Review

Der Beginn der 70er Jahre war für das italienische Kino so etwas wie der Anfang des Giallo-dem wohlbekannten und eben speziell italienischen Genre, in dem zumeist hübsche leichtbekleidete Damen oft recht fantasievoll ermordet werden und am Ende ein überraschender Täter präsentiert wird. Auch wenn Mario Bava, unter dem der junge Martino als Regieassistent arbeitete, schon einige Jahre zuvor mit La Ragazza Che Sapeva Troppo (The Girl Who Knew Too Much) und Sei Donne Per L'Assassino (Blutige Seide) sozusagen den Weg bereitete, gehört u.a. der vorliegende Film neben denen eines Dario Argento zu jenen Werken, die den Giallo populär machten.

So ziemlich jeder relativ namhafte Regisseur versuchte sich mindestens einmal in diesem Genre-so auch Sergio Martino, der Anfang der 70er gleich fünf Gialli in Folge drehte-meistens mit auch hier mitwirkendem George Hilton oder der hübschen Französin Edwige Fenech oder gleich mit beiden zusammen-wie in The Strange Vice Of Mrs. Wardh (Der Killer Von Wien) und Tutti I Colori Del Buio (Die Farben Der Nacht) zu sehen. Beide, Fenech und Hilton, drehten übrigens zusammen mehr als ein halbes Dutzend Filme, womit sie somit als ein Traumpaar des italienischen Kinos in dieser Phase gelten können.

Hier nun sehen wir Martino's zweiten Anlauf nach seinem schon erwähnten und überaus gelungenen Einstand mit Der Killer Von Wien. Neben dem gebürtigen Uruguayer George Hilton (bekannt aus etlichen Italowestern) präsentiert sich diesmal die freizügige Schwedin Anita Strindberg, die bereits im selben Jahr in zwei Filmen von Lucio Fulci auftrat, u.a. in A Lizard In A Woman's Skin (Schizoid) und später noch in anderen Gialli zu sehen war, so z.B. auch in Martino's Your Vice Is A Locked Room And Only I Have The Key, neben bekannter Edwige Fenech, bevor sie bereits Anfang der 80er Jahre ihre Filmkarriere beendete.

La Coda Dello Scorpione (Der Schwanz Des Skorpions) ist sowohl im Schaffen des Regisseurs als auch im Bezug zum gesamten Genre im oberen Mittelfeld anzusiedeln. Insgesamt besitzt er alle Facetten, die einen Giallo auszeichnen. Welche dies sind, ist allseits bekannt und mit bereits erstem Satz dieser Review ausreichend beschrieben. Ein kleiner Unterschied ist dieses Mal, dass es sich nicht um die Auswirkungen eines kindlichen traumatischen Erlebnisses handelt, sondern um einen ganz lapidaren Versicherungsbetrug. Dass man daraus eine ganze Menge herausholen kann, beweist Sergio Martino mit vorliegendem Film. Geschickt setzt er falsche Fährten und überrascht den Zuschauer auf diese Weise so einige Male. Demzufolge fällt dann auch das Finale aus und serviert uns einen Mörder und eine Wendung, die nicht, wie bei sovielen Beiträgen dieser Gattung, unbedingt an den Haaren herbeigezogen ist und mit der man sich getrost überrascht zufrieden geben kann. Lediglich die allerletzte Schlusspointe ist vielleicht etwas zuviel des Guten-aber ok, man muss nicht jeden Schritt nachvollziehen können, worauf es bei einem Giallo sowieso nicht ankommt. Vielmehr überzeugt Martino mit einer schönen Atmosphäre eines brodelnen Athens und routiniert agierenden Darstellern.
So überzeugt neben Ida Galli, deren bekannteste Filme wohl Federico Fellini's La Dolce Vita (Das Süße Leben) und Luchino Visconti's Il Gattopardo (Der Leopard) sind und die außerdem in zahlreichen Italowestern und Gruselfilmen auftrat-besonders hervorzuheben ist Mario Bava's La Frusta E Il Corpo (Der Dämon Und Die Jungfrau)-vor allem der argentinische Darsteller Alberto De Mendoza, auch tätig für Lucio Fulci (Una Sull'Altra / Nackt Über Leichen und auch A Lizard In A Woman's Skin / Schizoid) und andere Italiener, als undurchsichtiger Geheimagent.
Ebenfalls überaus amüsant anzusehen ist die Darstellung des Kommissars durch den großartigen Luigi Pistilli, der seine Karriere in (natürlich!) Italowestern (was sonst?) begann. Aber nicht in irgendwelchen-so spielte er gleich im zweiten und dritten "Dollar-Film" von Sergio Leone (Il Buono, Il Brutto, Il Cattivo / Zwei Glorreiche Halunken) neben dem gerade aufstrebenden Clint Eastwood und in Sergio Corbucci's Il Grande Silenzio (Leichen Pflastern Seinen Weg) an der Seite von Jean-Louis Trintignant und Klaus Kinski. Danach sah man ihn meist in Krimis oder Gialli, wobei nicht verschwiegen werden darf, dass er nebenbei ein herausragender Theaterdarsteller war. Als er sich von der Sängerin Milva trennte und kurz darauf auch noch ein Opernstück unter seiner Mitwirkung einhellig verrissen wurde, beging er 1996 Selbstmord.

Sicherlich haben wir hier kein Meisterwerk vor uns, doch für unterhaltsame gut 90 Minuten ist durchaus gesorgt. Sergio Martino zeigt einmal mehr, dass er zu den solideren Genre-Regisseuren gehört, was weder ein Kompliment noch eine negative Kritik sein soll. In seinen Gialli Anfang der 70er bewies er am meisten sein handwerkliches Gespür für Spannung und Atmosphäre. Später ging ihm dieses bei seinen Polizei- und Horrorfilmen und Sexkomödchen etwas verloren. Seit Mitte der 80er arbeitet er fürs Fernsehen. Und "Arbeit" ist hier das richtige Wort...

7 / 10 Punkte

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