Justice, My Foot ! ist auch heutzutage noch aus mehreren Gründen interessant; die aber alle weniger den Film in Form und Inhalt selber betreffen als vielmehr seine Mitarbeiter, seine gedankliche Herkunft, seine Stellung im Hong Kong Kino und seine Auswirkungen. Dabei kann vorweg gesagt werden, dass das anstehende Box Office Einspiel von HK $49,884,734.00 und damit der Status als top grossing film 1992 natürlich seinen Nachhall hatte, der weite Kreise ziehend noch einige Jahre danach ähnliche Settings und entsprechend nutzniesserische Versuche nach sich zog.
Neben diversen Fernsehserien, die sich vor allem der Figur des Justice Pao bedienten und ihn auch in ausschweifende Familiensagen wie Legend of the Yang Family and The Great General setzen, gab es auch für die hauseigenen Macher einige Folgen oder auch Konsequenzen; teilweise auch indirekt.
So hörte Regisseur Johnny To, der bis dahin für seine Komödien bekannt war, kurz darauf damit auf und schuf mit der Milkyway Produktionsfirma die Schmiede für grimmige Großstadtthriller im Neo Noir Stil; wobei er offen ausspricht, dass er leichtere Filme nur des Geldes wegen, als Bedingung künstlerischen Schaffens dreht und dies auch ein Grund dafür sein dürfte, dass sie weitgehend zu vernachlässigen sind.
Hauptdarsteller Stephen Chow dagegen führte diesselbe kommerzträchtige Masche noch ein bisschen weiter, diesmal unter anderen Regisseuren wie Wong Jing [ Hail the Judge, 1994 ] und Joe Ma [ Lawyer, Lawyer, 1997 ], aber mit denselben Kontextstichwörtern aus Comedy, Historical Drama und Jurisprudenz, den identischen Äusserungpartikeln und auch der ähnlich humoristischen Methode incl. der allgemeinen inszenatorischen Optik. Dieser Art der losen Trilogie und der damit verbundende Vergleich der einzelnen Bestandteile soll ausnahmsweise mal die grösste Beachtung finden; ansonsten lassen sich alle Arbeiten wie üblich bei Chow als mehr oder weniger kurzweilige Unterhaltung mit angenehmer Geselligkeit klassifizieren.
Typischerweise steht ein Prozess im Mittelpunkt des Geschehen; als Grundlage für die Kreativität ein Akt des Verbrechens, um den sich nicht wie im Kriminalfilm das Ziel der Aufklärung dreht, sondern man die Fakten bereits auf dem Tisch hat und die geschulten Parteien darum streiten. Dabei ist das Recht in dauernder Veränderung begriffen, woraus sich der dramaturgische Zwiespalt ergeht; nur weil man die Wahrheit sagt oder vertritt, muss man diese noch lange nicht durchgesetzt bekommen. Die intuitive Betrachtung, die emotionale Meinung, der Ermessensspielraum, Auswahl und Hervorheben bestimmter Sachverhaltselemente, der Theorienwettsreit, die unterschiedlichen Möglichkeiten der Auslegung der maßgeblichen Gesetze spielen ebenso eine Rolle wie Voreingenommenheit und Taktik. Zwar ist hierbei kein Geschworenengericht vertreten, bei dem man an Moral, Gefühl, Ehre und Glaubensansicht ansetzen kann, aber dafür ist die gegnerische Partei nicht nur reich und berühmt, sondern auch entsprechend skrupellos:
Counsel Sung Shih - chieh [ Stephen Chow ] hat deswegen arge Mühe mit der aufgehalzten Mordanklage, wurde aber von seiner Frau Madam Sung [ Anita Mui ] dazu getrieben und tut es schliesslich auch für das noch ungeborene Kind.
Die Sungs versuchen nämlich seit Jahren, einen Stammhalter aufzuziehen, haben dabei aber schon ein Dutzend Söhne verloren, denn: Secretary Sung kennt die Gesetze zwar wie kein Zweiter, bekommt als Karikatur eines Kapitalisten aber ebenfalls bei Geld, Gold und anderen Luxusgütern leuchtende Augen und denkt zuerst an sich und dann erst an die Klienten. Als Strafe - tit for tat - erleiden die unschuldigen Schutzbefohlenen tödliche Unfälle, was sich nun mit der Anwaltschaft für die allein erziehende Mutter Yang Hsiu-Chen [ Carrie Ng ] ändern soll.
Also Mord und Totschlag, Bestechung, Korruption, Konspiration, Denunzation, Bürokratie, Attentate auf offener Strasse, heimtückische Anschläge im Gefängnis, Prügel im Gerichtssaal. Auf der anderen Seite der Welt des Vergnügens Witze über Flatulenzen, Scheinwahnsinn, sexuelle Anspielungen und Zweideutigkeiten, muttermilchtrinkende Männer, ein schwules Pärchen; dazu noch ständige Schwangerschaften und ihre Geburten und weinende Mütter. Die Narration hat gut zu tun, dies alles unter einen materiellen Schutzschild der Frivolität zu bekommen und daraus einen idyllischen Grundton zu zaubern; erweist sich entsprechend auch nur für Denjenigen geeignet, der seinen Feinsinn auch mal vor der Haustür lassen kann. Immerhin passiert so Einiges und dies auch ohne weiteren Zwischenpausen, aber wer erwartet, dass mit To auf dem Regiestuhl die grossartig verstiegene, elegante Subtilität vorzufinden ist, sieht sich spätestens nach dem Opener getäuscht: Als Jemand Unleidiges mit dem Kopf voran in einem Haufen Pferdedung landet.
