Review

kurz angerissen*

Wer die Prämisse seiner Geschichte in einen Irrgarten aus Grashalmen versetzt, dem es mit logischem Menschenverstand nicht zu entkommen gelingt, der dürfte wohl ein besonderes Interesse am Zusammenspiel von Kontrollverlust, Orientierungslosigkeit und Überforderungsgefühl pflegen. Sanft rascheln die Parabeln jedenfalls über das hochgewachsene Grün, während Vincenzo Natali seinem ehemaligen Hit "Cube" einen Besuch abstattet wie einem alten Bekannten; nur dass die Grenzen nun organischer, durchlässiger und unstrukturierter sind als die harten Quader seines Würfellabyrinths. Wäre Grün nicht die dominante Farbe, so könnte man meinen, David Lynchs Red Room ließe wieder seine Vorhänge wehen.

Dessen hohen Grad an Surrealismus erreicht "Im hohen Gras" allerdings nicht, es reicht gerade einmal für eine Folge "Twilight Zone", die eben laufzeit- und handlungstechnisch ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist. Seit jeher genießen hochgewachsene Anbaufelder einen unheimlichen Ruf, Vogelscheuchen, Aliens und wahnsinnigen Axtmördern zum Dank. Derart konkrete, deutlich einschätzbare Gefahren lässt Natali zwar nicht aufkommen, jedoch spielt er bewusst mit ihnen. Surround Sound war selten relevanter; auf der mit Wehen und Rascheln untersetzten Tonspur spielt sich mindestens ebenso viel ab wie in den kunstvoll arrangiert, wenngleich manchmal zu künstlich wirkenden Kamerafahrten, die sich mit jedem Strauch, jedem Halm und jedem Wassertropfen darauf einzeln zu beschäftigen scheinen. Im Halbschatten lugende Menschen und ein steter atmosphärischer Wechsel aus geborgenen und ausgelieferten Momenten tragen ihr Übriges dazu bei, Verunsicherung herbeizurufen, während sich die inhärente Filmlogik langsam von einem Jahrmarkts-Gimmick in einen lebendigen Tesserakten zu verwandeln scheint. Mit jeder Gemütswandlung des unberechenbar aufspielenden Patrick Wilson und jeder neu entdeckten Lichtung wird es abstruser und dadurch in gewissem Maß auch unheimlicher.

Jedenfalls gilt das bis zu einem gewissen Punkt, bevor der Bogen schließlich doch überspannt und neue Abzweigungen auf einmal sichtbar im Nichts verlaufen. Etwas mehr Konzentration bei der Zusammenführung der Krumenspuren und "Im hohen Gras" wäre ein echter Geheimtipp geworden.



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