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Nach einem turbulenten Leben hat der argentinische Kunstmaler Lorenzo Roy (Joaquín Furriel) anscheinend einen Ruhepol gefunden, als der mittlerweile Fünfzigjährige die gut zwanzig Jahre jüngere Norwegerin Sigrid (Heidi Toini) geheiratet hat. Die ist Biologin, schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit und ist seit kurzem schwanger, wie sie auf einer Vernissage ihrem Mann berichtet. Doch die gemeinsame Freude über den Nachwuchs wird schon bald getrübt, da sich Sigrid immer merkwürdiger verhält. Im Keller des gemeinsamen Hauses hatte sie sich ein kleines Labor eingerichtet, und dorthin zieht sie sich immer öfter zurück. Auch als das Kind zur Welt kommt, darf es Lorenzo kaum sehen, stattdessen ist eine ältere norwegische  Hebamme ins Haus gezogen, die sich um Mutter und Kind kümmert. Lorenzo kann nicht begreifen, wieso sich seine Frau derart von ihm entfremdet hat und wieso er das Baby kaum zu sehen bekommt. Auch das befreundete Pärchen Julieta und Renato kann ihm nicht helfen, da sich Sigrid bei deren Besuch normal verhält. Als er wieder einmal ausgesperrt an der Kellertreppe steht und auf die verschlossene Tür zum Labor einschlägt, wird er von der von den Frauen alarmierten Polizei abgeführt. Im Gefängnis sitzend kann der völlig perplexe Lorenzo schließlich Julieta (Martina Gusman) dazu überreden, ihn anwaltlich zu vertreten. Doch Julieta ist hin- und hergerissen, einerseits kennt sie Lorenzo bereits seit Längerem (auch von einer jahrelang zurückliegenden, gemeinsamen Liaison) und möchte ihm gerne helfen, andererseits verhält er sich vollkommen uneinsichtig und scheint tatsächlich aggressiv gegen seine Frau geworden zu sein...

Eine etwas sperrige Beziehung beleuchtet diese argentinische Produktion, die mit einer kurzen Bettszene (Der Zeugung) in gemächlichem Tempo beginnt und den Zuschauer in der Folge mit einigen Rückblenden verwirrt. Diese zwischenzeitlichen Einschübe mit Lorenzo im Gefängnis vermag man erst nach einiger Zeit richtig einzuordnen, wobei dieses Stilmittel ganz gezielt eingesetzt wird: Der Zuschauer soll sich selbst eine Meinung bilden. Es bleibt den ganzen Film über die Frage offen, ob die merkwürdig emotionslose Sigrid und die fremde Gouvernante, die kein Spanisch spricht, mit dem Säugling etwas schreckliches in den stets versperrten Kellerräumen vorhaben oder ob der oftmals vergeistigt, auch verängstigt, von seiner Sichtweise absolut überzeugte, jedoch zu keinem Zeitpunkt wirklich gefährlich erscheinende Lorenzo nicht unter einer gestörten Wahrnehmung leidet und sich in Wahnvorstellungen verstrickt hat. Eine gewisse Entscheidungshilfe für den geneigten Zuschauer liefert dabei die Anwältin Julieta, die händeringend zwischen Empathie für den Angeklagten und schnöder Realität balancieren muß. Martina Gusman erledigt dies übrigens in bewundernswert mitfühlender Weise und liefert in ihrer Rolle als Anwältin wider Willen eine tolle Performance ab - für mich der heimliche Star des Films, auch wenn der langhaarige, bärtige Joaquín Furriel seine Figur ebenfalls überzeugend darstellt. Die anderen Charaktäre dieses mit nur sehr wenigen Darstellern auskommenden Dramas spielen unauffällig - eines Dramas, das bewußt auf Hintergrundinformationen verzichtet und im letzten Drittel dann noch Züge eines Thrillers annimmt und den Zuschauer somit bis zum Schluß zu fesseln vermag.

Und dann dieses Ende...! Zunächst scheint die Geschichte nach einem dramatischen Finale abgeschlossen (übrigens zu sicher nicht nur meiner absoluten Unzufriedenheit mit der resultierenden Sachlage), dann aber kommt noch ein Nachschlag: Eine Szene, mit der gewisse Erwartungen des Zuschauers erfüllt zu werden scheinen, die aber mittendrin abbricht. Im ersten Moment mag man sich dadurch um eine vollständige(re) Auflösung betrogen sehen, aber je mehr man über das zuvor Gesehene nachdenkt, desto weniger interessiert einen die rein technische Auflösung. Vielleicht hätte man auf diese letzte Szene komplett verzichten sollen, womit das eigentliche Filmende - eine empörende Realtität mit einem allerdings positiven Nebeneffekt - mehr in den Fokus gerückt wäre, aber vermutlich wollte Regisseur Sebastián Schindel damit wenigstens eine der vielen bohrenden Fragen, die vor allem im Schlußdrittel aufgekommen sind, beantworten.
Ein intelligent aufgezogener argentinischer Psycho-thriller, der genausogut bei uns in Europa spielen könnte und den aufmerksamen Zuseher über das Filmende hinaus nachdenklich stimmt. 7 Punkte.

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