„Antisemitismus ist Gift", heißt es. Und nicht zu Unrecht. Über Jahrhunderte hinweg war die Abneigung gegen die Juden religiös bedingt, ein Verdachtswille gegen Menschen, die für die ideologische Gemeinschaft der Christenheit Außenseiter oder Fremdkörper waren. Noch bevor die ersten Kreuzfahrer auf die gefährliche Reise in den Osten gingen, zu der Papst Urban II. 1095 in Clermont aufgerufen hatte, um Konstantinopel gegen die Angriffe der muslimischen Seldschuken beizustehen, kam es in der Frühphase des Ersten Kreuzzugs zu Übergriffen gegen die Judengemeinden Europas. Weil es keine Christen waren. Weil die Israeliten als Verleumder Jesu‘ betrachtet wurden. Und natürlich, weil es Gelegenheit bot, sich wohlfeil des Geldes der zinsnehmenden Hebräer zu bemächtigen. Erst in der zweiten Hälfte des zunehmend säkularen neunzehnten Jahrhunderts jedoch würde die religiöse Ignoranz zu etwas Neuem mutieren. Zu etwas noch Fatalerem. Zu einer Frage nach genetischer Herkunft, einer Frage der „Rasse". Wer gehört zu „meinem Volk" fragte man sich in einer Zeit, in der viele Länder Europas vor Nationalstolz zu platzen drohten. Die Nährböden unsäglicher antisemitischer Verschwörungstheorien und pseudowissenschaftlicher Massenpsychose waren allerdings zunächst noch nicht in Deutschland zu finden, sondern eher in Russland und Frankreich. In beiden Großmächten war der national verbrämte Unmut gegenüber Juden früher ausgeprägt und früher struktureller Natur als in Mitteleuropa. In Deutschland brauchte es den Ersten Weltkrieg und die darauffolgende verlogene Suche nach Schuldigen an der Niederlage, offene Aggression weniger in latente Abneigung vieler und schlussendlich in den Vernichtungswillen einiger umzuwandeln. Doch bleiben wir in Frankreich, dem Ort und Thema des Films.
Roman Polanski, selbst jüdischer Abstammung, inszeniert einen Historienfilm über die Diskriminierung eines Juden, und zwar des berühmtesten der französischen Geschichte. Dem Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus wurde 1894 vorgeworfen, militärische Geheimnisse dem Erzfeind Deutschland zugespielt zu haben. Die Beweislage war dürftig und die Justiz nicht an einer eingehenden Analyse des Falls interessiert. Dreyfus wurde zum Inbegriff des aufkeimenden Antisemitismus jener Zeit - als Außenseiter bestraft, degradiert und symbolisch ins Exil geschickt. Erst als sich gewissenhafte Elemente in Armee und Presse näher für den Fall zu interessieren begannen, formierte sich Widerstand in Teilen der Bevölkerung ob des Unrechts, das dort geschah. Besonders beflissen und mutig erwies sich ein ehemaliger Bataillonskommandeur der französischen Armee, der kurz zuvor zum Gemeindienst versetzt worden war. Oberstleutnant Marie-Georges Picquart gelang es nach Jahren des zermürbenden beruflichen Machtkampfs, die Rehabilitation von Dreyfus zu erwirken und ihn aus dem Gefängnis zu holen. Zwischenzeitlich war die Nation in dieser großen Krise der Dritten Republik geradezu gespalten - nicht unähnlich der von tiefen politischen Gräben geprägten Situation in nicht wenigen Ländern des Jahres 2020.
Der einstige Ehemann von Sharon Tate ist 86 Jahre alt. Er ist also als Filmemacher in einem Alter, in dem er sich um Sehgewohnheiten eines jüngeren Publikums ebenso wenig kümmern muss wie um ein weiteres Emporklimmen der Karriereleiter. Mit anderen Worten, der gebürtige Pole kann tun, was ihm gefällt, solange er Sponsoren für seine Projekte an Land zieht. Also widmet er sich einem Herzensanliegen. Ohne Kompromisse. Allein das Casting verrät, dass es Polanski darum ging, ein möglichst authentisches Szenario zu entwerfen. Seine Figuren wirken nicht nur physiognomisch rundweg aus der Zeit genommen, ihr steifer, von Ehre und Vaterlandsliebe geprägter Habitus tut sein Übriges, uns das Nacherzählte fremd und unverfälscht erscheinen zu lassen. Eigenartig mutet auch die gemessene Inszenierung an, die nicht nur Rückschlüsse auf das Alter des Regisseurs zulässt, sondern durchaus darum bemüht ist, die Belle Époque, also die letzten schönen Jahre vor dem großen Sturm, überzeugend einzufangen. Der sich durch die Völker fressende Nationalismus würde sich nicht einmal eine Generation später im zweitschlimmsten Blutbad der Menschheitsgeschichte entladen. Ein Blutvergießen, das das alte Europa mit seinen verlockend-unbeschwert nach Parfum duftenden Salons, seinen herausgeputzten, den Massen zuwinkenden Herrschern, seinem romantisierenden Jugendstil, aber auch seiner Weltgeltung beerdigen würde.
Roman Polanskis „Intrige" ist ein sehenswerter Film. Er trägt in mehrerlei Hinsicht zwar Züge einer Altherreninszenierung, und doch ist er routiniert orchestriert, durchaus spannend und vor allem informativ. Vergleichbar mit Ronald F. Maxwells „Gettysburg" (1993) ist Polanskis Zeitschau verlässlich erzählter Geschichtsunterricht, aber kein dramaturgischer Overkill. Wer das weiß und sich darauf einlässt, drückt freiwillig die Schulbank und hat sogar Spaß daran. Weil man hier dazulernt.