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Staffel 1

Im nordspanischen Bilbao haben die Krankenschwester Edurne (María de Nati) und der marokkanischstämmige Omar (César Mateo) zueinander gefunden - das junge Paar Anfang 20 lebt zwar noch bei den jeweiligen Eltern, schmiedet aber bereits Pläne für eine gemeinsame Zukunft. Just zu dieser Zeit ereignet sich dort ein Dschihadisten-Anschlag: ähnlich Wie 2016 in Nizza lenkt ein Irrer einen Kleintransporter in eine Menschenmenge - zunächst sind es 7 und einen Tag später sind - neben zahlreichen Schwerverletzten - 8 Tote zu beklagen. Die hochschwangere Kommissarin Koro (Verónika Moral) ermittelt fieberhaft, und schon nach wenigen Stunden ist scheinbar eindeutig anhand von Videomaterial und Fingerabdrücken der flüchtige Fahrer des Wagens ermittelt: Es ist jener Omar, der seit dem Morgen des Anschlags spurlos verschwunden ist. von der vernommenen Freundin bis hin zu Omar Familie kann sich niemand erklären, was Omar zu so einer unfassbaren Tat getrieben hat, war er doch ein ganz normaler, unauffälliger freundlicher junger Mann ohne Probleme, ohne Vorstrafen. Freundin Edurne vertritt sofort den Standpunkt, daß Omar unschuldig sei, wobei sich einer ihrer Patienten, ein abgehalfterter Journalist, der eine große Story für sich wittert, auf ihre Seite schlägt. Auch Omar Familie, und hier vor allem seine Mutter Adila (Farah Hamed), glaubt an seine Unschuld. Die mit reichlich interkultureller Kompetenz ausgestattete Kommissarin dagegen muß sich zunächst an Indizien halten, und die sprechen gegen Omar - der wird zum meistgesuchten Mann Spaniens. Aber ist er tatsächlich der Täter, und vor allem: wo steckt Omar? Wie schon sehr früh zu erfahren ist, war seine Tatbeteiligung eine abgekartete Sache mit gefälschten Beweismitteln. Tatsächlich wurde Omar am Morgen des Anschlags entführt, kann sich zwar selbst befreien, befindet sich seitdem jedoch auf der Flucht, nachdem sein Bild in jeder Zeitung, TV-Sendung und allen social-media-Kanälen verbreitet wird...

Eine spannende Thematik behandelt die spanische TV-Serie Victim Number 8 - ein Unschuldiger wird von der Polizei, später von dubiosen Geheimdienstmännern gejagt und hat keine Chance, sich zu verteidigen. Über insgesamt 8 Folgen à knapp 50 Minuten zieht sich dessen Flucht, die von diversen Helfern (vor allem Freundin Edurne) unterstützt sowie von noch mehr Gegnern mit teilweise äußerst fragwürdigen Methoden vereitelt werden soll. Dem Zuschauer, der aufgrund wechselnder Perspektiven stets etwas mehr weiß als die beteiligten Protagonisten, stellt sich wie dem Hauptdarsteller immer wieder die Frage, ob es besser sei, sich zu stellen und um seine Unschuld zu kämpfen oder besser untergetaucht zu bleiben und zu verschwinden, da die (Vor-)verurteilung der Gesellschaft eine Rückkehr ins normale Leben unmöglich macht.

Neben einigen interessanten Sub-Plots wie der toughen, alleinstehenden Kommissarin, die von dem beim Anschlag gestorbenen Industriellensohn (der das titelgebende 8. Opfer darstellt) schwanger ist über die Naivität der jungen Edurne, die in ihrem Idealismus mit Omar nach Afrika fliehen will und alles unternimmt, um ihn wiederzusehen oder auch die komplizierten Verstrickungen der Industriellenfamilie Azkarate, deren CEO durch den wesentlich unfähigeren Bruder ersetzt werden soll wird immer auch beleuchtet, wie die Hinterbliebenen und Angehörigen mit dem Druck der Medien und den Auswirkungen derselben umgehen: Was macht die mediale Aufbereitung des feigen Mordanschlags mit den Menschen, wie verhält sich deren Umwelt, wie ändert sich die öffentliche und veröffentlichte Meinung mit jeder neuen Wendung?

Herausragend dabei Verónika Moral als schwangere Kommissarin Koro, die recht bald Zweifel an der Schuld-These bekommt und angestachelt durch die aufopferungsvolle Edurne wie auch durch ihren eigenen 6. Sinn in eine andere Richtung zu ermitteln beginnt als ihr Vorgesetzter dies erwartet. Nett auch der geschwätzige Journalist Eche (Marcial Álvarez), ein Dialyse-Patient mit seinem schwarzen Humor, der mit seiner Hassliebe zu seinem Hund einen Running-Gag liefert und dabei Stück für Stück die Ungereimtheiten der offiziellen Version des Anschlags aufdeckt. Beeindruckend auch Farah Hamed als Omars Mutter Adila, die bis zum Ende felsenfest von seiner Unschuld überzeugt ist und sich dabei auch gegen ihren Ehemann durchsetzen muß, der lieber an die offizielle Täter-Darstellung glaubt, weil er aus Bequemlichkeit keinen Ärger haben will. Herzergreifend wiederum die resolute spanische Rollstuhl-Oma mit ihren schrulligen Angewohnheiten, die seit 10 Jahren von Adila versorgt wird und sie vor allem moralisch immer wieder unterstützt. Bemerkenswert auch die Eltern der Industriellen-Familie, wo die Mutter moralische Bedenken äußert, der Vater aber stur nur ans Geschäft denkt und seinen als unfähig angesehenen Sohn gegen seinen Willen zum Firmen-Kronprinzen machen muss.
Was leider gar nicht geht, sind die weitreichenden Verstrickungen des spanischen Geheimdienstes in den Anschlag: Beinahe unbehelligt agiert hier ein Finsterling namens Gorostiza (Óscar Zafra), der über ein unbegrenztes Arsenal an technischen Möglichkeiten und entsprechendes Personal verfügt, die polizeilichen Ermittlungen nach Kräften behindert/manipuliert und vor Beweisfälschung und Mord nicht zurückschreckt. Weder dessen Allmacht noch dessen Involvierung in die Geschäfte der Industriellenfamilie werden ausreichend beleuchtet, sodaß sein immer dominanteres Auftreten streckenweise unglaubwürdig erscheint.
Auch das Finale im 8. und letzten Teil geht ein wenig überhastet vonstatten und hinterläßt so manche Leiche, deren Ableben eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, von einigen offenen Fragen einmal abgesehen.

Insgesamt ist La víctima número 8 aber eine durchweg unterhaltsame Geschichte mit realistischen Charaktären, die keine Übermenschen darstellen sondern mit ihren Fehlern und Schwächen jederzeit glaubwürdig auftreten und das an manchen Stellen schwächelnde Drehbuch somit zu überspielen vermögen. 6,51 Punkte.

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