Mit der Schadenfreude als Quell für die Komik arbeitet man noch desöfters, dazu kommt der alte grobmotorische Slapstick, das Vorspiel mit der Ahnung auf Kommendes und sein etwaiges Ausbleiben, die Missverständnisse, dem Umkehrschluß und hierbei vor allem auch das nonsense talking. Etwas, für das Stephen Chow jahrelang gerühmt und berüchtigt war und er erst in dem Moment zurückfuhr, als mit Shaolin Soccer und Kung Fu Hustle auch das Publikum angesprochen werden sollte, dass mit dem - nicht übersetzbaren - kantonesischen Wortwitz wenig anfangen kann.
Auch hier werden die fast-talking Rededuelle mit frappierender Geschwindigkeit und enormen Gebrauch an swear words abgehalten, aber dass schadet im Rahmen von 'Rechtsverdreher' und 'Winkeladvokat' nicht nur keinesfall, sondern ist geradezu prädestiniert dafür; wenn das Gericht schon das kulturelle Zentrum der Stadt darstellt.
Und nicht umsonst hat sich gerade das Vorbild des Filmes, die chinesische Oper "Judge Goes to Pieces" respektive "Final Jurisdiction" [ 1948 bereits verfilmt ], als reiche Quelle für Linguistisch - sprachliche Studien des Humors herausgestellt.
[Der Originaltitel der Oper, des verfilmten Musical und der hiesigen Variante Shen Si Guan bedeudet ‘to cause an official to die from trying a case.’ und geht wiederum auf das Stück "Four presented scholars" der Pekingoper zurück, in der die Figur des Sung in etwa doppelt so alt wie Stephen Chow war und die Angeklagte Yang später als Tochter adoptierte.]
Neben den Gesichtsausdrücken, Gesten, körperlichen Tätigkeiten und Verrenkungen sind demnach die akustischen Eigenschaften entscheidend, einschliesslich Aussprache, Taktabstand, Modulation in der Lautstärke, Sprechtempo, Veränderungen und Verschiebungen der Morphemen etc.
Was man durch Chows artifizielle Betonung absolut mitbekommt, ohne Kenntnis des vollständigen Sinngehaltes aber dennoch weitgehend aufgeschmissen ist und dies besonders im Showdown merkt: Sein zusammenfassendes Plädoyer packt diverse Plottwists auf den Tisch und weist sowohl den Richter [ Paul Chun Pui ] als auch die Nebenkläger Lord Tien [ Leung Kar Yan ] und Lord Ho [ Ng Man Tat ] in die Schranken. Für Manchen zuviel des Guten.
Sowieso muss man dem Film bescheinigen, dass er sowohl ungeeignet für die segmentsweise Konzentration ist und anderweitig auch keine gesamte Aufmerksamkeit für sich beanspruchen kann. Zwar balanciert man geschickter zwischen dem Derben, dem Vulgären, dem Befreienden umd dem Sentimentalen, sorgt auch für mannigfaltige Einflüsse durch die exzentrischen Figuren, manchen Surrealismen im Text, kühnen Verkleidungen, abstrusen Tiraden, reaktionären Abenteuern, Geschlechter - Idenditäten, hier und da auch mal satirischen Höhepunkte, aber es fehlen die Momente reinen Kinos. Das Ineinandergreifen der Szenen, das Festhalten der abschweifenden Gedanken, das Behaaren auf dem Konzept und die wahre Leidenschaft. Auch dass man das mögliche stage performance Theaterstück zwischenzeitlich mit epikurischer Spielfreude aufheitert und das Bemühen sichtbar ist, sich den zeitgleich erscheinenden period pieces in Synonym, Hommage und Persiflage anzuschliessen, bringt dabei auch nicht den erforderlichen Wendepunkt.
Das Bemühen der Angliederung an deren verschwenderische Pracht durch populäre Besetzung, der Gestaltung der Kulissen, der Kostüme, des Soundtracks und der dekorativ aufwändigen Bildkompositionen mit Massenszenen erweckt nicht wirklich die entscheidende Begeisterung. Abseits der Suche nach Neuorientierung sieht es mittlerweile zu gängig, geradezu eingefahren und usuell aus und hebt sich auch nicht sarkastisch demontierend von den ernsten Vertretern ab. Auch die dargebrachten wirework - Exzesse von Tony Ching Siu Tung, der erneut mit vollen Repertoire von flying kicks in luftigen Höhen, aufgedrehten Windmaschinen und schnell auseinanderbrechenden Sperrholzattrappen arbeitet, bestätigen den Eindruck der schon gebräuchlichen Alltäglichkeit und der altbackenen Wahrnehmungs- und Vorstellungsbilder nur.
Und leider sind die vorausgehenden de jure Beispielfälle weitaus interessanter als der eigentliche Hauptakt, der wenig für das Divertissement erreicht und nun im Anspruch auch nicht gerade das Brett des Karneades darstellt.