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Brennpunkt Le Mans - Zwei stahlharte Profis auf der Überholspur

Ein Rennfahrerfilm, der sich hemmungslos dem Geschwindigkeitsrausch hingibt. Der dem guten alten Schraubergeist ein Denkmal setzt. Der förmlich nach Benzin, Öl und Gummi riecht. Und das in Zeiten einer massiv angeschlagenen Automobilindustrie, die ein lautstarker Ruf nach Elektrifizierung und Verkehrsreduktion vor sich her treibt. Darf man das, oder noch schlimmer, will das überhaupt einer sehen? Ja, ja, und nochmals ja.

James Mangolds „Le Mans 66" ist einer der ganz selten gewordenen Filme, der von der ersten Sekunde an mitreißt. Und dazu braucht es keine CGI-Offensive im austauschbar gewordenen Playstation-Stil, da muss nicht alle zwei Minuten irgendetwas explodieren, durch die Luft fliegen, verkloppt werden, oder leidlich witzige Sprüche absondern. Hier entsteht Schwung durch straffes Erzählen mit einem Augenzwinkern, hier entsteht Empathie durch pointiert gezeichnete Figuren mit einer lebensechten Gefühlswelt, hier entsteht Spannung durch eine famose Symbiose aus Schnitt- und Kameraarbeit.   

Die besten Geschichten schreibt das wahre Leben, so platt der Spruch auch klingen mag, so prall pumpt er Adrenalin und Energie in Mangolds Rennsport-Ode. Zwei hoch motivierte Freaks fordern einen übermächtigen Gegner zum Duell und siegen. Gut, hinter Konstrukteur Carroll Shelby und Fahrer Ken Miles steht der mächtige Ford-Konzern, aber auf den so prestigeträchtigen Rennstrecken des Globus ist der amerikanische Fließband-Hersteller allerdings eine lame duck. Dort ist Ferrari das Maß aller Dinge und steht für Rasanz, Eleganz und Emotion. Fords Image könnte konträrer kaum sein.

Es ist Lee Iacocca, seit 1965 Vizepräsident der Ford Pkw-Produktion, der die von John Ford II dringlichst eingeforderte Imagekorrektur voran treiben soll und mit der wahnwitzigen Idee aufwartet, Ferrari auf der Rennstrecke heraus zu fordern. Das legendäre 24-Stunden-Rennen im französischen Le Mans bietet dafür genau die richtige Plattform. Sechs Mal in Folge hatte dort seit 1960 ein Ferrari gesiegt und niemand erwartete für 1966 etwas anderes. Diese Dominanz zu durchbrechen, so Iacocca, würde Fords Spießerimage über Nacht pulverisieren und den verhassten europäischen Autobauern zeigen, dass auch amerikanische Wagen schnell, sexy und cool sein können.

Solche unwiderstehlichen David-gegen-Goliath-Geschichten waren schon immer ideales Filmfutter, denn ein jeder träumt schließlich irgendwo heimlich davon, dem großen Platzhirsch mal eins auszuwischen. Mangold hat diese Mechanismen perfekt verstanden und triggert sein Publikum mit allerlei dramaturgischen Tricks und Kniffen. So präsentiert er die beiden Schrauberfreaks Shelby und Miles als sympathische Underdogs, die das Herz am rechten Fleck und vor allem auch auf der Zunge tragen. Gleichzeitig stattet er sie mit jeder Menge Gegensätze aus, so dass zwischen den beiden Individualisten auch gerne mal die Fetzen fliegen. Vor allem dem jähzornigen Miles (Christian Bale in einer Paraderolle) brennen ein ums andere Mal die Sicherungen durch und ein Blatt vor den Mund nimmt er schon mal gar nicht. Zum Glück ist er auch Familienmensch und wird von einer hemdsärmeligen Gattin und einem ihn anhimmelnden Sohn immer wieder geerdet.  
Der besonnenere Shelby (Matt Damon) hat sich da deutlich besser im Griff, auch weil er mindestens genauso ehrgeizig ist und das große Ganze deutlich fokussierter im Blick behält. Wegen Herzproblemen musste er eine viel versprechende Fahrerkarriere urplötzlich beenden und sich zeitweise als Autoverkäufer verdingen. Da ist die Chance mit den Mitteln von Ford einen Überrivalen wie Ferrari zu fordern wie ein Sechser im Lotto. Und Miles ist in diesem Spiel seine Glückszahl.    

„Le Mans 66" ist also auch ein schmissiges Buddy-Movie, bei dem die beiden (Maul-)Helden eine Menge harter Prüfungen bevorstehen. So stoßen Shelby und Miles nicht nur auf praktische Hindernisse wie die fehlende Ford-Expertise in Sachen Aerodynamik, Hochleistungsbremsen und Getriebe, es gibt auch äußerst unangenehme Widersacher in den eigenen Reihen, die Ford nicht im Rennsport sehen und die beiden Hitzköpfe scheitern sehen wollen. Hier heißt es dagegen und vor allem zusammen zu halten, um im großen Finale nicht nur über Ferrari, sondern auch über PR-Spezialist Leo Beebe zu triumphieren, der im internen Direktoren-Duell Konkurrent Lee Iacocca nicht vorbeiziehen lassen will. Dazwischen und über allem steht dann auch noch Konzernchef Henry Ford II, der Iaococcas Le Mans-Plan zugestimmt hatte, aber schnelle Ergebnisse erwartet und nicht mit allzu viel Geduld gesegnet ist.

