What does it feel like on the other side?
Hinter dem sibyllinischen Titel The Ecstasy of Isabel Mann verbirgt sich eine kleine Genreperle. Allerdings ist zu befürchten, daß sie nur von einigen wenigen entdeckt werden wird. Die meisten werden wohl bereits von der wenig einladenden Oberfläche dermaßen abgeschreckt, daß sie sich gar nicht erst die Mühe machen, tiefer zu graben und danach zu suchen. Denn die Oberfläche vermittelt (nicht zu Unrecht) den Eindruck einer sehr, sehr billigen Produktion, und wenn man sich in den sozialen Medien und den größeren Filmforen so umsieht, dann scheint das Wörtchen "billig" mittlerweile zu einem Synonym für "Scheiße" verkommen zu sein. Und wer wühlt schon gerne in Scheiße?
In einer irischen Kleinstadt verschwinden Teenager. Die Polizei verzeichnet fast zehn Fälle in knapp zwei Wochen, und die Ermittler, Inspektor John Witham (Neill Fleming) und Sergeant Paul Barrett (Matthew Toman), stehen vor einem Rätsel. Bei den Opfern handelt es sich zum Großteil um Schüler und Schülerinnen der nahegelegenen High School. Die Tatorte sind mit Blut getränkt, die Körper sind und bleiben unauffindbar. Bei einem Verhör erwähnt Aaron (Adam Tyrrell) seine Freundin Isabel Mann (Ellen Mullen), die seit kurzer Zeit verändert ist, die Schule schwänzt und den Kontakt zu ihren Freunden abgebrochen hat. Weiß sie etwas über die Verbrechen? Oder ist sie gar daran beteiligt?
Jason Figgis' The Ecstasy of Isabel Mann ist der beste Vampirfilm, den ich seit langer Zeit gesehen habe. Wobei es unter Umständen falsch ist, den in Dublin, Wicklow und Galway (Irland) gedrehten Streifen in dieses Subgenre zu stecken. Figgis, der über das Projekt als Regisseur, Drehbuchautor, Produzent und Cutter die komplette Kontrolle hatte, bietet nämlich einen weiteren Interpretationsansatz an, der ohne Vampire - übrigens ein Wort, das im Film kein einziges Mal fällt - auskommt. Aber egal, ob man diesen ambitionierten Streifen so oder so deutet, die Wirkung ist dieselbe. Denn im Grunde geht es um das Schicksal der jungen, ambivalent gezeichneten Protagonistin Isabel Mann, deren "normales" Leben zerfällt.
In dieser Hinsicht erinnert der gefühlvolle Film stark an Julia Ducournaus großartigen Grave (Raw, 2016), der eine ähnlich fatale Entwicklung in einem anderen Umfeld erzählt. Wie Justine in Grave macht auch Isabel eine gravierende Veränderung durch, gegen die sie machtlos ist. Sie kann sich noch so sehr dagegen wehren, es nützt einfach nichts. Sie ist gleichzeitig Opfer und Täter, und am meisten scheint ihr zu schaffen zu machen, daß sie Gefallen daran findet. Ellen Mullens glänzende Darbietung macht Isabels Verwirrung und Zerrissenheit spürbar, ihr ruhiges, subtiles und doch intensives Spiel verleiht der quälenden Tragik Ausdruck, mit der sie bis ans Ende ihres Daseins leben wird müssen.
Diese tragische Note wird verstärkt durch die dichte, abgründige, melancholische Stimmung, die tristen Bildkompositionen von Alan Rogers, aus denen manchmal alle Farbe gewichen ist, sowie durch Michael Richard Plowmans hypnotischen Score, der wesentlich zur Eindringlichkeit des sich langsam aber konsequent entwickelnden Geschehens beiträgt. Und auch an der Songauswahl gibt es nichts auszusetzen; besonders gelungen ist etwa der Kontrast zwischen den grausigen Bildern und dem fast schon heiteren Popsong in der Montagesequenz, was die schiere Wucht dieser blutigen Szene enorm erhöht. Überhaupt geizt The Ecstasy of Isabel Mann nicht mit Momenten, die unter die Haut gehen.
Natürlich gibt es diverse negative Aspekte zu vermelden, die dem sehr niedrigen Budget geschuldet sind. Der phasenweise billige Look kann auch von Rogers' toller Kameraarbeit nicht ganz übertüncht werden, die Dramaturgie bzw. der Fluß des Streifens ist manchmal etwas holprig, der eine oder andere Logikpatzer sägt leider an der generellen Glaubwürdigkeit des Geschehens, und nicht alle Darsteller können so famos überzeugen wie Ellen Mullen in der Titelrolle. Manche Zuschauer werden bestimmt auch ein Problem damit haben, daß Figgis keine Antworten auf die bisweilen rätselhaften Ereignisse liefert. Er läßt vieles offen und beläßt es bei Puzzlestücken, die man selbst zusammensetzen muß.
Ja, hinter dem sibyllinischen Titel The Ecstasy of Isabel Mann verbirgt sich eine kleine Genreperle. Ich habe sie gefunden.