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Neues Spiel, neues Glück ?
Der Abschluss des unzusammenhängenden Dreiteilers über Gerichtskomödien, ein genremässiger Querschnitt in Stephen Chows weitreichender Filmography, stellt neben der Amtsabtretung auch wirklich die Abdankung dar. Nicht, dass das Thema ausgereizt wäre, aber die Umsetzung kann weder an die natürliche Zwangslosigkeit noch den geistreichen Esprit seiner Vorgänger Justice, My Foot [ 1992 ] und Hail the Judge [ 1994 ] heranreichen. Dabei stehen Hypothese und Plattform nicht schlecht da: Autor, Ausführender Produzent und Regisseur Joe Ma weiss um die Möglichkeiten einer gescheiten Fortführung incl. der Bestandsaufnahme aktueller Befindlichkeiten, aber bekundet den falschen Sinn für Humor. Hier wird man nicht mit phrasenhafter Sophistik und rhetorischen Finessen beworfen, sondern wortwörtlich mit Exkrementen. Auf dieser low-brain Ebene steigt man zumindest ein. Kein guter Beginn, den man nur schwer und leider auch nur zeitweise steigern kann. Die üblichen Sprachspielereien und gestischen, fast pantomimischen Impulse werden ignoriert und stattdessen ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Tabus eine Art Mondo Trasho, HK style vorgelegt.

Canton, 1899.
Anwalt Chan Mon-Gut [ Stephen Chow ] hat sich zwar kürzlich nach Streit von seinem langjährigen besten Freund Ho Foon [ Eric Kot ] getrennt, muss aber Tage darauf in der Zeitung von dessen Verhaftung und drohender Verurteilung wegen Mordes lesen. Ho Foon soll in Hong Kong einen Mann erschossen haben, dabei hält er nur als Sündenbock für den eigentlichen Täter Ho [ Bowie Lam ] her, der praktischerweise auch noch die Anklage vertritt. Da Chan keine Ahnung vom britischem Recht hat, nimmt er seine Ehefrau Wu-Man [ Karen Mok ] mit, die in den UK aber statt Rechtswissenschaft heimlich Modedesign studiert hat.

Die Abwandlung zu den Vorläufern erfolgt vor allem über die geänderte Zeit, sowohl im Film als auch seines Herstellungsdatums. 1997 als gravierender Einschnitt in Politik, Gesellschaft und Finanzen. Die Rückgabe der britischen Kronkolonie an die Volksrepublik China am 01.07. und die schon vorher spürbaren Veränderungen betraf alle Bereiche des öffentlichen Lebens und löste bei den Kantonesen Angst vor dem eigenen Mut, den damit verbundenen möglichen Konsequenzen - Folgen für die Grundrechte der Meinungsäußerung, der Versammlungsfreiheit, der Pressefreiheit etc - und statt einer tiefgreifenden Demokratisierung das Gegenteil, eine weitgehend gefügige Haltung, aus.
"Ein Land, zwei Systeme" als oberflächliches Motto; das Vorhandensein eigener Ansichten mit subversiver Basis vortäuschend und Ökonomie und Profit in den Vordergrund stellend. Die Asiatische Währungskrise auf die sogenannten Tiger- und Pantherstaaten sorgte zusätzlich für Furcht, Nöte und Miseren, die sich auch auf das Filmgeschäft niederschlugen und bis heute ihre Rückwirkungen zeigen.

Auffällig direkt am Film ist das changierende Setting: Legte man sich zuvor meist mit den Mandarin an und stellte diese entsprechend bloss, greift man sich nun die Briten und ihre Mitläufer als direktes Ziel. Dass man zudem in die prächtig gedeihende Vergangenheit reist und eine damals noch weitgehend friedlich - amüsante Epoche kurz vor der Jahrhundertwende, aber kurz nach Beginn der englischen Herrschaft als zeitlichen und räumlichen Rahmen nimmt, ermöglicht eine wohlwollende Realitätsflucht mit saturnalischen Rhythmus. Der geschickte Starttermin genau ein Monat nach dem handover, die befreiende Entspannung, das Zurückgreifen auf lizensierte Erfolgsmethoden und sicher auch die Besetzung mit dem einzig heimisch Verbliebenden der grossen Stars - Chow Yun Fat, Jet Li und Jackie Chan streckten die Fühler nach Hollywood aus - sorgte auch in dieser schwierigen Zeit noch für ein Einspiel von HK$ 27,163,795.

