Manchmal können auch TV-Filme effektiv sein. „Die Rache des Gelynchten“ bescherte weder Regisseur Frank De Felitta eine große Karriere noch erreichte er den Einfluss von Steven Spielbergs Fernsehfilm „Duell“, der danach noch ins Kino kam, er entwickelte sich aber zu einem unter Horrorfans beliebten Werk.
Dabei ist „Die Rache des Gelynchten“ kein reiner Schocker, sondern auch ein Film über ländliche Befindlichkeiten, mit großem Dramaanteil. Bubba Ritter (Larry Drake) ist ein geistig zurückgebliebener Simpel, von Dorfbewohnern wie dem Postboten Otis P. Hazelrigg (Charles Durning) eher geduldet als wirklich gemocht. Für das junge Mädchen Marylee Williams (Tonya Crowe) ist Bubba jedoch ein beliebter Spielkamerad. Gerade Otis sieht das nicht so gern, denn – das macht der Film bald klar – er projiziert seine eigenen latenten pädophilen Triebe auf den eigentlich harmlosen Bubba. Denn wie so oft im Horrorfilm steckt unter der idyllischen Fassade der heilen Dörflerwelt der Abgrund.
Dieser Abgrund tritt umso mehr zutage, als Marylee von einem wilden Hund angefallen und von Bubba gerettet wird. Otis und drei Kumpane sehen Bubba mit dem schwerverletzten Mädchen, nehmen direkt das Schlimmste an und machen als Posse Jagd auf den armen Kerl. Er flieht erst und verkleidet sich danach als Vogelscheuche, um seinen Verfolgern zu entgehen. Doch die Männer entdecken und erschießen ihn in genau jenem Aufzug, mit diebischer Freude, was an die berühmt-berüchtigten Lynch-Events in den Südstaaten erinnert. Anstelle eines Schwarzen ist es hier ein geistig Behinderter, der ermordet wird, doch in der Vernichtung von denjenigen, die nicht dem eigenen (Ideal-)Bild entsprechen, die man eine Stufe unter sich wähnt, gibt es durchaus Parallelen.
Otis und seine Spießgesellen reden sich mit vermeintlicher Notwehr heraus und kommen vor Gericht tatsächlich damit durch. Doch schon bald darauf muss ein Mörder nach dem anderen dran glauben. Ist Bubba etwa zurückgekehrt, wie Marylee behauptet?
Bei nur vier potentiellen Opfern erwartet man als Zuschauer besser nicht das große Geslashe, aber „Die Rache des Gelynchten“ ist ebenso Kleinstadtstudie, Drama und Thriller wie Horrorfilm. Die Grusel- und Mordszenen sind zurückhaltend inszeniert, aber durchaus spannend gemacht, gerade wenn das Unheil der Mordbuben stets von einer Vogelscheuche angekündigt wird. Natürlich merkt man hin und wieder den Fernsehhintergrund des Ganzen, sowohl was die eher dezent gezeigte Gewalt als auch was den Schockfaktor angeht. Und doch bedient „Die Rache des Gelynchten“ dann doch eine niedere Form von Gerechtigkeitssinn, wenn ein Täter nach dem anderen aus dem Leben scheidet, gern unter Zuhilfenahme ländlicher Mittel, vom Silo über den Häcksler bis hin zum Mähdrescher. Die Taten sehen allerdings erst einmal wie Unfälle aus, was die Suche nach dem Verursacher erschwert.
Der Film lässt bis zum Ende offen, ob Bubbas Geist die Dinge veranlasst, er in einer physischen Form wiedergekehrt ist oder einfach nur jemand in seinem Namen Rache nimmt, wobei Elemente wie der geisterhafte Wind, der durch die Straßen zieht, Marylees Verhalten schon deutliche Hinweise auf des Rätsels Lösung gibt. So geschieht in „Die Rache des Gelynchten“ dann doch in erster Linie Erwartbares – einzig und allein die Tatsache, dass der Horrorpart gar nicht exzessiv ausfällt, ist dann eine handfeste Überraschung.
Das ist aber auch nichts Schlechtes, denn „Die Rache des Gelynchten“ nutzt das Ganze als Chance für eine Erkundung von Abgründen im dörflichen Leben. Otis und seine Spießgesellen verrennen sind in Ideen, sobald es den ersten von ihnen erwischt, sind zum Schutz ihrer selbst und ihres Geheimnisses auch zu weiteren Morden bereit und sich irgendwann auch nicht mehr untereinander grün. Deren Verhalten ist der wahre Horror des Films, weshalb „Die Rache des Gelynchten“ ihnen positive Figuren entgegenstellt: Bubbas vom Schmerz gezeichnete Mutter (Jocelyn Brando), die kleine Marylee und Sam Willock (Tom Taylor), den Staatsanwalt, der zwar nicht an eine Notwehrhandlung glaubt, ihnen aber auch den Mord nicht nachweisen kann. Damit bricht der Film mit einer Linie des Horrorfilms: Hier sind nicht alle Dörfler mörderische Hinterwäldler, die Stadtjugendliche verhackstücken, sondern sowohl die positiven als auch die negativen Figuren werden aus dem ländlichen Milieu rekrutiert.
Dabei ist Charles Durning als sensationell schmieriger Gesetzeshüter das darstellerische Highlight: Ein wahrhaft hassenswerter Widerling, der aber so sehr in der Dorfgemeinschaft verankert ist, dass er immer wieder durchkommt, was ihn nur noch umso hassenswerter macht. Robert F. Lyons, Claude Earl Jones und Lane Smith als seine Kumpane sind ähnlich gut, wenn auch nicht ganz so herausragend, während der sonst eher als Schurke bekannte Larry Drake (siehe „Darkman“ und „Dr. Giggles“) auch in der Bubba-Rolle zu gefallen weiß – auch wenn diese storybedingt jetzt nicht so groß ausfällt.
Insofern mag „Die Rache des Gelynchten“ für den Slasher-Enthusiasten eine Enttäuschung sein, der geschmacklich etwas breiter aufgestellte Horrorfan hingegen bekommt einen Mix aus Drama, Horror, Thriller und Kleinstadtstudie, die Gruppendynamiken, Bigotterie und Vorurteile in ländlichen Gemeinden im Gewande eines Genrefilms untersucht. Sicher, die Handlung ist wenig überraschend, Grusel und Gewalt aufgrund der TV-Herkunft des Ganzen etwas zurückgenommen, aber dennoch eines der besten Werke zum Thema Vogelscheuchenhorror.