Es gibt also zwischenmenschliche Spannungen auf diversen Ebenen, dazu einen erheblichen Erfolgs- und Zeitdruck. Mangold spielt dieses dramaturgische Sieger-Blatt souverän aus und tritt permanent aufs Gaspedal. Aber auch sein Personal drückt voll auf die Tube. Matt Damon und Christian Bale gehen in ihren schillernden Figuren voll auf und sind auch als Team grandios. Dazu kommt ein auch in kleineren Rollen (Josh Lucas, Jon Bernthal, Tracy Letts) groß aufspielender Cast, so dass die so zentrale Empathieschraube bombenfest sitzt.  

Das Innenleben ist also schon mal vom Feinsten. Fehlt nur noch die Karosserie in puncto Look und Renntauglichkeit. Was bei solchen Period-Pictures wie Le Mans 66 immer besonders viel Spaß macht, ist die Zeitreise in eine vermeintlich gemütliche Vergangenheit. Vor allem das Jahrzehnt von 1955 bis 1965 bietet ein Füllhorn stilsicherer und schicker Outfits wie Interieurs, man hat das Gefühl hier war noch Geschmack angesagt und die modischen Entgleisungen vor allem der 1970er Jahre noch in weiter Ferne. Ein wahres fest für Ausstatter und Setdesigner also und diese Gelegenheit ließen sich die entsprechenden Jungs und Mädchen bei „Le Mans 66" auch nicht entgehen. Der typische 60s-Look ist also schon mal wunderbar getroffen. Bleibt noch die Action.

Ein Rennfahrerfilm sollte natürlich möglichst auch Rasanz, Gefahr und Herausforderung des Sports vermitteln, was keinesfalls so leicht ist, wie gemeinhin angenommen. Die inzwischen im Kino fest etablierte CGI-Technik wird hier zum Kolbenfresser. Nicht nur ist das Publikum von all den gepixelten Schauwerten erkennbar übersättigt, auch das Wissen um die künstliche Herkunft des Gezeigten hat häufig nur noch ein gelangweiltes Achselzucken zur Folge. Mangold und sein Team gingen glücklicherweise einen anderen Weg.
Für „Le Mans 66" kam ein umfangreicher Fuhrpark originalgetreuer Boliden zum Einsatz und diesen Authentizitätsaufwand spürt man sofort. Eingelullt von all dem öden Fantasy-Konsolen-Gehopse des modernen Mainstream-Kinos, wird man endlich mal wieder in den Kinosessel gepresst und hat das Gefühl, das Geschehen auf der Leinwand unmittelbar zu erleben. Neben der Leistung der Stuntfahrer ist das vor allem ein Verdienst des perfekten Zusammenspiels von Kamera, Schnitt und Sounddesign. Wenn Christian Bale alias Ken Miles seine wilde Aufholjagd startet, schaltet das Bild permanent zwischen seinem angespannten Gesicht, dem Schaltknüppel und den Fußpedalen hin und her. Dazu gibt es immer wieder Ansichten der Strecke aus der Totalen sowie aus der unmittelbaren Fahrersicht. Komplettiert mit einem röhrenden, kristallklaren Sound entsteht ein Adrenalin-Erlebnis, bei dem man sich selbst hinter dem Steuer wähnt.

Wer nach diesem Film noch freudig die flächendeckende Einführung autonomen Fahrens erwartet ist selbst schuld. Interessanterweise wird dem Film trotz seiner hemmungslosen Glorifizierung von Geschwindigkeit, Motorkraft und männlichem Imponiergehabe nirgends ernsthaft ein reaktionärer Geist unterstellt. Denn eigentlich ist „Le Mans 66" ein Anti-Zeitgeistfilm wie er im Buche steht. Ob es daran liegt, dass er die Sehnsucht nach einer imaginären guten alten Zeit bedient, oder ob er einfach in seiner perfekt austarierten Mischung aus Empathie und Drama alles und jeden mitreißt, man kann sich der Faszination des Films einfach nicht entziehen. Das ist Überwätigungskino ganz ohne digitales Sperrfeuer. Eine Charmeoffensive ganz ohne schmieriges PC-Gedöns. Fast and Furious auf die puristische Art.
Eine der schönsten, weil alles auf den Punkt bringende Szene ist dann auch die, als Carroll Shelby seinen und Ken Miles Job retten will. Dazu bittet er den bärbeißigen Henry Ford II zu einer Spritztour auf die Rennstrecke. Der weint und schluchzt im Anschluss wie ein kleines Kind. Nicht aus Angst ob des unvermittelten Höllenritts, sondern aus purer Freude ob des rauschhaften Erlebnisses - und aus Trauer, weil sein alter Herr das nicht mehr erleben durfte. Ein magischer Moment in einem magischen Film.

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