In der Hauptströmung der alltagsfernen Populärkultur eingebettet vermag der Film auch durchaus zu unterhalten, grenzt sich auf wenige 85min ein und entwirft das genormte Konglomerat aus Comedy, dem historischen Sujet und einem manipulierten Kriminalfall. Wobei der Letztere entgegen des angewohnten Denkmusters erst in der Hälfte der Zeitachse auftaucht und diesmal keine vorrangige Bedeutung für die Charakterisierung der Figuren beinhält, aber dafür dann relativ strikt in kausaler Geschlossenheit behandelt wird.
Die leitmotivische Verflechtung wird über eine Beschleunigung des Spieltempos und einem allgemein niedrigen Konservationston vollzogen, der Begriffsstutzigkeit mit handfester Situationskomik mischt.
Die Entwicklung des sonst archetypisch - strukturalen Skripts lebt nach dem Verzicht einer überdominierenden Haupthandlung weitgehend von der egomanisch performten Ausdrucksweise seiner durchgängig bewährten Darsteller; dem Publikum wird zusätzlich zu den liebgewonnenen Gesichtern und ihren persönlichen Inspirationsquellen eine einfache Nummernrevue aus überschwänglicher Eskalation und radikalen Clownereien geboten.
Ma besteht auf seinem Recht auf inhaltlicher Irrelevanz, peinlichem Spott und Fäkal-Exzessen, und verzichtet zu deren Gunsten auf störende Normalität, charakteristische und linguistische Noblessen, doppelsinnigen Dialog und kulturelle Seriosität.
Dabei beherrscht er die formelle Inszenierung, verfügt über ein formvollendetes Klangmeer instrumentaler Beijing-Arien, eine plastisch dekorierte Ausstattung und kennt sich auch mit dem Timing von Variieren und Wiederholen einer Prämisse aus, ist aber noch lange nicht vor Kardinalfehlern gefeit und verlagert sich zumeist auf den falschen Arbeitsperspektiven primitiven Brauchtums.

Kleinode des Kabarettismus erwartet ja niemand, aber selbst gut ausgetüftelte Gags lassen eine Weile auf sich warten und bleiben auch dann an der Einzahl. Es gibt sie auf jeden Fall - die Wasserfalle, um einen Kuss der liebreizenden Lotus Shui [ Chingmy Yau ] zu erzwingen und gleichzeitig den Nebenbuhler Ho Foon mit einer Schweinezunge auszuschalten ist so eine furiose Perle -, aber sie haben einen schweren Stand in der Gratwanderung von vermeintlich altersloser Närrerei, Alberei, Irrungen, Wirrungen und unromantischem Liebesgeplänkel. Lügenschichten sorgen für Missverständnisse, filmische Irritationen für Interesse, die Phantastik mancher Situationen für Enthistorisierung und Anachronismus; alles Zutaten, die für die grell angeleuchteten Szenerien einer scheinbar improvisierten "Open Stage, anything goes"-Veranstaltung aufkommen.
Ein etwaiges Paradebeispiel für karnevaleske Lebendigkeit und heitere Vielfalt wird auch nur deswegen nicht daraus, weil das Meiste zu sehr den derb-realistischen Weg des Schmerzes, des Fluchens und der vulgären Toilettenwitze geht.
Schimpfkanonaden als mit Anglizismen aufgestockter Redeschwulst wirken schon allein durch die sterile, schlecht übersetzbare Wiedergabe per Untertitel banal. Unnatürliche Posen zwingend verkrampft. Und dass die Leute etwas Geschmackloses ins Gesicht bekommen oder ihnen aus dem Mund / Augen etc. läuft ist nicht nur auf Dauer genauso wenig witzig wie die ständigen rektalen Penetrationen mit Mahjongsteinen, Hähnchenschenkel und dergleichen Utensilien. Vom grotesken diskriminierenden Mobben von Ausländern - vorzugsweise Indern - ganz zu schweigen.
Einen gewissen Camp-Charme kann man nicht abstreiten, aber zu häufig werden die Nerven des Publikums zu arg mit Widerwärtig - Obszönem strapaziert.

Filmemacher Ma hat sich als Multitalent mit Ideen für kommerzträchtiges Kino durchaus für das Filmbusiness verdient gemacht; dabei ist er heutzutage auch für seine leichten Komödien wie vor allem der Love Undercover Trilogie, Three of a Kind, Hidden Heroes oder Dummy Mommy, Without A Baby bekannt. Als Produzent und Autor auch für ernstere und qualitativ anspruchsvollere Filme verantwortlich, sorgt er als Regisseur für einen durchgehenden Spagat zwischen bedingter Erwartungshaltung und bescheidener Genügsamkeit.
Lawyer, Lawyer kann gut als Modellprojekt dieses Zwiespaltes herhalten.

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