man" von Robin Hardy aus dem Jahre 1973 drängt sich natürlich für Ari Asters "Midsommar" geradezu auf aber durch die vielen subtilen Unterschiede und auch das - natürlich - abgewandelte Finale erlangt der Film aus dem Jahr 2019 in nahezu allen Belangen eine Eigenständigkeit, die nachhaltig beweist, dass Aster nicht nur eine der wenigen, ernstzunehmenden Hoffnungen im Horror-Genre ist, sondern auch, dass eine Abkehr von den symptomatisch gewordenen Schock-Effekten und grellen Make-Up-Eskapaden der vergangene Jahre im Genre dringend nötig wurde, um wieder schleichendes und nachhaltiges Grauen erzeugen zu können, das noch lange in den Köpfen der Zuschauer nachhallt.

Unter diesen Gesichtspunkten werde ich mich wohl nun auch noch einmal mit "Hereditary" auseinandersetzen können.

Fazit: "Midsommar" ist ein gelungenes Horror-Drama mit Schock- und Sogwirkung zugleich, getragen von einer unheimlichen und dennoch hintergründigen Atmosphäre, guten Ensemble-Leistungen und einer einfallsreichen Regie. Einer der besten, bei Tag spielenden Horrorfilme überhaupt!

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