Review

Das Schicksal meint es nicht gerade gut mit der hübschen blonden Pferdeflüsterin Michelle (Shari Shattuck, Death Spa). Deren Ex-Freund Willy (John Terlesky, Deathstalker II), selbst kein Kind von Traurigkeit, läßt sich nämlich von der so heißen wie gefährlichen Psychopathin Rita (Christina Whitaker, Assault of the Killer Bimbos) nach einer Nacht voller Drogen und Sex zu einem Banküberfall überreden, der prompt schiefgeht und einem Sicherheitsbeamten das Leben kostet. Da die am Bankschalter arbeitende Michelle, naiv und nett wie sie nun mal ist, ihrem verletzten Ex (vergeblich) helfen wollte und Rita, gemein und verlogen wie sie nun mal ist, sie der Mittäterschaft bezichtigte, wandert das unschuldige Country Girl in den Hochsicherheitsknast. Dort sind die Sitten so rauh wie Schleifpapier, was Michelle bald am eigenen Leib zu spüren bekommt. Daß sie es sich mit der korrupten Gefängnisdirektorin Diane (Angel Tompkins, The Bees) verscherzt, die sie daraufhin zum Freiwild erklärt, macht die Lage nicht wirklich besser. Als dann auch noch Rita ins Gefängnis transferiert wird und der sadistische Cop Smiley (Nick Benedict) nachts mit Vergewaltigungsabsichten durch die Gänge schleicht, ist die Kacke nicht nur am Dampfen, sondern am Überlaufen.

Wer hätte das gedacht? Der vielleicht beste Women-in-Prison-Kracher der 1980er-Jahre stammt aus der Schmiede der Cannon Group! Geschrieben und inszeniert von Lutz Schaarwächter (unter seinem Pseudonym Paul Nicholas), der drei Jahre zuvor mit Chained Heat bereits bewiesen hatte, daß er es draufhat, hatte The Naked Cage das Pech, auf den Markt geworfen zu werden, als das zwiespältige Subgenre bereits in den letzten Zügen lag. Ein klarer Fall von richtiger Film zur falschen Zeit, weil überraschend gut gemacht, mit starker Kameraarbeit und passablem Score (der Titelsong heißt Tuff Enuf, stammt von The Fabulous Thunderbirds, und paßt wie die Faust aufs Auge). The Naked Cage mag keine Preise für Originalität, Subtilität, Plausibilität und dergleichen gewinnen, doch darauf sind Werke, welche sich an dieser Spielart des Exploitationfilms versuchen, auch nicht ausgerichtet. Aber all das, worauf es ankommt, zelebriert Schaarwächter mit Gusto und Schmackes. Eine unschuldig eingelochte junge Frau, die über sich hinauswächst? Check. Eine korrupte Leiterin, die allen, die nicht spuren, das Leben zur Hölle macht? Check. Gewissenlose Weiber, die ihre Mithäftlinge über die Klinge springen lassen, wenn sie Lust dazu haben? Check. Schmierige Wärter, die sich an den Gefangenen vergehen? Check. Angedeutete lesbische Sexspiele? Check. Catfights? Check. Duschszenen? Check. Ein grausiger Alptraum? Check. Titten? Check. Ein wilder Knastaufstand? Check. Heftige Gewaltausbrüche? Check. Gnadenlose Abrechnungen? Check. Irgendwas vergessen? Wenn ja, dann stehen die Chancen gut, daß es ein Check ist.

The Naked Cage beginnt toll, als eine Art Bonnie-and-Clyde-Gangster-Flick, bis der Coup in die Hose geht und der Streifen zum WIP-Movie mutiert. Mit Michelle wird auch der Zuschauer ins kalte Wasser geworfen, und daß ein Frauengefängnis kein Planschbecken ist, ist sofort offensichtlich. Schaarwächter macht das sehr geschickt, schaltet einige Gänge zurück, um zu zeigen, wie der Hase hinter Gittern so läuft. Und gerade als sich beim Publikum Enttäuschung breitzumachen beginnt, da der Knasttrott wenig aufregend und recht zahm geschildert wird, schaltet er langsam und genüßlich wieder höher. Und höher. Und noch höher. Und gibt Vollgas. Je länger The Naked Cage dauert, desto besser, brutaler, intensiver, effektiver und packender wird er. Daß der Streifen so prächtig funktioniert, liegt nicht zuletzt an den Mimen, die ihre bloß dürftig charakterisierten Figuren zu plastischem Leben erwecken. Shari Shattuck überzeugt als Heldin wider Willen, die zwar nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, der aber so übel mitgespielt wird, daß man gar nicht anders kann, als mit ihr mitzufiebern. Dieses Mitfiebern steigert sich noch dramatisch, da ihre Gegenspieler - Bad-Ass-Bitch Rita und Serienvergewaltiger Smiley - richtig widerwärtige, hassenswerte Mistmaden sind. Phasenweise ist das Dargebotene dermaßen grausam, sadistisch und niederträchtig, daß man die Emotionen heiß in sich hochkochen spürt. Diesbezüglich macht Lutz Schaarwächter hier alles richtig. Und wenn die garstigen Fieslinge am Ende die gesalzenen Rechnungen präsentiert bekommen, dann ist das gleichermaßen befreiend wie befriedigend.

Details
Ähnliche Filme