Zu den schlimmsten elterlichen Erfahrungen gehören psychisch bedingte Verhaltensstörungen, die geliebte Kinder ganz plötzlich an den Tag legen und die durch kein noch so gutes Zureden und Handeln zu beseitigen sind. Auch die Mittvierzigerin Wiebke (Nina Hoss) muß sich mit dieser Tatsache auseinandersetzen, die zunehmend schlimmer wird und ihr ganzes soziales Gefüge bedroht.
Dabei hatte alles so gut begonnen: die alleinerziehende Mutter, die einen Reiterhof besitzt, auf dem Polizeipferde trainiert werden, hatte vor einigen Jahren ein Kind adoptiert. Aus rechtlichen Gründen mußte sie dazu nach Bulgarien fahren, doch die inzwischen 9-jährige Nicolina (Adelia-Constance Ocleppo) erwies sich dabei als Glücksgriff, die die Umstellung von Sprache, Land und Bezugsperson problemlos meisterte. Nach dieser positiven Erfahrung beschließt Wiebke, erneut ein kleines Mädchen aus Bulgarien bei sich aufzunehmen, und anfangs scheint die 5-jährige Raya (Katerina Lipovska) auch ein passender Familienzuwachs zu sein, doch dann fangen die Probleme an.
Denn nach einigen Wochen unauffälligen Verhaltens auf dem weitläufigen Reiterhof im ländlichen Nord(?)deutschland beginnt das kleine blonde Mädchen mit ungewohnt aggressiven Verhaltensweisen zuerst ihre Stiefschwester, dann ihre neue Mama und schließlich auch die anderen Kindergartenkinder zu attackieren. Wiebke versucht, dies mit mütterlicher Fürsorge auszugleichen, geht auf das Kind ein, läßt einiges durchgehen, stellt jedoch fest, daß nichts was sie unternimmt die oftmals ohne jeden Anlaß plötzlich aus dem Nichts herumschreiende und randalierende Kleine in irgendeiner Weise beeinflußt. Doch Wiebke wäre nicht Wiebke, wenn sie nicht felsenfest daran glauben würde, daß sie das Problem lösen könne. Dabei bemerkt sie nicht, wie sehr ihr ihr eigenes Leben langsam aber sicher entgleitet...
Bösartige Kinder, die offensichtlich von dunklen Mächten besessen sind, kennt man aus diversen Horrorfilmen, in Katrin Gebbes Drama Pelikanblut jedoch sind es nicht die üblichen Genrezutaten wie Schatten, Stimmen oder Jump Scares, die für Spannung sorgen, sondern vielmehr eine mit beiden Beinen fest im Leben stehende Adoptivmutter, die dem unguten Treiben viel zu lange zuschaut und auf "Hausmittelchen" setzt, bevor sie schließlich doch Hilfe von außen akzeptiert. Da allerdings ist es beinahe zu spät, und die im Film angebotene "Lösung" kann keineswegs befriedigen.
Zuvor jedoch mag man sich das eine oder andere Mal wundern, wieso Wiebke sich derart viel von Raya gefallen läßt, ohne einmal konsequent Grenzen zu setzen. Daß sie keine männliche Hilfe akzeptiert - einen geeigneten Kandidaten gäbe es mit dem verständnisvollen Polizisten Benedikt (Murathan Muslu) ja durchaus - mag an der Zielsetzung der Regisseurin liegen, welche dieses frauenspezifische Thema dann lieber ihre Hauptdarstellerin im Alleingang bewältigen lassen will. Für den Zuseher erhellend wirkt da nur die Diagnose des (immerhin) zu Rate gezogenen Kindertherapeuten, der von einer schwerwiegenden Persönlichkeitsstörung spricht, welche nur in langwieriger Therapie zu lindern wäre, freilich ohne Garantie auf einen positiven Ausgang.
Während Wiebke dem Satansbraten also mit größtmöglichem Verständnis entgegentritt, vernachlässigt sie dabei zunehmend ihre ältere Tochter Nicolina, die gegen Mitte des Films den bezeichnenden Satz "Hast du auch Angst vor ihr?" vom Stapel läßt. Aber auch diese Äußerung beeindruckt die Adoptivmutter nicht, auch nicht der Verweis der Kleinen aus dem Kindergarten aufgrund massiver Beschwerden der anderen Eltern. Als ihr eine lange absente Freundin von einem Vorfall Monate zuvor berichtet, bei der ihr gleichjähriger Sohn von Raya mißbraucht wurde, hüllt sie sich in Schweigen. Nicht einmal die Ankündigung, daß sich die örtliche Polizei einen anderen Reiterhof suchen wolle, kann sie umstimmen, eine Brandstiftung im Kinderzimmer spielt sie beiläufig herunter.
Vorbildlich ist dieses Verhalten freilich schon lange nicht mehr, und daß sich die hoffnungslos verfahrene Situation am Ende durch eine Art Hokuspokus zum Besseren wendet, ist ziemlich realitätsfern und daher unglaubwürdig: die angebotene Filmlösung stellt weder für ähnlich gelagerte Fälle noch für ein mitdenkendes Publikum eine auch nur irgendwie praktikable Lösung dar - schade drum.
Nina Hoss spielt ihre Rolle als toughe Mutter mit Scheuklappen gewohnt souverän, auch die beiden Kinderdarsteller machen ihre Sache angemessen, wobei speziell die Darstellerin der 5-jährigen Raya weniger durch ein paar sichtlich einstudierte Sätze in gebrochenem Deutsch zu überzeugen weiß (mehr kann man von einem Kleinkind auch nicht erwarten), als vielmehr die ihr vom Drehbuch zugeschriebenen Taten Beklemmung und Schrecken verbreiten.
Pelikanblut, dessen Titel auf eine Eigenart dieser Tiere (bei dem ein Muttertier mit seinem Blut tote Brut wiederzubeleben versucht) hinweist und im späteren Verlauf des Films noch eine menschliche Entsprechung dieser Verhaltensweise erfährt, liefert trotz seines unbefriedigenden Finales nach knapp über 2 Stunden Laufzeit Diskussionsstoff über das Filmende hinaus: 6 Punkte.