Review
von Leimbacher-Mario
Rasenmäherdürre
Stephen King-Stories boomen nach wie vor, erleben ihren dritten Frühling, der fleißige Schreiber hat ja auch mehr als genug Vorlagen geliefert bzw. tut es noch immer. Das Netflix-Feature „Im hohen Gras“ basiert auf einer seiner Kurzgeschichten und auf einer ziemlich gruseligen, perfiden Idee - einem weiten, abgeschiedenen Feld voll hohem Gras, das jedem der Eintritt nicht nur clever den Ausgang verwehrt, sondern sich auch dermaßen gemein und unbemerkt verschiebt, dass Wahnsinn und Tod schnell zum Thema werden und sogar Raum und Zeit kaum den gewohnten Regeln folgen. Und genau in diesem höllischen, grünen Labyrinth, angelockt von einer flehenden Stimme eines Jungen, findet sich ein Geschwisterpaar wieder, bei dem die Frau auch noch schwanger ist...
„Im hohen Gras“ merkt man die Kurzgeschichtenidee definitiv an, ein wenig fühlt sich das definitiv gedehnt und sich wiederholend an. Obwohl Letzteres natürlich auch zum Konzept gehört. Dennoch wäre eine (noch) kürzere Laufzeit (oder vielleicht ein paar neue Anhaltspunkte zur Erklärung) sicher nicht verkehrt gewesen. Zudem hätte am Horrorfaktor locker etwas geschraubt werden können. Dafür haben mir alle Darsteller richtig gut gefallen (der Junge mit größeren Abstrichen) und die Optik war fabelhaft und weitaus abwechslungsreicher, als man hätte meinen können. Von wegen nur Grün in Grün. Herr Natali war die einzige sinnvolle und ziemlich perfekte Wahl für diese Episode aus dem king'schen Kosmos, denn Gedanken an „Cube“ kommen öfters auf als man meint. Das Konzept ist etwas verworren, kompliziert und wird kaum erklärt, doch gefesselt war ich die meiste Zeit dennoch. Highlights sind für mich der Blick in die „Unterwelt“ (?), die „Grasmenschen“, einige der optischen Spielereien/Collagen und die frühe Gänsehautsequenz mit Hochspringen. Aber all das steht und fällt vor allem glaube ich damit, wie gut man mit offenen Fragen und weit hergeholten Konzepten leben kann. Ich scheinbar ganz gut. Allgemein handelt es sich hier ganz klar eher um einen ziemlich atmosphärischen, fast klassischen Slowburner ohne größere JumpScares - was natürlich zu begrüßen ist. Da hat man schon weitaus schlimmere, unpassendere King-Verfilmungen gesehen - von „Dreamcatcher“ (von dem hier irgendwie auch einige Nuancen durchschimmern) bis zum unsäglichen „Rasenmähermann“. Dagegen geht der Daumen hier zweifellos in den grasgrünen Bereich.
Fazit: selbst wenn der Short Story-Background kaum geleugnet werden kann und sich das Geschehen gefühlt schon erstaunlich schnell im Kreis dreht, es an Abwechslung mangelt, hat Netflix mit diesem mysteriösen Grasgrusler ein heißes, schon jetzt etwas unterschätztes Eisen im Feuer, das von Beginn an fesselt und Fragen, Neugier, Gänsehaut aufwirft. Für mich am unteren Ende des oberen Drittels der dutzenden und immer mehr werdenden King-Verfilmungen.