Aus: "Fränkischer Tag - 27.11.2002"
Russen murksen nicht gleich jeden ab
Film bleibt Fiktion - Erlanger drehten 45-minütige Mafiageschichte fürs Kino
von Nikolas Pelke
Erlangen. Allen Grund zum Strahlen hatten jetzt die jungen Kinomacher von "Kombinat". Das Drehen und Verfassen einer 45-minütigen Kinogeschichte ist nämlich das Eine, auf Anhieb einen Kinosaal zur Premiere zu füllen jedoch eine ganz andere Geschichte. Dabei hatten alle Beteiligten zahlreiche Hürden zu überwinden, ehe sich die rund 100 Kinogäste bequem in ihre Sessel im Lamm-Kino zurücklehnen konnten.
Der 23-jährige Student Marian Ehret vollbrachte als Autor, Kameramann und Regisseur des schwarzhumorigen Gangsterreigens die Heldentat, in nur sieben Tagen Drehzeit an 52 Schauplätzen die tragische Geschichte des ruhmlosen Todes der beiden sympathischen, türkischen Ganoven Serdal und Kadir spannend mit der Kamera einzufangen, ohne dabei den eigenen Kopf zu verlieren.
Gangstertreffen mit farbenfroher Truppe
Pünktlich zu den Dreharbeiten in den Semesterferien im Frühjahr stand die farbenfrohe Truppe aus Schauspielern, Beleuchtern, Script-Girls und Co-Produzenten parat, die der
Kinoenthusiast Ehret für sein internationales Gangstertreffen "Kombinat" in Erlangen ohne Aussicht auf Gage zusammentrommeln konnte.
Während sich im Film die Mafia der Russen, Türken, Deutschen und Japaner die Klinke in die Hand gibt und sich dabei gegenseitig nach dem Leben trachtet
( naturgemäß aufgrund einer ominösen, schwarzen Box, dessen Inhalt der Zuschauer nie erfährt ), fungiert Erlangen, genauso, wie es in den guten, alten Wild-West-Filmen die Cowboystadt immer gewesen ist, als schablonenhafte Gangsterkulisse für die dramatischen Fehden zwischen den skurrilen Gestalten. Am Ende überleben die Stärkeren und brechen zum Schluß des unterhaltsamen Streifens in einer schwarzen Limousine auf zu wahrscheinlich neuen Gangstergeschichten.
Keine Stadt der Gangster und der Blutfehden
Die Frage nach dem Sinn beantwortete sich schnell, falls man nach der Premiere noch Zeit und Lust fand, einen kurzen Blick zur Premierenfeier der Kinomacher zu werfen, zu der alle Kinogäste von den Kinomachern herzlich eingeladen wurden. Denn da zeigte sich eben, dass Film Fiktion ist ( sprich Russen murksen nicht jeden zwingend ab ).
Viele Kinogänger konnten hier von dem Erlanger Hauptdarsteller Levent Özdil ( Serdal ) erfahren, dass er privat kein Gangster ist, sondern auch schon Kurzfilme gedreht hat und eigentlich recht freundlich dreinblicken kann. Oder zum Beispiel der japanische Student der Politikwissenschaften, Yoichi, der in "Kombinat" zwar nur mit einem kurzen, namenlosen Leben gesegnet war, im realen Leben aber sehr gut Deutsch spricht und auch gerne Leute kennenlernt, egal welcher Nationalität, weil er beabsichtigt länger in Erlangen zu bleiben. Und das gedenkt Yoichi zu tun, gerade weil Erlangen keine Stadt der Gangster und Blutfehden ist, sondern vielleicht in Zukunft eine Stadt des jungen Films werden kann, wenn weiterhin die Macher, Kinobetreiber und Zuschauer so gut zusammen harmonieren.
Dabei steht die Hoffnung ganz gut, dass einige dem Beispiel Ehrets folgen könnten. Denn der Grad der Bewunderung , Gratulation und Respekt des jungen Publikums für den Filmemacher und sein Team läßt vermuten, dass sich schon bald weitere Kreative in puncto Film in Erlangen zusammenfinden könnten.
Wenn sie Marian Ehrets Beispiel folgen wollten, müssten sie zuerst eine abgründige Fiktion kreieren, später über Monate in Arbeit versinken, um zum Happy-End eine bessere Realität bei der Premierenparty anschließend feiern zu können.