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Ja, die Deutschen Filme sind so eine Sache. In den 90ern richtig Erfolg gehabt durch das neuerfundene Genre "deutsche Komödie", das heute verkommen von zahlreichen Fernsehspielchen minderer Qualität an Bedeutung verloren hat. Doch da, ab und an kommt dann doch ein Erfolg zu uns. "Lola rennt". Oder "das Experiment". Halt, das sind ja gar keine Komödien? Komödien sind out, ernste Thematik in.

"Lautlos" ist da so ein Film, der auszubrechen versucht aus der Masse der geistlosen Dünnbrettbohrerfilmchen. Romantik darf sein, Spannung auch, das ganze nennen wir "Thriller", nehmen eine attraktive Blondine (Nadja Uhl), einen sehr guten Schauspieler (Joachim Krol), einige bekannte Gesichter in Nebenrollen wie Mehmet Kurtulus, Peter Fitz und Lisa Martinek, organisieren ein ordentliches Drehbuch mit typisch deutscher Story, basteln uns ein Happy End das trotzdem außergewöhnlich ist und Spannung verspricht, garnieren das ganze mit etwas "Alarm für Cobra 11"-Actionspektakel, bringen das ins Kino - und geritzt ist der Fisch.

So einfach hätte es Mennan Yapo gerne. Die Kritiken waren gut, der Film wurde auch tatsächlich ein Kinoerfolg. Doch ist nicht alles Gold was glänzt, um mal wieder ein Sprichwort zu vermeiden.

Doch um was geht's denn nun eigentlich? Ein kleiner 9jähriger Junge muß ansehen, wie seine Eltern grausam und heimtückisch im Schlafzimmer ermordet werden. Er sinnt Rache und mit Hilfe eines väterlichen Freundes, der fortan Papaersatz und Erzieher zugleich ist, lernt er die wichtigste Fähigkeit seines zukünftigen Lebens: Lautlos zu sein. Diese Fähigkeit setzt der Kleine auch schnell ein, um den Mörder seiner Eltern zu erschiessen - lautlos. Und genauso lautlos verschwindet er hinterher spurlos von der Bildfläche. Auch heute, Jahre später und längst erwachsen geworden, hat sich Victor diese Eigenschaft bewahrt und zum Brotwerwerb umfunktioniert: lautlos und mit Perfektion und Präzision löscht er unerwünschtes Leben aus. Victor ist Profikiller durch und durch. Bis er einer Gespielin eines seiner Opfer mehr oder weniger zufällig nach einem Suizidversuch das Leben rettet und sich prompt in sie verliebt. Noch schlimmer, sie sich auch in ihn. Denn jetzt erzähl mal Deiner Liebe was Du so machst, den lieben langen Tag, so als Profikiller.

Herausragend, wie Krol und Uhl zueinanderfinden und ihre gesamte Beziehung ebenfalls fast lautlos aufbauen. Wieder einmal mehr beweist Krol seine Genialität und sein unglaublich perfektes schauspielerisches Talent, sich in eine bislang ungewohnte Rolle perfekt hineinzuversetzen und sie so wiederzugeben, daß man sich fragt: hat der Krol je was anderes gespielt? Fitz und Kurtulus glänzen in leider viel zu kurzen Nebenrollen. Und wie erwähnt: die Story ist toll, spannend, lebt von den leisen Tönen ohne daß Action zu kurz kommt.

Wo Licht, da Schatten: Zahlreiche Fragen bleiben unbeantwortet, die der Film aufwirft. Nina's Vorleben bleibt bis zum Schluß ungeklärt, obwohl dies doch ausschlaggebend für den Verlauf der Beziehung zu Victor ist. Die beiden ermittelnden Kommissare sind fad gespielt und per Zufall immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort und wissen sofort was vorgefallen ist und folgerichtig zu tun ist. Jaja, wenn es doch nur so wäre. Hier hätte etwas mehr Realismus dem Film gut getan: mehr stöbern, nach Fakten suchen, auf's Glatteis führen lassen - weniger Schlaumeierallüren. Schade, ungewollt werden einige Situationen fast lächerlich (z.B. als der Profiler im Kinderzimmer von Felix sich an die Wand lehnt und sofort die Geschichte von vor etwa 30 Jahren aus ihm heraussprudelt). Und natürlich das Finale, die furiose Flucht. Etwas mehr Hintergrund, Einblick in Victors genialen Plan hätte den Spannungsbogen sicherlich nicht überreizt, anstatt uns zum Ende hin in wenigen Minuten vor vollendete Tatsachen zu setzen und wie ein Oberkellner die Glocke über dem fertig angerichteten Menü zu lüften.

Man verlässt den Kinosaal mit zwiespältigem Gefühl. Man fühlt sich hineinversetzt in die Atmosphäre, versucht die Psychologie Victors und Ninas zu verstehen, zittert mit den Beiden und weiß doch gleichzeitig in diesem uralten schwarz-weiß-Spiel wieder sehr genau, daß es auch grau gibt. Wer auf einen großen hollywoodreifen Wurf gewartet hat wird enttäuscht, wer aber die Facetten des typischen deutschen Filmes liebt, Krol-Fan ist und Abstriche bereit ist in Kauf zu nehmen, kommt in diesem spannenden Psychothriller voll auf seine Kosten.

(7/10)

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