Review

Vier Jahre nach Wrath of the Crows (2013) und satte neun Jahre nach Colour from the Dark (H.P. Lovecrafts Saat des Bösen, 2008), seinem Meisterstück, legte der italienische Auteur Ivan Zuccon im Jahr 2017 mit Herbert West: Re-Animator endlich seinen neuen Film vor. Wobei die Bezeichnung Film nicht ganz korrekt ist, handelt es sich hierbei doch ursprünglich um eine Webserie, welche überarbeitet und im Spielfilmformat neu aufgelegt wurde. Bevor jetzt zu viel Euphorie über einen neuen Re-Animator-Film aufkommt, möchte ich auf folgende drei Punkte hinweisen. Erstens: Dieser Film hat mit den Verfilmungen von Stuart Gordon und Brian Yuzna nicht das Geringste zu tun. Zweitens: Dieser Film hat mit H. P. Lovecrafts gleichnamiger Erzählung aus den Jahren 1921/22 so gut wie nichts gemein. Und drittens: Dieser Film ist purer, ungefilterter Zuccon, was bedeutet, daß es einzig und allein seine ureigene Vision ist, welche hier auf Film gebannt wurde. Und genau deshalb fällt das Ergebnis auch so zwiespältig aus. Einerseits ist die Enttäuschung groß, daß vom Re-Animator, wie wir ihn alle kennen, kaum mehr etwas übriggeblieben ist, doch andererseits steigt die Faszination, weil Zuccon die populäre Figur nimmt und mit ihr völlig neue, ungewöhnliche und eigenwillige Wege geht. Dieser Umstand fällt schon ins Auge, wenn man sich die Figurenkonstellation ansieht, denn es gibt neben der Hauptfigur Herbert West (Emanuele Cerman) mit Eleanor West (Rita Rusciano) eine Tochter und mit Herbert West Jr. (Alessio Cherubini) sogar einen Sohn.

Nachdem seine geliebte Tochter Eleanor bei einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist, setzt der geniale Wissenschaftler Herbert West alles daran, sie von den Toten zurückzuholen. Sein zu diesem Zwecke entwickeltes Serum funktioniert, doch das, was aus dem Jenseits zurückkehrt, hat bloß noch äußerlich Ähnlichkeit mit Eleanor. Was ihn zu folgendem Schluß führt: "Reanimating the body isn't enough. I must recover her soul." Doch leichter gesagt als getan. Zwar experimentiert er unermüdlich weiter, aber ein Fehlschlag reiht sich an den nächsten, und seine Verzweiflung nimmt stetig zu. Schließlich hat er die Schnauze voll und tut das, was viele Forscher tun, wenn sie mit den Nerven am Ende sind: Er wagt den Selbstversuch und injiziert sich das Serum. Es ist kein Fehler, wenn man sich mit Ivan Zuccons früheren Arbeiten - neben den bereits genannten wären das u. a. Maelstrom - Il figlio dell'altrove (Armee des Jenseits - Unknown Beyond, 2001), La casa sfuggita (Shunned House - Haus der Toten, 2003) und Nympha (2007) - vertraut macht, bevor man sich an seinen neuesten Streich heranwagt. Denn der Italiener macht es einem alles andere als leicht. So entfernt er sich so sehr von Lovecrafts Vorlage, daß man sich glatt fragt, wieso er es überhaupt für nötig hielt, am Titel festzuhalten. Herbert West: Re-Animator ist eine sehr niedrig budgetierte Produktion, was auch nicht zu übersehen ist. Wenige Locations, eine überschaubare Anzahl an Figuren, Defizite im schauspielerischen Bereich und einfach zu realisierende Effekte sprechen eine deutliche Sprache.

Womit der Film aber punkten kann, sind die Atmosphäre, der (gewöhnungsbedürftige) Look und - mit Abstrichen - auch der Inhalt. Die Geschichte, die Zuccon erzählt, ist anfangs klassischer Mad-Scientist-Stoff, driftet dann aber rasch in David-Lynch'che Mindfuck-Phantasmagorien ab, was es zunehmend schwieriger macht zu bestimmen, was real ist und was nicht. Zuccon gibt sich nämlich nicht damit ab, auch nur irgendetwas zu erklären. Dies führt dann dazu, daß die Handlung immer wirrer und konfuser erscheint, so man sich denn nicht stark auf den Film konzentriert. Im weiteren Verlauf gibt es sowohl surreale als auch philosophische Einschübe, was den Zugang zu diesem Werk auch nicht wirklich erleichtert. Ein kleiner Anstoß: Es lohnt sich darüber nachzudenken, was es mit Herbert West Juniors "Auftauchen" auf sich hat. Der Look des Filmes ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits haftet ihm eine billige, sterile Künstlichkeit an, andererseits ist die stilisierte Ästhetik mitsamt den hübschen Schwarzweiß-Rückblenden aber schon sehr eindrucksvoll, bisweilen sogar faszinierend. Keine Frage, die Bildgestalter beherrschen ihr Handwerk und sorgen für manch exquisite Bildkomposition. An der dichten Stimmung gibt es kaum etwas auszusetzen, die ist düster, freudlos und unwirklich, tatkräftig unterstützt von Mauro Crivellis passablem Score. Letztendlich scheitert Herbert West: Re-Animator trotz dieser positiven Aspekte und einiger reizvoller Ideen (wie die Zwischenwelt oder die denkenden Zombies) daran, daß sämtliche Figuren distanziert bleiben und sich deren gequälte Tragik nicht auf den Zuschauer überträgt.

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