Review
von Leimbacher-Mario
Mit Schmerzen Schmerzen bekämpfen
J-P Valkeapääs machte mit seiner SadoMaso-Tour de Force, „Dogs Don't Wear Pants“ international auf sich aufmerksam, stellte klipp und klar, dass aus unseren skandinavischen Freundesstaaten weit mehr kommen kann als nur triste Thriller, kalte Krimis, günstige Möbel und Tiefdruckgebiete. In diesem stylischen Drama lernt ein trauernder, alleinerziehender Vater zufällig eine Domina und ganz neue, sexuelle Vorlieben kennen - und dabei überkommt er endlich den Schmerz, der ihn seit dem tragischen Unfalltod seiner Frau dominiert…
„The Night Porter“ trifft „Secretary“ trifft „Victoria“
Spinnen die Finnen? Oder sprengen sie einmal mehr die Gepflogenheiten, wie man mit einem solchen, eigentlich absolut traurigen und ernsten Stoff umgeht? Valkeapää ist definitiv ein Name, den man unter Beobachtung halten sollte. Sein „Dogs Don't Wear Pants“ ist höchst interessant, behandelt schmerzhafte Themen mal ganz neu, anders, mutig und vielseitig, sollte zu viel mehr Leuten Zugang finden als nur die mit dem Fetisch oder Vorkenntnissen auf diesem rot beleuchteten Korridor. Hier gibt’s keine Tabus oder NoGos. Dieser leicht versaute und zutiefst menschliche Seelenstriptease kann eine Menge und hält einen durchgehend bei Laune, auf etlichen Ebenen und mit starken Wendungen, internen wie externen. Valkeapääs Werk sieht unfassbar edel aus, viel teurer als er eigentlich war, die Atmosphäre trieft vor Lack, Schweiß und Leder, die Darsteller gehen intensiv an die Grenzen in emotionaler wie körperlicher Sicht. Ein einschneidendes Erlebnis des momentanen Eurokinos. Mit einzelnen Standbildern könnte man einen ausgedehnten Torture Porn'er anteasen. Aber die Wahrheit könnte kaum weiter davon entfernt sein. Schade, dass Valkeapää mit seinem neuesten Streich „Hit Big“ weder thematisch in seiner Tiefe noch stilsicher in seiner Optik an dieses Ausnahmestück anschließen konnte. „Dogs Don't Wear Pants“ bellt jedenfalls nicht, aber er beisst. Mal zärtlich, mal blutig. Aber immer mit Sinn und Verstand. Elevated Bahnhofskino des 21. Jahrhunderts. NWR trifft Aki Kaurismäki. Böses Hündchen - liebevoller, starker Film. Vor allem die letzten 5 Minuten sind Ekstase und Befreiung pur.
Fazit: „Dogs Don't Wear Pants“ verbindet gekonnt Trauer und Sex, SM und Vaterschaft, Trauma und Leidenschaft, Mannsein und Unterwürfigkeit. Und natürlich der eistrockene Humor der Finnen… Fetischgenrekino mit Themen, die seine Kinks und Nischen weit übersteigen. Eine gekonnte OP am offenen Herzen. Faszinierend!