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Anfang der 1980er machten sich Muppet-Schöpfer Jim Henson und Multitalent Frank Oz als Regisseure an ein Projekt, das zwar dem damaligen Fantasy- und Science-Fiction-Boom Tribut zollte, aber sich in einer Form ganz klar davon unterschied: Bei allen Akteuren handelte es sich um Puppen oder Schauspieler in dicken Fantasykostümen.
Die Handlung spielt auf dem entlegenen Planeten Thra, der von drei Sonnen umkreist wird. Ein Off-Erzähler bringt dem Publikum diese Welt, ihre Regeln und Gegebenheiten näher: Ein dunkler Kristall ist das Energiezentrum von Thra, aus dem vor 1000 Jahren ein Stück herausbrach. Seitdem herrschen die Skekse, die wie eine Mischung aus Echse und Geier aussehen, mit Hilfe des Kristalls über Thra. Ihre Gegenstücke, die Mystics, die trotz ähnlicher Form eher an eine Mischung aus Mensch, Hund und Vogel erinnern, leben derweil friedlich in einem abgelegenen Tal. Doch eine Prophezeiung soll bald Wahrheit werden: Wenn die drei Sonnen als eine am Horizont stehen und ein Gelfling das verlorene Kristallstück wieder einsetzt, wird die Macht der Skekse gebrochen sein – andernfalls herrschen sie von da an ewig über Thra.
Man erkennt schon: Wie bei Trendsetter George Lucas und seinem „Star Wars“ ist das kreative Abpausen bei großen Mythen und Legenden der Welt angesagt: Die Skekse und Mystics als zwei Seiten einer Medaille, die aus den Ur-Skeksen hervorgingen, die mit einander verbunden sind, erinnern an das Ying-und-Yang-Konzept fernöstlicher Mystik, die Prophezeiung, die von Gewaltherrschen gefürchtet wird, griechische Sagen. Und wie griechische Tyrannen versuchten die Skekse das Wahrwerden der Prophezeiung durch Mord zu verhindern, in diesem Falle durch versuchten Genozid an den kleinen, feen- oder koboldartigen Gelflingen. Und wie in den griechischen Sagen machte das Schicksal da nicht mit: Jen, ein verbliebener Gelfling, wuchs bei den Mystics auf.

Als der oberste Mystic im Sterben liegt, erzählt er Jen von dessen Aufgabe und davon, dass er das verschwundene Kristallstück über die Seherin Aughra gefunden werden kann. Gleichzeitig werden die Skekse, deren Fürst ebenfalls verstirbt, ob der Prophezeiung nervös und schicken ihre Truppen auf die Suche nach dem Splitter und dem Gelfling…
Der unerfahrene Held, der über sich hinauswächst, das mächtige Artefakt, die finsteren Schurken, die weisen, aber demütigen Ratgeber – vieles an „Der dunkle Kristall“ ist Fantasystandard, vorgelebt von den erwähnten Legenden, Fantasy-Roman-Klassikern wie vor allem Tolkiens „Der Herr der Ringe“-Saga und filmischen Meilenstein. Auf inhaltlicher Ebene hat „Der dunkle Kristall“ dem tatsächlich nicht viel hinzuzufügen: Auf seinem Quest begegnet Jen seinem weiblichen Buddy und Love Interest Kira, einer weiteren Gelfling-Überlebenden, die außerdem einen putzigen Tier-Sidekick dabei hat, es finden sich weitere Helferlein, während die Truppen der Skekse im Nacken hat, doch zur Endschlacht ist Jen dann doch weitestgehend auf sich allein gestellt. Muss eigentlich noch erwähnt werden, dass Kira natürlich kurz vorm Showdown von den Schurken gefangen genommen wird, sodass das hehre Ziel der Weltenrettung mal wieder mit dem persönlichen Ziel der Rettung der Geliebten zusammenfällt?
Ist in die Grundgeschichte vielleicht nicht so viel Energie geflossen, so merkt man Aufwand, Liebe zum Detail und Einfallsreichtum vor allem auf formaler Ebene. Gelflinge und die gnomenhafte Podlinge mögen humanoide Figuren in der Tradition von Feen, Zwergen und Elfen sein, so sind nicht nur Mystics und Skekse kreativ designt: An bizarre Panzerinsekten erinnernde Garthim jagen die Helden, langbeinige Landstrider bieten sich als Reittiere an und an allen Ecken und Enden gibt es andere Kreaturen und kleine Details zu entdecken, welche diese Welt so belebt aussehen lassen. Natürlich hat man als Zuschauer den enormen Aufwand bei diesen Tricks im Sinn, was „Der dunkle Kristall“ noch eine Spur beeindruckender wirken lässt, zumal ihm diese Machart auch einen Sonderstatus zwischen all den Barbarenfilmen und Fantasyabenteuern den 1980er verschafft.

Man mag angesichts des Puppentrickcharakters vermuten, dass „Der dunkle Kristall“ ein Kinderfilm ist. Diese dürften den Film sicher auch mit Freude konsumieren, doch Henson und Oz schrecken auch vor düsteren und mitunter gruseligen Szenen zurück, gerade in Sachen Skekse. Dies sind eitle, missgünstige Kreaturen, die sich auch untereinander in der Hackordnung bekämpfen und gnadenlos verstoßen. Ihre Grausamkeit trifft aber auch alle anderen Bewohner Thras, die als Sklaven, Nahrung oder Energiespender dienen sollen – ihre Jugend erkaufen sich die Skekse, indem sie anderen die Essenz entziehen, was im düsteren Finale auf Kira droht. Damit mögen die Skekse nicht nur ein Spiegelbild eiskalter Höflinge und tyrannischer Herrscher sein, sondern auch eine Parodie auf Turbokapitalisten der 1980er: Geprägt von Eitelkeit und Schönheitswahn ebenso wie von einer Missachtung aller anderen Lebewesen, die nur zum eigenen Vorteil und zur Mehrung des eigenen Reichtums ausgenutzt werden.
So hat „Der dunkle Kristall“ dann doch etwas mehr als nur die schöne und liebevoll designte Oberfläche zu bieten. Dem pazifistischen, naturverbundenen Gestus des Films mag es dann auch geschuldet sein, dass sich die Helden den Bösen eher durch Flucht entziehen als sich ihnen im Kampf stellen. So sind die Schauwerte selten Kampf- oder Schlachtszenen – nur gegen Ende und vor allem zur Selbstverteidigung werden die Skekse bekämpft oder sogar getötet. Das hat einen naiven, aber gutherzigen Ökocharme, welcher „Der dunkle Kristall“ durchzieht – kein Zugeständnis aus Kinderfreundlichkeit, sondern einfach die Einstellung des Films.

Insofern mag „Der dunkle Kristall“ in Sachen Storytelling und Dramaturgie nun wahrlich keinen Blumentopf gewinnen, die prunkvolle wie aufwändige Umsetzung durch Puppenspiel, Setbauten und andere handgemachte Tricks nehmen das Publikum für sich ein und mit in eine andere Welt. Dort gibt es zudem amüsante Details und Facetten zu entdecken, welche die 08/15-Geschichte aufmöbeln.

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